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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-23 · Heft 39 (23.9.1892) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 39 (23.9.1892)
Date
1892-09-23
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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m IS) 463 Gemüse- und Obsthändler, die auf den Märkten einen Stand haben oder mit einem Wagen durch die Straßen peddlen, und trotz der chwierigkeit, die die strenge amerikanische Sonntagsfeier dem abbath in den Weg legt, halten diese Leute mit einem beanmderungswerthen Idealismus ihren Sabbath. Nun giebt es aber eine ziemliche Zahl anderer, die sagen: „Wenn man hat „Rent" iMiethe) zu bezahlen, ist schwer Schabbes zu halten"; andere wieder :vollen, nicht gauz unlogisch, daß erst die Reichen Schabbes halten i ollen, und eine nicht unbeträchtliche Zahl besteht aus richtigen Nihilisten. Man kann mitunter einen Schuster am Sabbath in seiner Werkstätte sehen, der ein ivenig von seiner Arbeit ausruhend, eine Cigarette dreht und dabei ein Jargonblatt oder eine hebräische Zeitung liest. So läßt sich denn heute schwer Voraussagen, welchen religiösen Entwickelungsgang die Tausende von Eimvanderern ein- -chlagen und hervorbringen werden, denen es unter dem Schatten oes Doppelkreuzes zu heiß wird. Bis heute sind sie die einzigen stützen der Orthodoxie. Sie sind es, die die Schechita mit größter Nigorosität aufrecht erhalten, und das in einer Weise, wie es manchen Uten „Kehilla's" in Europa mit allen Subventionen nicht gelingt; ihre Fleischer haben am Sabbath ihre Läden gesperrt, verkaufen das Fleisch innerhalb dreier Tage und halten nur koscher Fleisch auf Lager. Die russischen Gemeinden sind es auch, die noch überall das rituelle Frauenbad haben und ihren Gottesdienst nach polnischem Muster erhalten. Die wenigen ungarischen Gemeinden haben höchstens ine offizielle Orthodoxie, der das private Leben der Mitglieder bcnsowenig entspricht, wie das in Europa der Fall ist. Es scheint demnach dafür zu sprechen, daß die Reform siegreich •'ein wird, denn die Gegensätze sind nicht so scharf hier als in > uropa. Die Berschiedenheit des religiösen Standpunktes behindert olirchaus nicht den gegenseitigen, freundschaftlichen Verkehr. In Newyork existirt ein lokaler Rabbiner-Verband, dem außer den zumeist auf entschiedenem Reform-Standpunkt stehenden Rabbinern nicht nur der orthodoxe Dr. Klein, der vor seinem Amtsantritte die Bedingung stellte, daß das Gitter der Franen-Galerie bis zur Raubthierkäfigvöhe erhöht werden müsse, angehört, sondern auch der 3“l der Rabbiner der russischen Gemeinde, Rabbi Jakob Joseph. Unser College, welches in sofern auf dem Reformstandpunkt steht, als die Lheilnehmer an dem Gottesdienste daselbst ohne Kopfbedeckung erscheinen md als man nicht viel danach fragen würde, wenn Jemand inen Schüler am Sabbath beim Rauchen oder beim Trepha-Essen mtreffen würde, wird trotzdem von Söhnen streng orthodoxer Faitilien besucht. Einer unserer Lehrer war zugleich Rabbiner einer orthodoxen Gemeinde, bei der das ganze Machsor noch in Kraft ist, ind zwar so ungeschwächt, daß ein Versuch, Einiges davon zu streichen, unterstützt von einer gelehrten Abhandlung des Rabbiners mit Citaten uns Jbn Esra, Maimonides, Tur rc., an der Opposition der Majorität scheiterte, deren Wortführer, ein alter elsässer Jude, die schlagendste Widerlegung mit den Worten vorbrachte: „Wenn man den Pijut nicht zu sagen braucht, warum steht er im Machsor?" Ich selbst mürbe wiederholt gebeten, in orthodoxen Gemeinden zu predigen, wie ich gleiche Einladungen in Reform-Tempeln erhielt. Kurz, darin herrscht hier eine bei uns unerreichte Eintracht, die kaum durch das Bestreben professioneller Hetzer, welche aus den Beschlüssen der letzten Nabbiner-Konferenz die Waffen.holen, um Zwietracht zu säen, geändert werden dürfte. Mit der letzten Bemerkung ist ein Punkt berührt worden, der auch eine