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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-16 · Heft 38 (16.9.1892) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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455 ,r die theoretische Prüfung vor dem Rabbi Nathan glänzend beiMiibeii. Und mit dem Zeugniß hierüber begab er sich zu Berisch aloper. Der Schächter setzte die Brille auf, las das Dokument durch und sagte dann freundlich: „Flammer hatte Dir gesagt, wie ich die Sache geregelt haben reichte. Uebermorgen komm her, und wenn Du eine sichere Hand >!>st und die Sache gut machst, so bist D» mir lieber als Rubin/ „Was werd' ich zu schlachten bekommen?" fragte Schickele klein-! ut. Der arme Talmudist erwartete, daß ihm der Schächter eine uge Henne oder höchstens eine Gans anweisen würde, um an der-;beit seine Kunstfertigkeit zu erproben. Berisch Kloper glättete seinen!>»gcn, grauen Bart, dann sagte er: „Deine Cousine Sarah hat :::agesagt, daß sie Euren Truthahn schlachten lassen will, an dem i!>st Du zeigen, ob Du was kannst." Kloper sprach diese Worte so ruhig, als handelte es sich um die nächste Sache der Welt. Aber dem armen Gelehrten war es dabei v Muthe, als versetzte ihm Jemand einen schweren Schlag auf den >! üiif. Er, der kaum den Gedanken, eine junge Henne zu schlachten, . sassen verniochte, sollte an einem Truthahn seine Kunst erproben! > ld an was für einem Truthahn! Er kannte ihn, es war ein starker, - i fetter, ein großmächtiger Bogel mit einem blutrothen Kamm und k'tn schwellenden Kropf. Er schaute eine Weile in sprachloser Verarung den Schächter an. „Gut," sagte er endlich dumpf, ein ödes chelu flog hierbei um seine Lippen, dann verabschiedete er sich. Er a änderte einige Zeit ziellos im Städtchen umher. Als er Heimkain, i r es bereits dunkel. Er warf sich auf einen Lehnstuhl und starrte :ita° vor sich hin. Da legte sich plötzlich eine weiche Hand auf seine Halter. Vor ihm stand seine Cousine Sarah; sie schaute ihn; a u ihren blauen, frommen Auge» forschend ins Gesicht. „Du weißt Alles, Sarah?" fragte er leise. „Ja," sagte sie. „Ich muß Schächter werden," fuhr er fort. „Muß es denn sein?" fragte sie, und eine leise Wehmuth zitterte n ihrer Stimiue. Er schaute ihr eine Weite in die Augen. Dann sagte er gedrückt: Vas soll ich thun? Ich habe Gitele lieb." Das Mädchen sprach keine Silbe mehr, sie senkte das Haupt, - n>d einige Zeit sinnend da, dann verließ sie rasch die Stube- Schickele erhob sich und trat in den Hofranm hinaus. Es war k schöne, stille Septembernacht. Am Himmel funkelten die Sterne; h oben am Horizont stand voll und leuchtend der Mond und hüllte 5 Städtchen in seinen silberglitzernden Schleier. Schickele ließ sich ä eine Holzbank nieder, die mitten im Hofraum neben einer ihres aibes theilweise entkleideten Akazie stand. Er dachte an Gitele. aast, wenn das Bild des geliebten Mädchens ihn umschwebte, pflegte :n wonniges Gefühl seine Brust zu durchschauern. Heute aber war ihm so schwer zu Muthe. That er recht daran, sein Lebrnsglück urch das Blut unschuldiger Thiere zu erkaufen? Dieser Gedanke ■ inin ihm aufgetaucht und legte sich mit bleierner Schwere auf sein Vmüth; da vernahm er plötzlich ein Rauschen wie von Flügeln. Er auf und stieß einen lauten Schrei aus. Er hatte im Hofraum ‘ it Truthahn erblickt, der unter seinem Meffer das Leben nushauchen Ale. Schickele schaute mit angstvollen Blicken auf den Vogel, der uüt mächtig angeschwollenem Kamme, mit funkelnden Augen und ab u»d zu aufkollernd sich ihm näherte. Er streckte wie zur Abwehr die Arme aus; der Truthahn blieb stehen und sie schauten sich beide lange an. Schickele wurde es unter diesen Blicken seltsam weich »>ns Herz. „Armer Vogel," dachte er, „auch du hast eine Seele, in deinen Adern rinnt heißes, rothes Blut wie in den meinen, und wenn man dich schlägt, schreist