Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Jahrhunderts gewachsen. Seit nun über zweihundert Jahren v.-ar die Gemeinde zur Ausübung des gemeinsamen Gottesdienstes auf ^.Benutzung gemietheter Lokale angewiesen, und obwohl diese seit langer v'it keinen ausreichenden Raum für die Mitglieder mehr boten, mußte e'e Errichtung eines eigenen Gotteshauses wegen der fehlenden Baumittel unterbleiben. Am 28. Januar 1888 erboten sich dann, bei Anwesenheit des v mdrabbiners Dr. Gronemann, der sich lebhaft für den Bau interessirte, ji 1)3 Gemeindemitglieder, Zu den: Zwecke die Summe von 30,000 Mk. lrrzugeben. Unterstützt wurde das Vorhaben durch das bereitwillige Entgenkommen der städtischen Behörden, die der Gemeinde den schön gelegnen Bauplatz für eine geringe Summe überließen. Der Bauplan ist p nt zeitigen Stadtbaumeister Rich. Kampf entworfen, die Ausführung n11tcr dessen Aufsicht dem hiesigen Maurermeister Joh. Päpper übertragen. 7 ic Kosten des Baues mit der inneren Einrichtung sin dauf 80,000 Mk. verv,schlagt. Am 3 Mai d. I wurde der erste Spatenstich gethan, am 1. Juli ' Bau begonnen — Während nun die Musikkapelle eine Beethoven'sche 7: mate spielte, Unterzeichneten die anwesenden Ehrengäste das Dokument. ■7 obcutii exekutirte die Musik das „Hallelujah" aus Handels Oratorium Mesü'.s, worauf der Geheime Negierungsrath Oberbürgermeister Lauensteinan die '7 rsammlung eine feierliche Ansprache richtete. Hierauf sprach Herr Philipp u i hebräisches Gebet, anschließend an Psalm 150: „Einst wird dem Herrn t u Tempel sein der weite Erdenrund, Einst schließt die ganze Menschheit < '.en Bruderbund, Und Gotterkenntniß bedeckt dann die Erde wie Wasser 7 :i Meeresgrund!" Alsdann wandte sich Herr M. Heinemaun im Namen r r Synagogengemeinde mit Dankes Worten an die in Wind und Negen vnsharrenden und schloß hiermit die schöne Feier, die gewiß bei Allen, ihr beigewohnt, tiefen seelischen Eindruck machte. Die Theilnehmer vließen den festlich geschmückten Bauplatz, während die Musik den Psalm verholte: „Die Himmel rühmen des Ewiger: Ehre!" # Zittau, 1. September. Jur Verhältnisse zrr anderen Städten Asiens tritt die antisemitische Krankheit hier noch am mildesten 's, und zwar weil die zahlreiche Arbeiterbevölkerung hier sozialp mokratisch und ein großer Theil der Bürger freisinnig ist. Außerdem die „Morgenzeitung", seitdem dieselbe von dem Oberlehrer Haupt ngirt wird, ebenso unermüdlich in der Bekämpfung der Hetze, wie die Richen „Zittauer Nachrichten" in der Pflege desselben. — In Bautzen 1 0 der deutsch-soziale Verein im Hotel Laue, in welchem sonst der > V'ltesdienst an den hohen Feiertagen abgehalten wurde. Unter diesen 'Zuständen wird der Religionsvereiu sich nach einem andern Lokale um- ' ben müssen. Bis jetzt hat derselbe noch nichts in Aussicht. Aergsten Als findet der Gottesdienst in der Wohnung eines Gemeindemitgliedes statt. * M.-Gladbach, 4. Sept. Die Ausschveitungen in hiesiger 1 egend wollen noch immer kein Ende nehmen. Zwar bemühen sich die v sonneneren Elemente aller Richtungen, dem Unfug zu steuern. So hielt utz stattgehabter Firmung in Corschenbroisch Weihbischof Tr. Fischer ue tiefergreifende Predigt, worin er u. A. alle 'Anwesenden zur christ- > hen Duldsamkeit gegen Andersgläubige, speziell gegen die israelitischen Mitbürger, ermahnte und seine ausdrückliche Mißbilligung und Beru cheilung der in einigen Gegenden vorgekommenen 'Ausschreitungen i zen die Juden aussprach. Trotzdem haben in der Nacht von Sonntag Montag ruchlose Hände versucht, die Synagoge in Grevenbroich die Luft zu sprengen. Am Montag fand man in derselben ein l'-rzes Pumpenrohr mit Pulver gefüllt vor. 'An letzterem befand sich am ibe ein Einschnitt, worauf noch ein Theil verbranntes Stück Feuer- ■ >wamm lag. Glücklicher Weise ist durch die ungeschickte Anfertigung; * Rohres keine Explosion entstanden und sonnt weiteres Unglück ver- - -let worden. Auch hat man in derselben Nacht einem jüdischen Einl ohner einen schweren Pflasterstein in das Schlafzimmer geschleudert,! doch ohne weiteren Schaden anzurichten. 4L Köln, 1. September. Das Komitee für die Buschhoffammlungen veröffentlicht folgende Mittheilung: Die Verwaltung der sammelten Gelder ist nunmehr ganz in die Hände des Kölner Komitees ill-,:i’9e8ctngen. Die Eheleute Buschhoff haben durch notariellen 'Akt das d enge Komitee zu Kuratoren ihres Vermögens unter Verzichtleistung auf dasselbe mit der Maßgabe eingesetzt, daß sie lediglich auf den Zinsgenuß Zuspruch behalten, der im Falle Abscheidens auf den Ueberlebenden überd ht. Das Komitee ist berechtigt, bei Verheirathung oder Niederlassung d r Kinder geeignete Kapital-Anleihe zu entnehmen, die von den Kindern 1 zum Lebensende der Eltern zu verzinsen sind. Nach dem Tode beider Rtern geht das Vermögen auf die Kinder über. X Herford, 29. August. 