Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1892)
- Date
- 1892-09-23
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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460 uns Alle vorbildliches Ereigniß, denn alle Erziehung muß darauf gerichtet sein, unbekümmert um die Gefahren, die uns drohen, um die Vorthcile, die uns locken, dem Wahren und Guten treu zu bleiben; au diesen Grundsatz sind wir wie Isaak gebu u den. Der Kampf, der das Gemüth des Abraham erregt hat, wie oft mag er sich in den Herzen seiner Nachkommen wiederholt haben! Hier die Aussicht auf Glück und Behagen um den Preis daß wir uns verlieren unter den Bölkern, dort Unruhe und Gefahr, aber die treue Pflege des heiligen Erbes und das Vertrauen, daß Gott das Schwert fortstoßen werde, das wider uns gezückt ist. Ein schwerer Kampf, und dennoch ist der verächtlich, der unterliegt, der sich von einer falschen Liebe verlocken läßt, das Heil der Seele seiner Kinder zu verschachern um der Erde Glanz und Glück. Wer liebt sein Kind heißer, als Abraham das seine geliebt hat? Er brachte ihm Alles znm Opfer, damit er selbst ein Opfer, ein Priester der Wahrheit werde. Abraham thnt das Rechte und überläßt es Gott, daß er Alles znm Rechten wende. Elternliebe versäumt das Wichtigste, wenn sie cs vergißt, den Charakter zu stählen, wenn sic es nicht lehrt, das; wir, wenn es sein muß, uns opfern müssen für das hohe Gut der Wahrheit. Das lehrt uns die Akcdah, das Schriftwort des Neujahrstagcs. Wir finden heut oft genug eine thörichte Elternliebe, die einzig und allein bedacht ist auf irdisches Wohl, die die jungen Seelen nicht bindet, sondern zügellos genießen läßt; jeder Stein des Anstoßes soll aus dem Wege geräumt werden während cs ungleich wichtiger ist, in dem Kinde die Kraft zu erziehen, daß es selbst den Stein aus dem Wege schasst, daß cs nicht durch irgend ein Hindernis; aus der Bahn der Tugend gedrängt wird. Hier soll uns Abraham Borbild sein, daß wir unscre Heiligthümcr nicht verkaufen um irdisches Glück; diesen Opfersinn gilt es, der Jugend einznpflauzcn, daß sie sich gebunden halte an Recht und Wahrheit, daß sie in Sturm und Noth vertraue, cs werde sich schon im Augenblick der höchsten Noth der Engel zeigen, der den Wettern Halt gebietet. U Gin Herold der Versöhnung. Von M. Friedeberg. Unter der Ucberschrift „T i e I u d e >;f r a g e ei n e eth i s ch e Fr age" veröffentlichen die in Leipzig erscheinenden „Grenzboten" aus der Feder eines jüdischen Schriftstellers einen Aufsatz, der angeblich der Versöhnung dienen soll und der auch anderweitig, namentlich in antisemitischen Blättern, bereits Beachtung gefunden hat. Die „Grcnzboten" selbst schicken dem Aufsatze die folgende Anmerkung voraus: „Wir haben diesem völlig unparteiischen Aufsatz die Aufnahme nicht verweigern wollen, möchte er vor Allem auch in jüdischen Kreisen beachtet und beherzigt werden." Ein geistvoller Philosoph hat die Juden das klassische Volk der Selbstkritik genannt, und es kann dem Jndenthum und den jüdischen Schriftstellern der Neuzeit nicht zum Borwurf gemacht werden, daß sie es je au der Gelegenheit haben fehlen lassen, ihrerseits zu einem „Bcrsöhnungstag" die Friedenshand zu bieten. Mit einer vom Geiste des Friedens getragenen Auseinandersetzung über den Antisemitismus Hütten gerade die „Grenzboten" eine Pflicht der Pietät gegen ihren Begründer, den jüdischen Journalisten und.späteren österreichischen Reichsrathsabgcordnetcn, Kuranda erfüllt. Leider aberjist die Friedenspalme, welche das in seiner politischen Tendenz jetzt in einem anderen Fahrwasser als in den 80er Jahren segelnde Blatt mit dem Aufsatz des Herrn Leopold Caro, der als Unparteiischer" zwischen die fechtenden Parteien treten will, uns bietet, nur ein Blendwerk eines — sagen wir es gleich geradezu heraus — mit nationalökonomischen Fragen und Phrasen operirenden Jongleurs, der dem Judenthum