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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-23 · Heft 39 (23.9.1892) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 39 (23.9.1892)
Date
1892-09-23
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
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458 3 tt h 011 ♦ Leitartikel: Zum neuen Jahre. — Akedah. Von Dr. B. Ripvner. — Ein Herold der Versöhnung. Von M. Friedebern. — Die englischen Juden und die Parlamentswahlen. II. Von S. sJi. Landau. — Briese aus Amerika. III. Von Prof. Dr. G. Deutsch. — Tie Inden in Rom. Von Dr. I. Babad. — Der Maler Mose dal Castellazo. Von Pros. Tr. David Kaufmann — Feuilleton: Ein Versöhnnngstag. Von I. Braun. — Literarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Posen. Glogau. Leipzig. Hannover. Geestemünde. Grevenbroich, Münster. Grosjgerau. Zwelbrücken. Lemberg. Amsterdam. Warschau. Damaskus. — Bon Rah und Fern. Zum neuen Jahre. Berlin, 20. September. Das Jahr geht zu Ende — ein trauriges, böses Jahr. Alle Plagen und Verhängnisse, um deren Abwendung wir in unfern Gebeten flehen, sind über uns hereingebrochen. Und dennoch ruft der alte lind unverlvüstliche jüdische Optimismus auch heute wie an jeder Jahreswende: „Zu Ende geht das Jahr mit seinem Kummer, es beginne das neue mit seinem Segen!" „Und zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag!" Nicht mit Zagen lind Bangen dürfen wir heute fragen: „Woher kommt meine Hilfe?", sondern mit Muth und Vertrauen muß sich unser Blick zum Himmel wenden. Da findet die harrende Seele ewigen Halt und unvergängliche Hoffnung, da schwindet alle Furcht, die bleiche Sorge entweicht und wir hören wieder das alte Trostwort: Al tirah alxli Jakob. — „Fürchte dich nicht, Jakob, mein Knecht!" Noch lebt ja der „Alte der Tage" und er wird seinen treuen Erdenpilger Jakob nie verlassen. Das ist unser Trost, unsere Zuversicht, wenn Gefahren uns umdräuen; „fürchte dich nicht, Jakoh, mein Knecht", auch wenn eine ganze Welt gegen dich sich erheben sollte. Du hast ja oft schon wie dein Urahn mit Göttern und Völkern gekämpft und bist Sieger geblieben! „Fürchte dich nicht, Jakob, mein Knecht", so möchten wir heute allen unsern Glaubensbrüdern zurufen. In dieser heiligen Zeit, wo der Wechsel und Wandel der Tage die Vergänglichkeit alles Irdischen uns so recht klar vor die Seele tritt, da schwindet unsere Angst und Sorge vor allen Feinden und Gefahren. Wir haben mit Griechen und Römern, mit Syrern und Persern gekämpft, und wir leben noch, während Jene längst untergegangen — nun denn, wir werden auch mit den modernen Amaleks und Hamans fertig werden, und an der Schwelle des Neujahrstages vermögen uns auch die kleinen Antiochusse der Gegenwart nicht zu schrecken. Dieser Trost und diese Zuversicht darf uns aber nicht abhalten, mit uns selbst streng ins Gericht zu gehen und in heiligem Ernst die Aufgaben zu erfasse», die unserer im neuen Jahre warten. Denn gewiß, unsere Lage ist eine ernste und schwierige. Während uns der Feind von außen bedrängt, erhebt sich ein neuer Feind im Innern unseres Lagers. Da haben wir einen doppelten Kampf: mit dem Antisemitismus einerseits, mit dem Jndifferentismus und Abfall andererseits. Dem Kampf mit dein äußern Feind sehen wir in vollem Vertrauen entgegen. Hier gilt vor Allem das Mahnwort: „Fürchte dich nicht, Jakob, niein Knecht!" Vertrauen auf eigene Kraft, energische Abwehr aller Lügen und Verleumdungen, ernste Prüfung unserer Fehler und Verirrungen. Das ist unsere Aufgabe im kommenden wie im vergangenen Jahr. Wir werden dieselbe zu erfüllen trachten. Wo und wie irgend eine Verleumdung gegen Israel erhoben wird, da soll sie entschieden zurückgewiesen werden, Das ist vor Allem die Aufgabe der jüdischen Presse, die in diesem Kampfe fest zusammenhalten muß. Sie hat nicht sowohl den Krieg gegen den Erbfeind selbst zu führen, als vielmehr