du; du empfindest Schmerz und Freude, gerade so wie ich. Was hast du mir gethan, daß ich dich schlachten muß?" Der Truthahn schien Schickeles Gedanken errathen zu haben, denn er begann immer lauter zu kollern. Schickele hatte diese kreischenden Laute oftmals gehört, aber niemals hatten sie irgend einen Eindruck auf ihn gemacht. Heute aber war es ihm, als lüge in diesem Kollern ein eigenthümlicher Ausdrrick, und als ob das arme Thier um sein Leben flehte. Er konnte diesen Anblick nicht ertragen, er eilte in seine Stube, warf sich auf den Stuhl hin, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann leise zu stöhnen. So saß er da und sann. Eine Stunde verging lind wieder eine. Das Licht war längst herabgebrannt. Durch das offene Fenster floß das Mondlicht in das enge, mit Büchern vollgestopfte Gelaß; von der Ferne hörte man das Quaken der Frösche, ab und zu bellte ein Hund auf. Schickele fühlte sich todtmüde, die Arme fielen ihm über den Lehnstuhl herab; er senkte das Haupt auf die Brust und schloß die Augen. Da vernahm er plötzlich ein seltsames Geräusch, das klang anfangs leise, wie aus weiter traumhafter Ferne, aber es kain immer naher, bis es wie mächtiges Flügelschlagen um ihn brauste. Vor ihm stand der Truthahn und der wuchs und wuchs und wurde immer größer und größer, bis er fast so groß wie Schickele selbst war. Da schwang er das blitzende Schlachtmesser, ein jäher Schnitt — und aus dem Halse des leise kollernden Vogels begannen roihe Blutstropfen zu rinnen, rothe, glühendheiße Blutstropfen, die langsam auf ihn herabrieselten. Der Angstschweiß trat auf seine Stirn, er wollte aufschreien, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Da war es ihm Plötzlich, als umschlängen ihn unsichtbare Arme und trügen ihn weit hinweg in einen stillen, kühlen, mondhellen Raum, vor seinen Augen schwebte es wie ein leichter Nebel und daraus tauchte allmülig ein Mädchengesicht empor. Das war aber nicht Gitele, denn sie hatte keine schwarze, sondern wunderhübsche blaue Arigen wie Sarah, und die schauten ihm tief in die Seele. Schickele fühlte, wie unter diesen Blicken eine wunderbare Heiterkeit seine Brust zu schwellen begann. Er lächelte das schöne Bild au, er wollte danach greisen, aber es zerfloß wie Schaum, und ei» tiefer, traumlosec Schlaf umfing ihn. III. Die Nachricht, daß im Hofraum des Schächters Berisch Kloper ein Touruier zwischen Schickele und Rubin stattfinde, von dessen Ausfall es abhing, wer von Beiden Gitele heiinführeu werde, hatte sich wie ein Lauffeuer im Städtchen verbreitet. Der Schächter hatte allerdings den Wunsch ausgesprochen, daß der Wettkampf der Heirathskandidaten unter beschränkter Oeffentlichkeit erfolge. Da aber das Herz des Hcirathsvermittlers Flammer zwei Tage vor diesem Ereignis; sehr erfreut war, und da er infolge dessen Alles, was ihm auf dem Herzen lag, ans der Zunge hatte, so wußte ganz Plojana, daß Donnerstag um fünf Uhr Nachmittags im Hofraum des Schächters der Kampf zwischen Rubin und Schickele sich abspielen werde. Und so war denn bereits um vier Uhr das Häuschen des Berisch Kloper von der lieben Gaffenjngend förmlich belagert. Im Hofranm hatte sich eine Menge von jungen und alten Weibern, jedes mit einem Stück lebenden Geflügels unter dem Arin, eingefunden. Joseph Flammer war die Aufgabe zugefallen, die Ruhe aufrecht zu erhalten, und er waltete seines Amtes mit gewissenhafter Strenge. Der Heirathsvermittler war sonst Frauen gegenüber ein sehr höflicher Mann, heute aber befand er sich in einer großen Aufregung, die es begreiflich machte, daß er den lärmenden Weibern zu wiederholten Malen in strengem Tone Ruhe gebot. Als aber seine Aufforderung nichts fruchtete, da rief er: „Schweigt, Gänse!" Ein dumpfes Gemrirmel folgte dieser Verbal-Injurie. Der Heirathsvermittler ließ

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