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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-16 · Heft 38 (16.9.1892) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
Seite 456 (sequence 12)
Language
German
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456 sich dadurch aber nicht eiiischiichtern, sondern sagte laut und weithin vernehmlich zn einem neben ihm stehenden starkknochigen, jungen Weibe, das einen Hahn unter dein Arm hielt: „Anna, ich rathc Dir, nicht weiter zn schnattern, denn wenn ich zornig werde, so kann ich auch eine Ohrfeige geben. Und wenn ich eine Ohrfeige sage, so meine ich zwei!" fügte er nachdrncksboll Hinz», mit einem bedeutsamen Blick auf Annas Nachbarin. Diese Drohung wirkte. Es trat Ruhe ein. Auf der Veranda vor dem Hause hatte sich inzwischen in einem gepolsterten Lehnstuhl Berisch Kloper niedergelassen, zu seiner Rechte» saß Gitele, während vor ihm Rubin stand. Es hatte bereits fünf Uhr geschlagen und Schickele war nochimmcr nicht erschienen. Dian begann unruhig zn werden; da erscholl von der Straße her der Ruf: „Er kommt!" Bald darauf betrat Schickele den Hofraum. Er sah wüst aus. Der Filzhut saß ihm schief ans dem Kopf. Sein Gesicht war todtenbleich. Er trat rasch auf den Schächter zn und reichte ihm stumm die Hand, dann blickte er Gitele lange an. „Wir können anfangen," sagte Berisch Kloper; „hier, Schickele, hast Du das Schlachtniesser." Er reichte es ihm. Schickele ergriff cs. Dann näherte sich der Heirathsvermittler und übergab ihm den an den Füßen gebundenen Truthahn. Schickele faßte ihn mechanisch und trat einige Schritte vor. Ein seltsames Lächeln lag um seinen Mund. Er versuchte den Truthahn, der ihn: von einer erdrückenden Schwere z» sein schien, in die Höhe zn heben, aber vergebens, er hatte keine Kraft dazu. Ta begann plötzlich der Truthahn mit den Flügeln zu schlagen. Das Publikum wurde ungeduldig, da rief der Schächter laut: „Nun, wirst Du einmal anfangcn?" Dieser drohende Ruf raubte Schickele jede Besinnung, er schwankte tvie ein Trunkener, — der Truthahn entwand sich seiner konvulsivisch zitternden Hand und begann zu kollern. Schickele schaute in seiner hilf- und rathlosen Angst mit stieren Blicken um sich und er sah dabei so komisch ans, daß Rubin und Gitele anflachten. Das Lachen wirkte ansteckend. In einem Augenblick lachte Alles; da nahm Schickele alle seine Kräfte zusammen, um den Truthahn zn packen; der stand aber plötzlich ans den Füßen mit zornig angeschwollenem Kamm vor ihin. Bei diesem Anblick begann sich Alles vor seinen Augen wie im Kreise zn drehen. Er fuchtelte eine Weile mit den Armen in der Luft herum, das Messer entfiel dabei seiner Hand, er warf sich dann mit einem dumpfen Schrei ans den Truthahn, und da lag er plötzlich seiner ganzen Länge nach auf dem Boden. Was jetzt folgte, war kein Lachen mehr, sondern ein brausendes Gejohle. Schickele lag einige Augenblicke wie bewußtlos da, dann raffte er sich jäh ans, stieß Flammer bei Seite und stürzte hinaus. Er rannte wie ein Irrer durch das Städtchen, bis er athemlos in sein Stübchen hineinstürmte und tamnelnd auf sein Bett fiel. Seine Schläfen hämmerten. In wirren, tollen Bildern flog das letzte Ereigniß vor seinen Augen vorüber, und dazwischen hörte er Giteles lautes, spöttisches Lachen. Er fühlte sich so unglücklich, so unsäglich elend, wie noch nie in seinem Leben. Er hätte weinen mögen, aber keine Thräne kam in seine brennenden Augen. Da fühlte er sich plötzlich von zwei weichen Armen umschlungen. Es war seine Cousine Sarah, sie setzte sich neben ihn. Er ließ sein Haupt ans ihren Schoos; niederfallen. „Schickele, mein armer Schickele," rief Sarah. Er richtete sich auf und blickte in ihr blasses, schönes Gesicht, in ihre tiefen, thränenfenchten Augen. Ach, das waren dieselben blauen Augen, die er im Traume gesehen, und mif einmal verstand er den Ausdruck derselben. „Warum weinst Tu, Sarah?" fragte er leise.; „Ich weine, weil . . ." Sie konnte