Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1892)
- Date
- 1892-09-23
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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464 ich gleich an einem eklatanteren Beispiele, als dem schon erwähnten, zeigen werde. Rosch-Haschana rückte nun immer näher heran, und ich wußte immer noch nicht, wo eine Synagoge in Rom sei, nachdem ich die Peterskirchc, den Vatikan mit seinen stannenerregenden Sammlungen bereits mehr als ein Mal mir angesehen und gründlich studirt hatte; da begegneten mir zwei Tage vor dem genannten Feiertage zwei sehr zerlumpt aussehende Hansirer auf der Via della mercede, von denen ich auf Befragen erfuhr, daß sie Juden seien; ich erkundigte mich nun, wo die Synagoge und wann der Gottesdienst am Vorabend des Festes, am beginne, da wurde mir zur Antwort: versa I'Avsmana, d. h. uni die Zeit, als die Abendglocke zum Avemaria-Gcbet geläutet würde, also gegen Abend. Alan kann sich mein Erstaunen denken, von Inden eine derartige Zeitangabe zu hören, statt, >vie mir zweifellos polnische Glaubensgenosse» auf meine Frage geantwortet haben würden: iHipatPH J’2. Tie Synagoge, oder vielmehr die Synagogen — es sind nämlich drei neben einander liegende, die eine, die sizilische, und die beiden anderen nach spanischen Provinzen benannt, deren Namen mir entfallen siird, — ist nicht alt, sie stammt aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, enbehrt nicht eines gewissen, wenn auch einfachen, äußeren Schmuckes, und ist so ziemlich das Einzige, was vom alten Ghetto noch stehen geblieben ist, während alles klebrige als ein mächtiger Schutthaufen dalag, dessen Anblick kein erfreulicher war. Wer das moderne Rom kennt, wird mir glauben, daß es mir erst nach langem Suchen, trotzdem ich nicht weit vom Ghetto wohnte, in der Piazza di San Marco, unweit der bekannten Piazza Venezia, gelang, die Synagoge zu fiirden. Es war wirklich versa l’Avemarin, als ich hinkam; und da fand ich vor jener, mit dem Gebetbuch i» der Hand, auf den Beginn des Gottesdienstes wartend, einen Btann in mittleren Jahren, mit flachsblondem Haar, blauen Augen und gerader Nase, kurz, Völlig germanischen Aussehens, wie man es nur noch auf deutschein Gebiete in Friesland und in skandinavischen Ländern häufig findet; ihm zur Seite aber stand ein mehr jüdisch aussehender Knabe, sein Sohn; Beide, aus Venedig stammend, waren nach Rom zum Vergnügen gekommen. Diese äußeren, manchem vielleicht als höchst nebensächlich erscheinenden Merkmale der Juden erwähne ich deshalb, weil man seit ungefähr einem Jahrzehnt von anthropologischer Seite angefangen hat, die Juden auf ihre physische Beschaffenheit hin zu untersuchen, und zu dem Resultat gelangt ist, um cs kurz anzudeuten, — ausführlicher habe ich darüber unter dem Titel: „Tie Raffenmischung im Jndenthum" in der Zcitschrist „Das Ausland, Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde, herausgcgeben von R. von den Steinen", 1891 (Nr. 42 Seite 834-839 und Nr. 43 Seite 849—855) gehandelt, — daß die Jude» gerade so wenig einen reinen, ungemischten, von allophylen Elementen unberührten Volksstamm darbieten, als irgend ein anderes Kulturvolk. Daß die Aussprache des Hebräischen seitens der Inden in Rom die sephardische ist, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Interessant war mir aber, zu hören, daß mir gleich beim Eintritt in die Synagoge vom Synagogendiener ein „Talithc", nicht Talith, angeboten wurde; das ist ganz nach dem italienischen Auslautgesetz gebildet, das bekanntlich am Ende eines Wortes (im Auslaut) keinen Konsonanten duldet. Weit älteren Ursprunges dagegen dürfte die Aussprache des j? seitens der Inden in Rom sein. Vorbeter nämlich wie Gemeinde sprachen nicht anders als: Janakob statt Jakob, wejunalujr in dem bekannten Refrain: ->^>''1 Allerdings sprechen auch wir das j) nach einem Patäch nicht als reines a, jott dern nasalirt, als Nasalvokal: Jäkow, laßoß: rc. Gegen 6000 Juden sollen, wie mir gesagt wurde, in Rom leben, von denen der allergrößte Theil bettelarm ist; es giebt nur wenige Reiche unter ihnen, und ich erinnere mich nicht, jemals, selbst in Polen nicht, so zerlumpt aussehende Juden in einer Synagoge gesehen zu haben. Was die Ursache dieser traurigen Erscheinung ist, habe ich leider nicht in Erfahrung bringen können. Dagegen gleichen die römischen Juden darin den deutschen, dar sie ebenso wenig die hebräischen Gebete verstehen als diese, und dabe: ist der Gottesdienst ganz hebräisch, init einer einzigen Ausnahme, daß vor dem Schofar-Blasen ein Arzt, wie mir gesagt wurde, der „Manheg' (wörtlich: Führer, Vorsteher), — wenn ich nicht irre, hieß er Cafferelli - eine schriftlich ausgearbeitcte Predigt mehr vor sich hinlas als vortru, und zwar in einer fürchterlichen Monotonie, ohne daß die Zuhörer midi nur im Geringsten auf jene geachtet hätten. Was die Kenntniß oder vielmehr Unkenntniß des Hebräischei. betrifft, so erinnere ich mich, daß mir einer meiner Nachbarn in der Synagoge sagte, er verstände keutWort von dem, was gebetet würde, und dennoch, fügte er hinzu, hätte er noch niemals, obwohl er viel in italienischen Gegenden gereist wäre, in denen keine Juden wohnen „trefe" gegessen. Und dabei waren die Gebete, die Piutim, die sich zum aller geringsten Theile mit denen des in Polen und Deutschland gebrauchten Machsors decken — es giebt bekanntlich ein Machsor nach römischen [ Ritus — im Gegensatz zu denen des Elasar den Kalir, im reinste:! Hebräisch abgefaßt, ungekünstelt und wahrhaft ergreifend. Nur eine fehlte dem Machsor des sephardischcn Ritus, die yiöce- «ln re-si stauce für unsere Glaubensgenossen in Deutschland und Polen, das: spin rurui, es war weder an den beiden Neujahrstagen noch an: Bersöhnuugstage zu hören, während, soviel ich weiß, selbst da- Geiger'sche Machsor ihn nicht ganz beteitigt hat. Der Grund jener Erscheinung mag vielleicht darin liegen, daß jenes Gebet, de: Sage nach wenigstens, in Mainz entstanden ist und daher nur in das deutsche und in das von ihm abhängige polnische Machsor auf genommen wurde. Unerklärlich dagegen ist und bleibt mir bis auf den heutigen Tag die merkwürdige Thatsache, daß, während der wohl ohne Ueberlrcibmn: allergrößte Theil der Juden, soweit er wenigstens aus „Aschkenasim" besteht, d. h. eben der Hanpttheil — denselben „Trop" hat beiin Vorlesen der Thora, dieselben Töne erschallen läßt beim Schofarblascu und endlich an den mehrfach genannten hohen Feiertagen, und nicht blos an diesen, dieselben feierlichen Oiesänge hat. so daß, wer in Paris oder Wien als Jude (als Aschkenasi natürlich) geboren und erzogen ist, in Odessa oder Moskau dieselben Töne in der Synagoge zu hören bekommen wird, die ihm van seiner Kindheit an lieb geworden sind, — daß in Rom, sage ich, von alledem keine Spur zu finden war: sowohl an den beiden Neujahrstagen, wie am Versöhnnngstage am Vormittag und gegen Abend (zu Schacharith und Minchah) war beim Vorlesen der Thora der „Trop" ein ganz anderer als bei uns. Mit derselben langweiligen, wahrhaft einschläfernden Monotonie wurden sowohl der Kol Nidre wie die Abodab und Ne'tlah, diese musikalischen Perlen bei den Aschkenasim, (so daß der erstere durch die Komposition von Max Bruch fürs Klavier auch bei Nichtjuden vielen Beifall gefunden hat), am Jomkippur in Rom gebetet. Für diese auffallende Erscheinung weiß ich so lange keine Erklärung, als ich wenigstens nicht sagen kann, woher die alten synagogalen Gesänge der heutigen Juden stammen mögen. Sie werden genwhiilich, wie Kundige wissen, genannt, d. h. als waren sie nach den Einen noch am Berge Sinai überliefert worden, nach den