Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-16 · Heft 38 (16.9.1892) · p. Seite 450

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227970--49130-3269805
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

450 besteht, daß man meint, die amerikanischen Rabbiner seien ausschließlich durchgebrannte Bankerotteure, verkannte Genies, denen der Schächter beruf in der alten Heimath zu enge war, und im besten Falle verdorbene Studenten. Dieses Vorurtheil rangirt auf derselben Linie mit dem Glauben, daß „drüben" Jedermann reich werden muß, daß die dicksten Millionäre bei der Ankunft eines Schiffes sehnsüchtig nach ankommenden Mädchen auslugen, um ihnen Herz und feuersichere Kaffe anzutragen, und daß die meisten Holzhauer und Kanalgräber in reiferen Jahren Präsidenten oder mindestens Staats-Gouverneure werden. Zur Orientirung schicke ich voran, daß die auierikanischen Rabbiner zu einem großen Theile fachlich geschulte und gründlich gebildete Männer sind, wie eigentlich schon die Litteratur beweisen könnte, obwohl diese allerdings kein sicheres Bild über die Allgemeinheit geben kann. Allerdings finden sich hier ganz kuriose Exemplare von Rabbinern vor; so wird erzählt, daß ein bei den Prüfungen im College anwesender Rabbiner, als er hörte, was in der „Mischna of Baba Qainina" über die Haftpflicht des Besitzers gesagt sei, uni seine Aufmerksamkeit zu bezeugen, den Kandidat»n fragte: „Wißen Sie etwas über die Biographie des Mr. Baba Qamma?" Ein anderer Rabbiner ist mir bekannt der ■w nDS als „zweiter Tag des Peßachfestes" übersetzte, und ei» dritter, der in einer Predigt ein Gebot DHJ31P1 zitirte. Endlich ist es begreiflich, daß hier, wo man nickt viel nach der Vergangenheit eines Menschen fragt, mancherlei sittliche Defekte auch unter Rabbinern Vorkommen mögen. So soll es sich ereignet haben, daß ein Rabbiner, der wegen zu großer Vorliebe für Wein, Weib und Gesang „resignirt" hat, wogegen die Gemeinde sich verpflichtet fühlte, seine Schulden zu bezahlen, in der Rechnung, die er präsentirte, eine Post „to my mistress" aufstellte. Es ist auch vorgekomme», daß ein Rabbiner Jahrelang in einer Gemeinde fungirte, bis es sich heransstellte, daß er vor Jahr und Tag in London sich getauft hatte. Solche Thatsachen sind aber durchaus nicht so häufig, um uns ein Recht zu geben, die Gesannntheit des Standes zu verurtheilen. Andererseits muß man in Prwägung ziehen, daß Amerika ein freies Land ist; eine Gemeinde ist ein Verein freiwillig beitragender Mitglieder, und der Rabbiner, den sie wählt, unterliegt keiner behördlichen Bestätigung. Es kommt bei Christen aller Konfessionen vor, daß ein „Minister" seines Nächsten Weib lieber hat als ihn selbst, daß ein geistlicher Herr seinen Nebenbuhler niederschießt, und daß eine Kirchenkasse nicht stimmen will. Kann es sich ja, wie der erzählte Fall beweist, auch bei Katholiken, die eine centralisirte Kirchenzucht aufweisen, ereignen, daß ein notorischer Trunkenbold und Exzedent Priester ist, wie es vor nicht langer Zeit sich ereignet hat, daß ein katholischer Priester ein renitentes Gemeindemitglied in der Kirche mit dem Revolver bedrohte und daß ein Franziskaner das für sein Kloster gesammelte Geld beim Pferderennen verspielte. So ist denn das Durchschnittsmaß der sittlichen und wissenschaftlichen Qualifikation bei den jüdischen Geistlichen Amerikas kein ungünstigeres als bei den Christen und ein besseres als bei ihren europäischen Kollegen, wenn man in Betracht zieht, daß die Letzteren eine reichere Gelegenheit zu ihrer Ausbildung hatten, daß die Karriere eines Menschen dort nicht so bunt ist, wie sie hier zu sein pflegt, und daß öffentliche Behörden die Qualifikation überwachen. Ich habe in Europa einen Rabbiner einer größeren Gemeinde gekannt, der mit ]) geschrieben hat, so daß ihn die Schuljungen auslachten, einen anderen, der so glücklich war, die Mischnah des Rabbi Akiba zu besitzen und diesen Besitz so lange zu vertheidigen, bis es sich herausstellte, daß dieses Buch ungeschickter Weise nicht von dem Tanaiten R. Akiba, sondern von