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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-23 · Heft 39 (23.9.1892) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 39 (23.9.1892)
Date
1892-09-23
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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Wer kann leugnen, daß durch diesen verblendeten Fanatismus der Widerspruch geweckt, der Spott und die Verachtung des Heiligen geradezu großgezogen wird. Da paßt das Wort des Propheten: „Nennet nicht verbindlich, was diese Menge verbindlich nennt, was diese fürchten, bas scheuet nicht und fürchtet nicht." Es bietet sich uns häufig in anderen Äbensverhältuissen ein ähnliches Schauspiel. Wer hat von jeher iiervorragenden Männern in der Achtung von Mitwelt und Nachwelt inehr geschadet als jene Schmeichler, die auch an sich harinlose und gleichgiltige Vorgänge als gewaltige Verkündigungen großer Weisheit aufbauschten, die nicht nur den Purpur verehrten, sondern auch den Staub, der sich auf den Purpurmantel gelegt hatte. Sie bewirken es, daß der charaktervolle Mann sich fast schämt, seine Bewunderung für einen großen Zeitgenosien laut auszusprechen, um nicht mit Jenen verwechselt zu werden, die mit der Begeisterung ein Geschäft machen. So war stets die Ueberfrömmigkeit einer der gefährlichsten Feinde Der Frömmigkeit. Auch in Bezug auf die Erklärung der heiligen Schrift hat die Gläubigkeit ihre Uebertreibungen, die dann wieder die Ausschreitungen des Unglaubens hervorgerufen haben. Wir lesen «egend eine.Erzählung, die nach ihrem strengen Wortsinn mit dem Naturgesetze nicht übereinstimmt; der Eiferer würde natürlich Jeden verketzern, der an der buchstäblichen Deutung irgendwie rüttelt, der Unglaube acceptirt die buchstäbliche Deutung und verwirft den Bericht als Fabel und Lüge. Giebt es für den, dem Religion und Auf- Uärung gleich sehr am Herzen liegt, der weder seine Vernunft, noch einen Glauben opfern will, hier keinen Ausweg? Er erinnert sich, vaß die Worte, welche am eindringlichsten zum menschlichen Herzen eben, nämlich die Schöpfungen der Dichter, gleichfalls nicht wahr im gewöhnlichen Sinne sind, und doch füllt es Keinem im Ernste ein, ne als Lüge zu bezeichnen. Das, was der Dichter meldet, ist so nicht geschehen, aber die Erzählung ist die Fassung, aus welcher der EdelicineinererhabenenWahrheitleuchtenderhervortritt. Es wäre die krasseste Aarbarei, die Dichter Lügner zu nenne», obgleich verblendete Feinde oer Poeten hin und wieder solche Urtheile ausgesprochen haben; vielviehr wird die Wahrheit am freudigsten willkommen geheißen, wenn;e im Gewand des Schönen, im Gewand der Dichtung sich uns naht. Warum sollte nun die Religion diesen Weg verschniähen, sie, oie doch so oft als die Vereinung und Vermählung von Poesie und wissen, von Denken und Empfinden gefeiert worden ist? Ein Jeder weiß, um wie viel leichter eine Lehre Eingang findet, wenn sie als Erzählung, als Gleichniß sich uns darbietet, und die Religion, die nicht nur zu den Gelehrten redet, sondern auch zur großen Nasse, sollte auf ein so wirksames Mittel verzichten? Ein so frommer Lehrer wie Maimonides, auf den doch ganz Israel lauschte, hat z. B. ichon vor fast siebenhundert Jahren die so oft bespöttelte Erzählung von dem Esel des Bileam als Gleichniß dafür aufgefaßt, daß ein vkhier oft mehr Treue und mehr Scheu vor bösen Wegen bekundet, als ' in sonst verständiger Mensch, den böses Gelüsten blendet und bethört. Verliert die Schrift an Würde oder Wahrheit, wenn wir die Eriählung von der Schlange, die das erste Menschenpaar verführt hat, als Sinnbild und Gleichniß auffaffen? Vielleicht gewinnt nun auch das Lchriftwort, welches uns am Neujahrsfest vorgelesen wird, unter diesem Gesichtspunkte für Viele unter uns eine noch erbaulichere Wirkung. Abraham erhielt von Gott den