den Kämpfern das Material zum Angriff und zur Vertheidigung aus ihrer Rüstkammer zu bieten. Darin muß ihre Hauptarbeit bestehen. Den Kampf selbst kann sie in erster Reihe allen Denen überlaffen, denen die Sache des guten Rechts, der Humanität und der Freiheit kein „leerer Wahn" ist. Wichtiger noch, ungleich wichtiger ist aber der Kampf mit dein inneren Feind. Hier hat die jüdische Preffe ihre Hauptaufgabe zn suchen, hier muß sie mit allen ihr zur Gebote stehenden Mitteln selb» in den Kampf eintreten. Denn dieser Feind ist gefährlicher als der andere. Er frißt an unserem Leben, er raubt uns die Kraft und die Blüthe unserer Jugend, er macht uns ohnmächtig und schwack, daß wir unsere große Weltmission nicht erfüllen können. Diesen gefährlichen Feind, der wie ein tückisches Fieber durch dir Reihen Israels schleicht, können wir aber nur mit einer Waffe b^ siegen, mit derselben Waffe freilich, mit der sich Israel seine Existenz seit Jahrtausenden erkämpft hat, einer Welt von Feinden gegenübcr erkämpft hat: mit der Thora! „Wenn dir dieser Unhold begegne:, zieh ihn ins Lehrhaus!" sagten schon die Alten. Unsere Lehrhäuser aber sind die jüdischen Litteraturvereine. Und solche müssen in allen Gemeinden Israels entstehen, und die bereits vorhandenen muffen gestützt und gekräftigt werden. Da müssen alle Bedenken zurücktreten, alle Formfragen und Aeußerlichkeiten schweigen, da dari keine Phrase herrsche», sondern ernste, strenge Arbeit im Dienste unserer Geschichte und Litteratur. Alle diese Vereine aber sollen dann z» einem gemeinsamen Verband — Agudah achatli — sich zusammen schließen, dessen erhabenes Ziel die Verbreitung der Kenntniß jüdischer Geschichte und jüdischen Geisteslebens in Israel sein und bleiben muß. Aus diesem Verband soll dann mit Gottes Hilfe das „Institut zur Förderung der jüdischen Litteratur" neu erblühen, das io lange und so gedeihlich unter der Leitung Ludwig Philippsons für d:c Wiederbelebung des Interesses an jüdischen Angelegenheiten gewirkt Hai, Das ist unser Programm, das soll unsere Arbeit in diese:» Jahre sein. Wahrlich ein Ziel, des Schweißes der Edelsten und Besten wrrth! Denn „wenn alle deine Kinder belehrt sein werdr» über Gott und sein heiliges Wort, dann erst wird reicher Friede :» Israel erblühen!" Dieses erhabene Wort weist uns den Weg, den wir zu wandeln haben. Und auf diesem Wege dürfen wir einander nic»! zürnen und uns nicht entzweien; dieser Aufgabe gegenüber müssen d:c Stimmen des Hasses verstummen. Wir stehen auf einer höheren Warte, als auf der Zinne der Partei; wir erkennen nur Ein Israel, nur Ein Judenthum, wir sehen im Lichte unserer großen Aufgabe die Stämme, jeden bei seiner Fahne, alle aber einmüthig um da- Heiligthum gelagert. Und dieses Heiligthum ist unsere Thora, d:e wir halten und erheben und tragen wollen wie bisher, so auch weit » durch die Jahrtausende der Weltgeschichte! Und dies ist unser Neujahrsgruß an alle Leser, an alle Brüda und Schwestern: Mögen sie uns in diesem heiligen Kampfe, in dies» großen Kulturarbeit ihre werthvolle Unterstützung und Hilfe angedeihen lassen. Dünke sich Keiner zu groß, Keiner zu gering fiir diese Hilfe — wir brauchen alle Kräfte für das große Werk dcr Wiederbelebung des jüdischen Geistes! Und also sprechen wir nun in der Scheidestunde des alten Jahres nach frommer Väter Brauch, versöhnt, gefestigt und gekräftigt: Boruch atha beboachu, borudi atha bezetheclia: „Gesegnet sei, du neues Jahr, bei deinem Kommen und gesegnet sei auch du, altes Jahr, bei deinem Gehen." Du aber, mein Israel, im alten wie im neuen Jahre, fürchte dich nicht! Akedah. Von Rabbiner Dr. B, Rippner in Glogau. Die Verehrer der heiligen Schrift haben durch übertriebenen Eifer ihr Ansehen nicht weniger geschädigt als ihre Verächter; ein göttlicherGeist durchweht die heiligen Bücher; so Viele haben von diesem

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