Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1892)
- Date
- 1892-09-23
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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468 äußerste» Winkel, wo bei der Flasche ein schmutziger Kerl saß, der bereits lauernd nach ihn: hiuschielte. Meier durchschritt die Gruppen der Zecher und Lärmer und riickte sich einen Stuhl an den Tisch jenes schon erwähnten Mannes aus dem Volke. i „Ihr kommt spät," . . . sagte dieser. . . „es waren wohl « wieder Eure verfluchte» Gebräliche, die Euch abhalten!"! „Die sind jetzt verboten!" . . . mischte sich eine mächtige Baßi stimme aus der Nähe ein . . . „der Konvent hat auch fürs Juden- « Volk gesorgt und es zu verirünftigeu Bürgern gemacht. Sie sind > heute ihr Pfaffengewüsch eben so gut losgeworden, wie wir archern ehrlichen Leute. Chalnnette hat sie vom Joche der kananitischen Pfäsfereien befreit und sie der Vernunft unterworfen. Es lebe die Vernunft, unsere neue Gottheit, Tod den Verrätheru!" „Tod den Verrätheru!" . . . brüllte die Menge nach und leerte die Gläser. „Ich gratulire!" . . . begann der erslcnvähnte Sanskülotte wieder, indem er Meier die Hand drückte . . . „Also auch Ihr Schachervolk vernünftig! Es ist doch ein großer Mann, di.scr Härdert, er versteht Alles! Aber" . . . fuhr er mit gedämpfter Stimme fort.wie gehen unsere Angelegenheiten, noch nichts Neues anfgespürt, wobei es zu verdienen giebt? Seid Ihr noch nicht wieder so einem Goldfischchen von Aristokraten auf der Fährte, dessen Kopf uns so ein Hunvertchen von Assignaten bringen könnte?" . . . „Die Aristokraten sind leider schon Alle aufgebraucht;" . . erwiedcrtc Meier . . . „aber ich habe ein anderes Planchen, das Euch ein Stück Geld in die Tasche bringen soll!" . . . Ter Sanskülott rückte näher und setzte sich mit dein Rücken gegen die Andere», um nichts vom Gespräch hörbar werden zu lassen. „Ihr wißt" . . . fuhr der Jude fort . . . „daß uns heute bei Todesstrafe jede Verehrung des einigen Gottes verboten wurde. Nun ist aber die Judenschast ein zähes Volk und es nahet eines ihrer heiligsten Feste, der Versöhnungstag! . . . „Und Ihr meint, da könne eine sehr unversöhnliche Geschichte daraus entstehen?" . . . grinste der Andere und strich sein fettiges > Haar zurück, das ihm wild um's Gesicht hing. (Schluß folgt.) * Filterarische Mittheilungen. — I. B. Levinsohn: Die Blutlüge (Ef'ess Damim). Aus dem Hebräischen! von A. Katz. Berlin, H. Schildberger, 1832. Das Buch von Levinj so hu, vor Jahrzehnten anläßlich der Damaskusgeschichte entstanden, hat j heilte noch klassischen Werth. Es ist streng sachlich gehalten und weist j in vornehmer Haltung, in edler, populärer, aber doch gediegener Weise : die Blntbeschuldigung gegen die Juden zurück. Herr A. Katz hat sich durch die Herausgabe dieses Buches gerade in dieser Zeit ein wirkliches Verdienst erworben; seine Nebersetzung ist eine vortreffliche, und die Bioj graphie Levinsohns ist eine werthvolle Beigabe. Wir glauben, daß das « Buch eine ebenso interessante Lektüre für Juden wie für Nichtjuden sein j konnte und hoffen, daß es manches thörichte Vorurtheil beseitigen wird. * Deutsche Schreib-Lese-Fibel und erstes Lesebuch von Raphael Evhn. (Berlin, S. Gerstmanns Verlag.) Die vorliegende, aus der Praris hervorgegangene und nach der Normalwörter-Methode bearbeitete Fibel zeichnet sich vor andern derartigen Erscheinungen zunächst dadurch aus, daß sie alles Konfessionelle fernhält, gleichwohl aber auch den frounnen Sinn des Kindes weckt und das Gemüth veredelt. Schon dies wird die wohlverdiente Einführung in jüdischen Elementarschulen beschleunigen, nicht minder aber auch oer Vorzug der Anlage und 'Auswahl des Lesestoffes Ter Verfasser hat die als weitaus beste anerkannte Normalwörtermethode gewählt, und die reichen Erfahrungen verwerthend, die er sich während seiner 30 jährigen Lehr-Thätigkeit erworben, berücksichtigt er in behutaurem F ortschreiten oom Leichteren zum