Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1892)
- Date
- 1892-09-23
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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462 Voii. sub anno 1079" ersichtlich, kamen schon unter der Regierung Wilhelms I. Juden aus Bristol nach Irland und beirieben dort einen allsgedehnten Handel. Alsbald wurden sie aber ihres Glaubens wegen von den zelotischen irischen Herrschern verjagt, und erst, nachdem die Engländer Herren dieses Landes geworden — der Eroberungszug soll mit dem (Selbe eines Juden, Josce of Gloucester, ausgestattet worden sein — konnten sie hier festeren Fuß fasseil. , , Gegenwärtig bestehen in Irland vier jüdische Gemeinden: Dublin, Belfast, Cork und Limerick, deren größte und wohlhabendste die Dubliner ist. Ihnen kann lionierule nicht nur gleichgiltig sein, sondern ein irisches self-^oveinement könnte bei der dortigen Pfaffenwirthschaft für die Juden leicht llnangenehme Folgen nach sich ziehen. Bon den zwei neuen Pairs, die Gladstone ins Oberhaus berief, steht Cyril Flower, der vielfache Millionär und „schönste Gentleman Londons", zum Judenthum in naher Beziehullg. Seine Frau, eine geborene Barollin Rothschild, ist gleich ihrer Kousine, der vor zwei Jahren verstorbeneil Lady Hannah (Rothschild) Rosebery, trotz ihrer Heirath (in England besteht bekanntlich obligatorische Civitehe) ihrem angestalnmten Glauben treu geblieben, und bethätigt aufs Wärmste die großell Tugenden ihres Volkes: Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Eine geistreiche und hochgebildete Frau, widmet sie auch besonderes Interesse der jüdischen Geschichte und Litteratur, ilnd ein Produkt dessen ist das zusamnlen mit ihrer Schwester Mrs. Eliot Uorke verfaßte Werk „History and literatme of Israelites“. Verfolgen wir alle Phasen im geistigen sozialen Leben der englischen Juden, so überzeugen wir uns immer mehr von der Richtigkeit des Ausspruches Graetz's, daß die englischen Juden alle ihre Glaubensgenossen an Einfluß, Ansehen, politischer Bildmlg und Vornehmheit der Gesinnullg überragen, — an Liebe zu ihrem Volke, Anhänglichkeit zu ihrem Glauben, Aufopferungswilligkeit für ihre Traditionen stehen sie ihnen gewiß nicht nach! N Briefe aus Amerika. Von Dr. G. Deutsch, Professor am Hebrew Union College in Cincinnati. III. Natürlich gehen hier die religiösen Richtungen sehr auseinander, sie variiren durch alle Phasen des Liberalismus und Konservativismus, von dem Sonntagsgottesdienst bis zur Rebbezin mit der das Haar verdeckenden Haube. Ruf der äußersten Linken wird gegenwärtig die Frage des Sonntagsgottesdienstes ventilirt, doch existirt bisher nur eine Gemeinde, die den Sonntag statt des Sabbaths feiert, das ist die des Dr. Emil G. Hirsch in Chicago. Emil Hirsch, ein Sohn des früheren Rabbiners von Philadelphia und Verfassers der bekannten Religionsphilosophie Samuel Hirsch, ist einer der gefeiertsten Redner des Landes — was in diesem vielrednerischen Lande etwas sagen will — und ein Mann von erstaunlicher Wissensfülle. Ter Volkswitz bezeichnet ihn als den frömmsten Juden Amerikas, weil sein Geschäft am Sabbath streng gesperrt ist. Das Prinzip, das er in seiner Zeitschrift „Reform-Advocate" vertritt, ist nicht die Verlegung des Sabbaths, sondern die Feier eines Tages in der Woche, da der traditionelle Sabbath ohnehin nicht gefeiert wird. Andere, wie der trotz seiner jungen Jahre und seiner polnischen Abstammung zu einer unstreitigen Berühmtheit als Redner gelangte Dr. Joseph Krauskopf in Philadelphia, agitiren wohl für die Sonntagsfeier, haben aber bis jetzt nur einen Sonntagsgvttesdienst erreicht, der neben dem Sabbathgottesdienst einhergeht und meistens in einem Wissenschaft lichen Vortrage „Lecture" besteht. Ueber diese Lecture, als eine amerikanische Eigenthümlichkeit, wollen wir