Befehl, den Isaak, seinen einzigen Sohn, zum Opfer zu bringen; er führt sein Kind, das ahnungslos ihm folgt, an die Opferstätte, er baut den Altar, er bindet den Sohn, er greift nach dem Schlachtinesser, da gebietet ein Engel ihm Halt — sind Isaak ist gerettet. Diese Geschichte kurz die Akeoah genannt, bildet "den Grundton unzähliger synagogaler Gebete, und wem sie nach dem schlichten Text und Wortsinn das Gemüth erregt, dem wollen wir diese Wirkung nicht beeinträchtigen. Aber nicht Jeder empfängt von dieser Erzählung den Eindruck unbedingter Befriedigung. Der Gott, der dies Opfer befiehlt, der Vater, der, um es zu vollziehen, nach dem Schlachtmesser greift, sie scheinen nicht in Uebereinstimmung mit dem Gotte, den Abraham verehrt, mit dem Gottesboten, der solchen Auftrag von seinem Gotte gar nicht erwarten konnte. Aber wenn dieses Kapitel auch gar nicht vorhanden wäre, so berichtet uns die Schrift anderweitig, daß Abraham seinen Sohn Gott zum Opfer gebracht hat, und daß ein Enget über dieses Leben seine schützende Hand gehalten hat. Abraham war ein Greis, als ihm Isaak geboren wurde, nach dem Laufe der Welt mußte er fürchten, daß er gar bald seinen Sohn in einer feindlichen Umgebung werde zurücklassen müssen. Was hätte Abraham thun müssen, wenn ihm das irdische Wohlergehen seines Sohnes am Herzen lag? Er hätte den Isaak erziehen müssen in den Sitten und Satzungen Kanaans, er hätte für ihn sodann aus einer der mächtigen Familien des Landes die künftige Gattin erwählen müssen, dann hätte Abraham getrost seine Augen schließen können, dann wäre Isaak kein Fremdling gewesen, sondern ein Insasse des Landes, und er hätte dessen Schutz genossen'; aber Abraham hatte einen ganz andern Plan; er erzog ihn in Lehren, die Kanaan nicht kannte, mit diesen Lehren mußte Isaak ewig ein Fremder unter den Kanaanitern bleiben, konnte er sich nie mit ihren Familien verbinden; konnte dem Isaak, dem jungen, dem unerfahrenen, der keinen Anhang hatte, gelingen, was Abraham, der als gereifter Mann ins Land gekommen war, mühselig erreicht hatte, sich zu behaupten mitten linier Feinden? Was ivar wahrscheinlicher, als daß nach dem Tode Abrahams die Kanaaniter über Isaak herfallen werden, um ihn zu tobten und sich seines Erbes zu bemächtigen? Abraham gab seinen einzigen Sohn diesen Gefahren preis, weil er ihn zum Erben des Gottesgedankeusmachen ivollte; hieß dies nicht den Sohn gebunden feinem Gotte opfern, hieß dies nicht, wenn man nur die nüchternen Weltgedanken walten ließ, das Schlachlinesser zücken wider den eigenen Sprossen? Und wenn er dennoch dies Opfer brachte, welche Hoffnung konnte ihn beseelen, wenn nicht diese, daß Gott seine Verheißung erfüllen werde, daß sein Engel sprechen werde: strecke deine Hand nicht aus wider den Knaben und thue ihm nichts zu Leide Es schwindet der Apparat des Opfers, aber das Opfer bleibt, wir sehen nicht Feuer, nicht Holz, nicht Altar und Schlachtmesser, nicht die Schnur, mit der Isaak gebunden wird, aber wirschen das Lamm, das demüthig fromnie Gemüth, das im Aufblick zli Gott sich einem großen Berufe weiht. Die Erzählung der Schrift verliert ihre Härten indem sie »ns zum Gleichniß der Vorgänge sich gestaltet, die das Gemüth des Abraham bewegen. Und thut nicht im Grunde jeder Vater in Israel solch frommes Werk! Jeder Sproß des Isaak wird noch heut, wie dereinst Isaak selbst, in eine feindliche Welt hinausgestellt; uilzählige Mal ist der Untergang Israels verkündigt worden, und oft genug hatte die böse Kunde eine große Wahrscheinlichkeit für sich, aber bis zum heutigen Tage hat sich der Gedanke, dessen Träger Israel ist, mächtiger erwiesen als alle die Widersacher, die sich wider ihn und wider uns erhoben haben. So gefaßt wird die Akedah, die Opferung des Isaak, ein uns Allen vertrautes, für

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