'Am 23. d. M. begingen die A. Weingarten'schen Eheleute Hierselbst das Fest der goldenen Hochzeit. Die Jubilare wurden vielfach geehrt und ausgezeichnet, in erster Linie durch ein Glückwunschschreiben aus dem Kabinet des Kaisers, der den Gefeierten die Ehejubiläums-Medaille verlieh, sodann durch Ovationen seitens der Stadt, der Synagogengemeinde, des Frauenvereins und zahlreicher Einzelner. Alles zeugte von der Achtung und Beliebtheit, die das Jubelpaar in allen Klassen der Bevölkerung sich erworben hat. Möge dem verehrten Paare ein langer, recht froher und heiterer Lebensabend beschieden sein! B. Stuttgart, 26. August. In der in dieser Woche hier abgehaltenen Jahresversammlung der Privileg, württembergischen Bibelanstalt wurde vom Vorstand mitgetheilt, daß im Frühjahr d. I. die revidirte und durchgesehene Ausgabe der deutschen Lutherbibel erschienen ist. Es dürfte diese Mittheilung auch für manche Leser dieser Zeitung von Interesse sein. Die Revision wurde durch eine große Zahl der berufensten Kräfte besorgt. 1855 wurde dieselbe erstmals angeregt, 1857 und 1869 auf den Kirchentagen in Stuttgart erwogen und dann ins richtige Geleise gebracht. 1883 erschien als Lutherfestgabe die sogenannte Probebibel. Nach zwei Jahren erfolgte die Superrevision, unb im Frühjahr 1890 konnte mit dem Drucke in Halle begonnen werden, und anfangs 1892 wurde derselbe vollendet. Die Revision erstreckte sich auf folgende Punkte: 1. Modernisirung der Bibelsprache. 2. Berichtigung verschiedener Stellen. 3. Durchführung der neuen Orthographie. Die Bibel ist jetzt in 300 Sprachen übersetzt; die Uebersetzung in die afrikanischen Sprachen nimmt jetzt besonders das Interesse in Anspruch. Grsterrrich Ungarn. b. Budapest, 5. September. Bekanntlich hatte sich das R ez ep t i o n s - komitee, deren Bestrebungen sänuntliche politische Parteien, die ganze ungarische Presse und die öffentliche Meinung unterstützten, in Folge der zusagenden Erklärungen der Regierung veranlaßt gesehen, eine abwartende Stellung einzunehmen, wenn auch die Orthodoxen Ungarns diese befreiende That des Liberalismus als ein Unglück für das gesetzestreue Judenthum ansehen unb mit allen .Kräften auf eine Vereitelung der Anerkennung der so lange verfolgten und zurückgesetzten jüdischen Religion hinarbeiten. Welche beschämender Art die Agitationen der lichtscheuen Führer der Orthodoxie sind, deckt in schonungslosester Weise der bekannte Publizist Moritz Ehrentheil in einer Broschüre voll Wucht und Mark („Rezeption und Orthodoxie", Selbstverlag des Verfassers, Budapest, Trommelgasse 6, Preis 65 Kr.) auf. Die leitenden Personen der ungarischen Orthodoxie, ihre unedlen Motive und ihre ganz unjüdische Kampfesweise stehen nunmehr ganz klar vor uns. Tie beschämenden Thatsacheu, welche die orthodoxe Agitation zu Tage gefördert, bespricht E. mit flammender Entrüstung und leuchtet in überzeugendster Weise in die verborgensten Winkel der orthodoxen Reaktion hinein. Die lichtvolle Darstellung der Rezeption, der Geschichte der jüdischenKulturbestrebungen seit der konstitutionellen 'Aera mache:: die Broschüre auch sachlich werthvoll, so daß sie von Jedermann gelesen werden sollte, der ein genaues und klares Bild über die unlautern Agitationen der „autonomen orthodoxen Durchführungskonnnission" gewinnen will. Diese niuthige Philippika Ehreutheils verdient auch im 'Anstande Aufmerksamkeit und 'Anerkennung, welche, so wollen wir hoffen, nicht ausbleiben wird. — Eine ungarische Bibelübersetzung wird demnächst in Szeged erscheinen. An derselben betheiligen sich die Rabbiner Dr. Löw, Dr. Perls, Dr. Herzog u. A. — Herr Dr. B. Bernstein wurde in Szombathely (Steinamanger) als Rabbiner feierlichst instaltirt. * Lemberg, 2. September. Seit einiger Zeit findet eine Massen- Auswanderung ruthenischer Bauern nach Rußland statt. Wie der „Przegland" meldet, verlassen allnächtlich mehrere Familie:: in aller Heimlichkeit das österreichische Gebiet Unter den Bauern ist nämlich der Glaube verbreitet, daß den Auswanderern in Rußland Grundbesitz und das Eigenthum der vertriebenen russischen Juden zur Verfügung gestellt wird. Die Auswanderer werden an der Grenze empfangen, in den Gläsernen der russischen Grenzwache reichlich bewirthet, mit Geldunterstützungen versehen und zu Wagen nach Kremenetz befördert. Hier erfolgt die Bekehrung der griechisch-katholischen Auswanderer zum russisch-orthodoxen Glauben. Die Konvertiten werden sodann partienweise nach dem Kaukasus zu Kolonisationszwecken verschickt; auf dem Wege dahin ändert sich bereits die Behandlung. — Aus den: Zbarazer Bezirk sind bereits