als einer „unsittlichen Erscheinung" als sittliche Macht entgegcnstellen will — nun, man rathe einmal — nicht etwa das Christcnthnm oder die „allgemeine Menschenverbrüderung", welche der Verfasser ausdrücklich pcrhorrescirt, sondern den Antisemitismus schlankweg, und zwar den revolutionären, mit der Mordaxt arbeitenden Antisemitismus. Der Verfasser dieses unter der Maske der Ethik anftretenden Appells ist Realpolitiker, er hält den „Unzufriedenen" — und auch die einst offiziösen „Grenzboten" arbeiten jetzt im Fahrwasser der Fronde — das rothe Tuch hin, um die Mordlust und die Beutegier einzig und allein auf die Inden als „Vertreter des Kapitals" abzulenken. Ein allgemeiner Kampf gegen das Kapital scheint dem für die Aufhebung des Privateigenthums eintretenden Verfasser für die nächsten „100 bis 200 Jahre" aussichtslos und er fügt resignirt hinzu: „Wenn die souveräne Macht des mobilen Kapitals durch eine soziale Revollition gebrochen wird, gegen die die französische Revolution ein Kinderspiel gewesen, dann könnte man ja seine ganze Kraft der großen Aufgabe tvidnieii. . . .". Da das nun nicht angeht, so schreibt dieser Nntionalökonom — als solchen haben ihn die „Grenzboten" vorgestellt und man muß es eben glauben, daß diese gewundene Schreibweise einen; Manne der Wissenschaft angehört, — im Namen der Sittlichkeit gegen das „jüdische Kapital" ein mehrere Bogen starkes Pamphlet. Charakteristisch für die Zeitströmung, in der wir uns befinden, ist cs einzig und allein, daß die „Grenzboten" einem Juden das Wort erthcilcu zu diesem in der Schreibweise verschämten, in der Tendenz schon wegen der überall zu Tag tretenden Heuchelei unerhörtesten aller neueren Angriffe ans das Judenthum. Oder ist es nicht Heuchelei, wenn der Verfasser erwähnt, daß 85 Prozent der Wucherer in Galizien Juden sind, und seine»; direkt an die deutschen Inden gerichteten Appell die Worte einfügt! „Das muß, es muß anders werden, wenn die anständigen Juden nicht in der Fluth des Antisemitismus untergehen wollen. Anstati sich aber Rechenschaft darüber zu geben, was an der antisemitischen Bewegung berechtigt sei, weisen sie dem einen oder anderen Antisemitenführer nach, daß er selbst in seinen; Privatleben nicht vorwurfsfrei gewesen sei, u. s. w." — Allerdings ist es nicht die Hauptsache in dem gegenwärtig wider uns in Deutschland geschürten Kampfe, nachzuweisen, weß Geistes Kinder die Führer der gegen uns gerichteten Bewegung sind, wohl aber ist es in der Polemik des Tages nothwendig, — charakteristisch ist es nur, daß „der Herold der Versöhnung" alle die positiven Maßregeln übergeht, welche das deutsche Judenthui» zur Stärkung der sittlichen Kräfte, die es durch die Jahrhunderte zu seiner heutigen Stellung geführt, angewandt hat. An Setbstkritil hat es uns seit den Tagen der Propheten wahrlich nicht gefehlt. Nein, die Pflicht der Selbstkritik, sie wird von den mit prophetischem Wagemuth und heilige»; Eifer für die Wahrheit erfüllten Lehrern des Judenthums nicht vernachlässigt; etwas Anderes aber i|t es, wenn ein Priester inmitten Israels nach dem Schriftworte „der Priester besehe den Schaden" auf die Beseitigung von Schäden inner halb der Gemeinden drängt, und etwas Anderes wieder ist es, wenn ein Jude, dem das Jndenthnm eine „Religion der Vergangenheit" geworden, sich der antisemitischen Togespresse bedient, um auf offene»! Markte den Haß gegen seine „Mitbrüder" (Herr C. bedient sich hier der ironischen Gänsefüßchen) bis „zur Siedehitze" zu steigern, um ein Wort Stöckers zu gebrauchen. Der Mahnrufer der „Grenzboten" sagt von seinen „Mitbrüdern": „Heute schützt sie noch der Grundsatz der Gleichberechtigung. Morgen könnte die sozialistische Bewegung derar; anschwellen, daß die Regierungen gezwungen wären, die ableitend- Methode anzuwenden und das Judenthnm preiszugeben, nur um ihre eigenen Lebensinteressen zu vertreten." Kann ein National-