Schweren die Schreib- und Sprachschrmerigkeiteu mit möglichst großer Gleichmäßigkeil, und gleichzeitig wird durch die beigefügten Illustrationen den Kindern das Berständniß wesentlich erleichtert. Die Lesestücke sind sehr gut mim gewählt und zeigen gleichfalls den praktisch erfahrenen Schulmann. Für die beste Ausstattung hat die Verlagsbuchhandlung gesorgt. Wir zweifeln nicht, daß dieses Lesebuch sich überall Freunde erwerben wird. Sprechsaal. Herr Dr. med. Steinthal in Berlin veröffentlichte in der vorletzten Nummer dieser Zeitung einen Artikel, in welchem er bio Rabbiner auffordert, wegen der herrschenden Choleraepidemie an de» bevorstehenden Versöhnungstag einen Dispens von dem Fasten au; zusprechen. Hierzu erlaube ich mir zu bemerken, daß ein Präzedenzfall, auf den marr sich etwa beziehen könnte, in der talmudisch-rabbillischen Litteratm.! so viel ich weiß, nicht vorhanden ist. Dagegen giebt es aber doch einen j Anhaltspunkt, oon welchem aus eine Entscheidung über diese Frage o. i troffen werden kann. Es wird nämlich in Mischna, Gemara und selbü j verständlich auch in den Codices, also auch in dem Schulchan Aruch .! die Vorschrift ausgesprochen, daß, wenn an einem Orte das Vorhanden sein der Pest oder sonstiger ansteckender Krankheiten konstatirt ist, nebn dem Abhalten von Blttgebeten auch gefastet werden soll. Hierzu bemeni rum Abr. Gmnbiner in dem D!T"DK pft, bekanntlich die erste Autorität unter den Kommentatoren des In unserer Zeit fastet man durchaus nicht zur Zeit der herrschenden Pestkrankheit, denn es ist erprobt, daß, wer nicht ißt und nicht trinkt, sich der Gefahr aussetzt, von der pestschwangern Luft einzu athmen. Also trotzdem, daß das Fasten seit vielen Jahrhunderten v-"., den Religionsbehörden bei ansteckenden Krankheiten geboten war, ly:\i Gumbiner in Folge der auf dem Gebiete der Hygiene gemachten Er fahrungen sich dagegen ausgesprochen?) Man sage nicht, daß cs doch ein Unterschied sei zwischen einer menschlichen Satzung, wenn sie auch noch so lange befolgt wurde, und dem göttlichen Fastgebote am Ber söhnungstage. Es ist vielrnehr der Grund zu beachten, weshaü' Gumbiner sich gegen das Fasten erklärt: weil es Leben und En sundheit gefährdet, das verbietet aber auch das Fasten am Bcr söhnungstage. Nur weil mau die Gefahr nicht kannte, die das Faste-! an einein verseuchten Orte für Leben und Gesundheit nicht blos br Fastenden, sondern auch der ganzen Umgeburg derselben lnit sich sühn, nur deswegen sind unsere früheren Religionsbehörden niemals in die Lage gekommen, sich für das Unterlassen des Fastens am Versöhnung tage auszusprechen. Schließlich mag hier noch beiläufig auf die Vorschrift aufmerksam: gemacht werden, daß bei dein Ausbrechen der Pest unter den Schweine'! ebenfalls gefastet werden soll, angeblich weil die Beschaffenheit der Eiu geweide der Schweine der Beschaffenheit der Eingeweide der Menschen ähnlich sei! Frankfurt a. M., 13. September. S. Süskind, em. Rabbiner * Sehr geehrter Herr Redakteur! Zu der Redaktionsbemerkung in Nr. 37 Ihres gesch. Blattes, wonac' eine Dispensation vom Fasten für den Versöhnungstag gewissermaße: ex e.'ckiiedl'a vor 50 Jahren von den strengen Rabbinern angeordnet wurde erlaube ich mir zu bemerken, daß der unumschränkte Fastendisper' während der Eholeraepidemie 1831 seitens der Rabbinen sich nur auf dei 0. Aw erstreckte (vergl. R. G. Maamar Mordechai 07), für den Bce söhnungstag aber der wenig beschränkte Genuß, welcher auch sonst b | Krankheitsfällen versuchsweise zunächst angewiesen wird ronij D"IS rbvX ■’-TIC r^a). zur Zeit der Gefahr empfohlen wurd. j (Ehatham Sofer, IV., 23.). — Hoffentlich haben wir mit Gottes Hilf.! nicht nöthig, der Frage näher zu treten. Hochachtungsvoll! ___ Rabbiner Dr. L. Wreschuer! *) Orach Chajim 570. j -) Man scheint also schon zu seiner Zeit das Fasten unterlasse« zu haben. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. I Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.