nicht weiter sprechen, sie j wollte aufspringen. . . . Was vermag nicht Alles die Liebe? Jen: Liebe, von der es im Hohenliede heißt, daß sie stark wie der Tod! sei? Dem Einen erscheint sie am helllichten Tage, eine strahlend:, glückverheißende Göttin; im Herzen eines Andern nistet sie sich stdl und geheimnißvoll ein, du weißt selbst nichts davon, aber sie we;n inzwischen in der dunklen Tiefe deiner Seele, bis sie daraus ein- Tages unter dem Sonnenblick zweier süßen Augen jählings empcetancht, groß und stark und mächtig. So erging cs dem arm-!, - Knaben. Wie eine Binde fiel es von seinen Augen. O wie schön war Sarah, wie weiß ihr Gesicht, wie reich ihr gewellteüppiges Haar, und wie roth und schwellend ihre Lippen! Aber warum weinte sie? Schickele hatte sich erhoben, der schüchterne Talmndist war Plötzlich kühn getvorden. Er faßte ihre Hände, „Warum weinst Dtl?" wiederholte er leise rmd zärtlich, und es bel-le in seiner Stimme etwas Süßes. Wundersames, Geheimnißvoll-.-, was das Mädchen erschauern machte. Sie hob das Haupt rasch u; die Höhe. Und nun trafen sich ihre Blicke. Die beiden Mensche!! kinder schauten sich lange und mit beseligender Verwunderung a». Sie sprachen kein Wort. Da zog sie Schickele an sich, sie wehrte .- nicht, und er küßte ihr den Mund und die Augen »nd das blonde, von einem Strahl der untergehcnden Sonne nmlenchtete Haar, d.,- >vie gesponnenes Gold glänzte. . . . Spvechsaal« Geehrter Herr Redakteur! In Nr. 35 dieser Zeitschrift bespricht Herr Dr. Steinthal die Verhaltungsmaßregeln an dem diesjährigen Versöhmmgstage mit Berückst!i tigung auf die zur Zeit in einigen Städten herrschende Cholera und kornul zu den: Schlüsse, daß man an diesem Jom Kippur allgemein vorn Fasten absehen müßte. Zweifellos würden alle Rabbiner, auch die orthodoxen, das Verdu des Fastens allgemein ex cathedra verkünden, wenn es wirklich feststünde, was Herr Kollege Steinthal behauptet, daß das Fasten die Verdauung organe schwächt und zur Cholerainfektion disponirt. Das ist ahn d u rchaus nicht der Fall. Ein gesunder Magen kann eine 24stündue Nahrungsentziehung ohne Schaden vertragen. Dafür spricht nicht bllu die physiologische Analyse des Fastens, sondern auch die praktische Erfahrung der Aerzte. Der bekannte Forscher Dr. Stöhr, ein Katholil, sagt in seinen „Pastoralpredigten" p. 529; „Als Arzt muß ich wahrheil gemäß konstatiren, daß trotz der anscheinenden Grausamkeit und Gesund heitswidrigkeit so strenger Fasten, wie die jüdischen sind, ich mich auf keinen Fall, selbst am Jom Kippur, wo sogar Kranke fasten, erimtcni kann, in dem ich eine durch das Fasten entstandene Erkrankung, iu, selbst nur ein auffallendes Unwohlsein beobachtet hätte." Dieses gewni ganz unparteiische Urtheil wird wohl auch die ängstlichen Gemüther uma den Glaubensgenossen über die Unschädlichkeit des Fastens beruhigen. Freilich ist hier von der Cholera nicht die Rede. Wir wissen aber, den; die Keime dieser Krankheit nur durch den Mund in den Körper s langen, also entweder mit infizirten Nahrungsmitteln oder mit den eigene.!, infizirten Händen. Der Fastende ist vor der ersteren Möglichkeit du Infektion gewiß am wirksamsten und sichersten geschützt; eine Anstecku d durch die eigenen Hände läßt sich bei gehöriger Vorsicht ganz gut wr meiden — die Möglichkeit einer solchen ist überhaupt bei der Lebensweg am Jom Kippur eine unendlich minimale. Demnach liegt durchaus keine Veranlassung vor, das Fasten am diesjnd rigen Jom Kippur aus gesundheitlichen Rücksichten allgemein zu verbieten. So entschieden ich aber Herrn Kollegen Steinthal in seiner Ansicht ütu das Fasten widersprechen muß, stimme ich ihm vollkommen darin bu, daß es unbedingt nothwendig ist, den Gottesdienst an diesem Versöhnung" tage zur gründlichen Erneuerung der Luft im Gotteshause zwei Mal unterbrechen. Hamburg. 12. September. Dr. med. Emanuel Fiin Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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