später sprechen. Ziemlich nach rechts gerückt ist die Position des Präsidenten unseres College, Dr. Jsaac M. Mse, des ältesten unter den deutsch-amerikanischen Rabbinern, der wegen seines hervorragenden Einflusses scherzhaft „Western Pope" (der Papst des Westens) genannt wird. Früher einer der Hauptanwalte der Reform, ist er jetzt als Gegner der Sabbathverlegung und der gänzlichen Streichung des Hebräischen aus dem Gebetbuche in das konservative Lager übergetreten, oder richtiger, versetzt worden.. Trotzdem würde es in Europa kaum möglich sein, denn das unter seinen Auspicien zu Stande gekommene Gebetbuch räumt nicht nur mit Messiasglauben, Auferstehung der Tobten und verschiedenen dem modernen Gefühle anstößig erscheinenden Ausdrücken genau so wie in Europa auf, was auch die „streng Konservativen" Szold-Baltimore und Jastrow-Philadelphia getha» haben, sondern hat eine dem Traditionellen gegenüber vollkommen freie Stellung. Wise war es, der mit außerordentlicher Energie in der Rabbiner-Versammlung zu New-Iork kürzlich den Beschluß durchsetzte, daß man Proselyten ohne Beschneidung in das Judenthum anfnehmen dürfe. Dieser Beschluß, der schon den deutschen Rabbinerversammlungen in den 40er Jahren zur Berathung vorlag, ist kaum einem erheblichen Widerstande begegnet, doch darf man sich von der Autorität dieser Versammlung keine übertriebene Vorstellung machen; die Juden sind überall Independenten. Ein Rabbiner, der es mit seinem Gewissen, seinem Einsehen und — mit den Ansichten der maßgebenden Mitglieder feiner Gemeinde vereinbar gefunden hätte, einen Unbeschnittenen als Proselyten anzuerkennen, hätte es auch ohne Konferenzbeschluß gethan, und derjenige, der aus Gewissens- und anderen Gründen dagegen gestimmt hat, wird auch jetzt durch die synodale Autorität sich nicht erleichtert fühlen. Der Eindruck, den dieser Beschluß im Publikum hervorgebracht hat, war doch der einer radikalen Reform, denn man fragte sich, wenn für ein Kind nicht-jüdischer Eltern die Beschneidung für die Aufnahme in das Judenthum erläßlich ist, wozu sie bei einem Kinde jüdischer Eltern zu einer eonckitio sine tjua non machen? Die „New-Porker Staatszeitung", die angesehenste deutsche Zeitung im Lande, hat an den Bericht die Bemerkung geknüpft, es werde Beschneidung binnen Kurzem ebenso wenig beobachtet werden, als das Verbot des Gesäuerten am Pessach und das Fasten am Versöhnungstag. Der Reporter, dem das Kriterium fl“0 tPttl? vorgeschwebt hat, ist jedenfalls ein Sachkenner. So weit also die Charakter des rechten Flügels der Liberalen. Die Konservativen, wie Jastrow und Kohut, der bekannte Verfasser des „Aruch completum", unterscheioen sich nur dadurch von den Vorigen, daß sie beim Gottesdienste die Kopfbedeckung aufbehalten, daß sie mit dem Gebetbuche etwas zimperlicher umgehen und daß sie in ihren Predigte» die Orthodoxen nicht angreifen. Die Orthodoxen selbst, d. h. diejenigen, deren Gemeinden wie bei uns theoretisch das „überlieferte Judenthum" mit allen seinen Gebräuchen bis auf das Klopfen mit dem Bachweidenstrauß am siebenten Tage des Sukkothfestes für unverändert und unveränderlich erklären und demnach von ihren Rabbinern dasselbe Prinzip praktisch geübt verlangen, diese Orthodoxen sind, wenn man von den kleinen russischen Gemeinden, die es zu keiner umfassenden Organisation bringen können, absieht, wenige, arm und, weil sie zumeist aus Einwanderern bestehen, einflußlos. Auch kann Niemand sagen, wie die Einwanderung aus Rußland das religiöse Leben beeinflussen wird. Ein großer Theil dieser Einwanderer besteht aus ernst religiösen Leuten. Da sind Handwerker, die zwei Dollars täglich verdienen, Cigarrenwickler, Kleidermacherinnen und eine Reihe anderer, die in solchen Fabrikzweigen thätig sind, mit welchen sich Sabbathruhe verträgt, desgleichen dir zahlreichen