Eigenthümlichkeit des amerikanischen Lebens bildet: die Sitte der Gastpredigten. Die alte jüdische Sitte, einem fremden Rabbiner die Abhaltung einer Predigt zu „verehren", die in Europa dem nach christlichem Muster ausgebildeten Begriffe der Predigt als einer Amtshandlung gewichen ist, lebte hier nach christlichem Muster wieder auf Die Kirche, als ein oft von Konkurrenz hart bedrängter Verein, auf die freiwilligen Beiträge der Mitglieder und auf die Erwerbung neuer angewiesen, bedarf einer „Atraction". Sie findet dieselbe in Festen d. h. Ausflügen, Bazaren, Geselligkeitsvereinen, Erweckungsversammlungen (Revivals) und Gastpredigten. Unterhaltungen zu Zwecken rein kirchlicher Tendenz, die in Berlin, wie ich in diesem Blatte las, so sehr perhorreszirt werden, werden hierzulande selbst Von der katholischen Kirche nicht verschmäht. Die Revivals, eine protestantisch-pietistische Einrichtung, die darauf hinausgeht, eine religiöse Verzückung bei den Theilnehmern hervorzubringen, die als Sünder sich bekennen oder ihrer inneren Glückseligkeit Luft machen, die sie bei dem Gedanken an Christns erfüllt, werden jetzt auch ins Jüdische übersetzt. Geselligkeitsvereine, die mit der Synagoge verbunden, in deren Schulraumen — hier darf der Religionsunterricht nicht in den öffentlichen Schulen ertheilt werden und wird von jeder Gemeinde an den schulfreien Tagen Samstag und Sonntag besorgt, wobei außer den Rabbinern und bezahlten Lehrern auch freiwillige Lehrkräfte wirken — sich allwöchentlich versammeln, sich mit Musik und Gesang unterhalten, Vorträge hören oder Aufsätze verlesen, sind ziemlich allgemein hier. Ueberhaupt sieht man trotz der bürgerlichen Freiheit das Gesellschaftsleben mehr in den konfessionellen Grenzen sich bewegen. Es giebt kaum eine ansehnliche Stadt in Amerika, wo nicht außer den jüdischen Logen Benai Berith und Kescher schel Barzel noch Geselligkeitsvereine in dem Stile der Berliner „Gesellschaft der Freunde" sich befinden, die außer der Pflege der Whist- und Billardkunst auch für Bälle und Sommerfeste sorgen. Ich kann den Grund davon nur in der demokratischen Verfassung sehen, die keine privilegirte Gesellschaftsklasse kennt, so daß die Zulassung in eine Gesellschaft Niemandem eine sozial höhere Stellung einräumen kann. So lebt Jeder nach seinem Geschmack und sucht sich diejenige Gesellschaft, die ihm paßt,'ohne nur im mindesten nach derjenigen zu fragen, die ihn nicht für ebenbürtig hält. 9 Me Juden in Nom. Von Dr. I. Babad, Bibliotheks-Kustos in Greifswald. Es war Mitte September 1889, da schüttelte ich den Bibliotheksstaub von den Füßen, klappte daheim die Bücher zu und ging nach Italien. Da ich aber Verona, die italienischen Seen, Mailand und Venedig von einer früheren Reise her kannte, so fuhr ich direkt nach Florenz, wo ich einige Tage mich aufhielt, uin mir die dortigen Kunstschätze anzusehen. Eines Abends saß ich mit einem mir bekannten, hiesigen Profeffor, den ich zufällig in den Uffizien getroffen hatte, in einer Weinstube und hörte, wie dicht neben unserem Tische ein junger Mann, den ich nie und nimmer für einen Juden gehalten hätte, den eintretenden Hausirer fragte, wann wir n"“l haben, — es war gerade kurz vor Rosch - haschana —. Ich erkundigte mich, ob es in Florenz eine Synagoge gäbe; o, wurde mir zur Antwort, eine schöne, ganz neue, die sehr sehenswerth wäre. Leider kam ich nicht dazu, sie zu sehen, da ich, wie gesagt, nur einige Tage dort blieb und n""l und in Rom verleben wollte. Hier angelangt, traf ich eines Tages einen Herrn an der Ecke der Via nazionale und dem Corso, der mir Jude zu sein schien, und fragte ihn, wo in Rom eine Synagoge wäre; da war aber seine Antwort: non 8uno Ebreo, er sei kein Jude. Man kann sich in dieser Beziehung, namentlich in den romanischen Ländern sehr leicht irren, wo so viele Abkömmlinge getaufter Juden leben, aber auch in entgegengesetzter Richtung, wie

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