dem älteren Akiba Eger verfaßt sei, einen dritten „Doktor" kannte ich, der den Proselyten Akylas trotz des kleinen „Cassel" zum Verfaffer des aramäischen Targum macht, einen vierten „Doktor", der in einem gedruckten Buche Jbn Gabirol zum Verfasser eines Werkes unter dem Titel „tdns vitae" neben einem anderen unter dem Titel „]tfekor chajim" macht, ein fünfter „Doktor" endlich wandte sich an mich, damit ich in einem Streite, den er mit seinem Vorstande hatte, als sein „Rechtskonsolent" fungire. Da sind wir Wilden, die „Europens übertünchte Höflichkeit nicht kennen", wenigstens keine schlechteren Menschen. Noch eins muß zu Gunsten der amerikanischen Rabbiner in die Wagschale fallen, wenn von ihrer fachwissenschaftlichen Tüchtigkeit die Rede ist, und das ist die englische Sprache. Der Jude hat heutzutage im Gegensatz zu früheren Zeiten eine große Neigung, sich sprachlich zu amalgamiren. Während bis zum 19. Jahrhundert der deutsche Jude mitten in litthauischer, polnischer, magyarischer, ruthenischer und czechischer Umgebung seine deutsche Sprache, der spanische Jude mitten unter Deutschen, Holländern, Engländern, Südslaven, Türken und Arabern die Mundart seiner Väter Jahrhunderte hindurch beibehielt, hat heute der Jude die entgegengesetzte Neigung, sich der ihn umgebenden Nationalität rasch anzuschließen. Kein Wunder, daß dies in Amerika mehr als anderswo der Fall ist, da der Jude einestheils hier am meisten fühlt, daß er zur Mitthatigkeit an allen bürgerlichen Arbeiten berufen ist, und weil er das Englische braucht, um sich eine Existenz zu verschaffen. Der sefaradische Jude, der älteste jüdische Einwanderer, der aus England und Holland, seltener aus Italien herüberkam, hatte vermöge seiner gesellschaftlichen Bildung eine größere Neigung, sich der Umgebung anzuschmiegen. Das geschah so gründlich, daß wir wohl mit Recht annehmen können, daß die Familien des im 17. Jahrhundert an den bedeutendsten Küstenplätzen des Ostens bestandenen Gemeinden nach und nach im Christenthum aufgegangen sind. Die heute noch vorhandenen Gemeinden mit portugiesischem Ritus, durchweg jüngeren Ursprunges, bewahren weder die Rassenreinheit, noch den strikten Konservativismus der europäischen Sfaradim. Der zweite Bestandtheil der Juden im Lande sind Deutsche, und zwar ist der führende Theil unter ihnen aus Süddeutschen zusammengesetzt, unter denen wieder die Bayern überwiegen. Der Despotismus des Dichterkönigs Ludwig I., unter der Verwaltung des Ministeriums Abel und der alle optimistischen Hoffnungen mit einem Schlage vernichtende Sturz des liberalen Ministeriums Maurer (1847) trieb eine große Zahl von intelligenten, ehrenhaften und vermögenden Juden aus dem Lande. Man erzählt sich sogar, daß ein liberaler Rath es wagte, Sr. Majestät submissest auf diesen Entgang an geistigem und materiellem Kapital aufmerksam zu machen, worauf Se. Majestät crwiederte: „Ich bin kein Pharao, um ihnen nachzulaufen". Genug, hier war ein kompaktes, homogenes und religiös-freisinniges Element ins Land gekommen, welches trotz allen Selbstbewußtseins, mit welchem es auf die minder gebildeten Einwanderer aus anderen Theile» Europas herabsah, doch sich rasch genug amerikanisirte, um die große Politik des amerikanischen Volkes, das Verschmelzen aller Einwanderer zu einer Nation, auch auf die neugeschaffenen jüdischen Gemeinden anznwenden. Trotzdem ist noch immer ein spezifisch bayerisch - jüdisches Nationalgefühl vorhanden, welches die Pfälzer für halbe, und alle außerhalb der blau-weißen Grcnzpfähle geborenen Juden für ganz» „Bollacken" ansieht. Eine Dame meiner Bekanntschaft, die, in Bayern geboren, als ein kleines Kind herüberkam und hier sich mit einem Bernburger verlobte, wurde von allen Cousinen aufs Herzloseste damit geneckt, daß sie einen „Bollacken" zum Manne bekomme. Davon ab gesehen, muß zugestanden werden, daß die Bayern das tüchtigste Element zur Gemeindebildung abgaben und auch überall die Führung erhielten. Als Kaufleute aber mußten sie die englische Sprache sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.