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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-09 · Heft 37 (9.9.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Allein der Vorstand der Hauptgemeinde stellt in neun umfassenden Räumen Gottesdienst her, nämlich in den 4 Hauptsynagogen, ferner in den Sälen der Philharmonie, der Gesellschaft der Freunde, des Vereins junger Kaufleute, des Hotel Imperial, sowie des Konzertsaales Friedrichshain. Dazu kommen die ständigen Synagogen der Nebengemeinden und Religionsvereine, wie Reformgemeinde, Adas; Jisrael, Adaß Jeschurun, Ahawas Reim, Synagoge an der Potsdamer Brücke, Dhel Jakob, Beth Jakob, N'weh Schalom, B'ne B'rilh, Lippmann- Tauß-Synagoge, Schochare Hattob, von denen die beiden zuerst genannten in besonderen Räumen noch Jugendgottesdienst veranstalten. Ferner sind zu nennen die beiden Synagogen des Beth Hamidrasch, der Ehewrath Schaß, der Betsaal des Auerbach'schen Waisenhauses sowie eine Anzahl kleinerer Betstätten. Von privaten Unternehmern sind, soweit uns bekannt, 30 Säle jeder Größe gemiethet worden, nur zu gottesdienstlichen Veranstaltungen verwandt zu werden. Wir heben aus der Fahl die folgenden hervor: Singakademie, Konzerthaus, Schützenhaus, Eity-Hotel, Attstädter Hof, Buggenhagen, Moabiter Kasino, Englischer Garten, Dräsels Festsäle, Concordiasaal, Architektenhaus, Belvedere, Handwerkerverein, Roland, Kellers Festsäle, Germania-Hotel, Berliner Ressource, sowie zahlreiche kleinere. Die meisten der kleineren Veranstaltungen werden vom Vorstande der jüdischen Gemeinde auf das Entgegenkommendste subventionirt. — Auch in den Vororten macht sich das gesteigerte Bedürfniß geltend. So haben wir in Charlottenburg zwei synagogale Veranstaltungen zu verzeichnen, während aus den übrigen Vororten fast überall die Einrichtung von Betsälen für die Festtage gemeldet wird. Mögen zahlreiche Beter in all diesen Räumen eine der Bedeutung der hohen Tage entsprechende weihevolle Andacht finden! L2 Berlin, 6. September. Wie wir hören, ist die Wiener Konferenz verschoben werden Von einer Seite wurde als Grund das Herannahen der Festtage, von anderer der Mangel an einem „Programm" angegeben. Wir hoffen zuversichtlich, daß aufgeschoben hier nicht auch aufgehoben ist, und daß die mannigfachen Vorschläge, welche nach der Publikation des Einladungsschreibens ausgesprochen, nunmehr Berücksichtigung finden werden. Der Zeitpunkt für die Zusammenberufnng der Konferenz schien auch rms kein besonders günstiger; vielmehr dürfte sich hierzu die Zeit in den Halbfeiertagen, also zwischen 10—14. September, eignen In keinem Falle aber sollten die Urheber der Idee dieselbe, nachdem sie eininal bekannt geworden, einschlafen lassen. Die Lauheit kann man nicht durch Lauheit bekämpfen. * Berlin, 7. September. Eine Zeit lang hatte es den Anschein, als ständen den Antisemiten und ihrer Presse, auch abgesehen von den Abonnementsgeldern Derjenigen, die nie alle werden, bedeutende Mittel zu Gebote. Nach den jüngsten Niederlagen, welche diese Partei in der öffentlichen Meinung erlitten hat, scheint dieser Zustand eine Blenderung erfahren zu haben. Anders wenigstens sind die eigenartigen Manöver kaum zu erklären, welche die Antisemitenpresse anwendet, um Geld in ihren Beutel zu thun. Unsere Leser wissen, daß diese Presse erst jüngst den Klingelbeutel rührte, unr für die Entdeckung des wirklichen Mörders des Xantener Knaben Hegmann Sammlungen zu veranstalten. Wozu das zusammengebrachte Geld jetzt benutzt werden soll, zeigt folgende Aufforderung in der von Dr. Erwin Bauer herausgegeben antisemitischen „Neuen Deutschen Zeitung" in Leipzig. „An die Einsender von Geldbeträgen für die Entdeckung des Lantener -Knabenmörders, soweit sie sich ihre Anonymität auch uns gegenüber wahren, richten wir die ergebene Bitte, uns nachträglich, falls die Zahlungen an uns bereits erfolgt sind, oder bei zukünftigen Zahlungen gleichzeitig davon Mittheilung machen zu wollen, was wir mit dem Gelde beginnen sollen, wen;; der Mörder nicht entdeckt werden sollte und folglich die beabsichtigten oder ausgesetzten Preise an den oder die Entdecker nicht zur Auszahlung gelangen können. Das Geld würde überdies, da bis zur Anfktärung des Fantener Knabenmordes noch unter Umständen lange Zeit verstreichen könnte, als todtes Kapital bei uns lagern, während wir für Zwecke der Pr eß a g i t ati on gerade jetzt, vor dem beginnenden Herbstquartal, großer Summen benöthigeu. Wir wären den Einsendern deshalb dankbar, wenn sie uns gestatten würden, | die uns zur Verfügung gestellten Smnmeu vorläufig für unseren j Zeitungs-Agitatiousfonds verwenden zu dürfen, natürlich mit der Ver-! pflichtung, nach der etwaigen Entdeckung des Mörders des Knaben! Hegmann die Beträge im Sinne der Spender unter Zustimmung des! Komitees, das den bekannten 'Aufruf erlassen hat, auszuzahlen." Der i Charakter der antisemitischen Führer tritt aus dieser Kundgebung so deutlich hervor, daß dieselbe ohne ein Wort des Kommentars ihre Wirkung nicht verfehlen wird. * Berlin, ö. September. Bei den Antisemiten aller Richtungen beginnt sich allmählich der Katzenjammer nach dem Btutrausch von kanten einzustellen. Namentlich werden die Klügeren unter ihnen von! dem unheimlichen Gefühl geplagt, daß die 'Art und Weise, wie die Judenhetzpresse und ihre Zuträger sich dem preußischen Richterslande gegenüber benommen haben, denn doch ihr böses Nachspiel haben könnte. Das Hinauszerren der Beleidignugsprozesse, dieses neueste von den -Antisemiten beliebte Verfahre!:, gewährt zwar einen kleinen 'Aufschub der drohenden Strafen, kann aber die Partei vor der sicheren Blamage nicht retten. Unter diesen Umständen wollen erfinderische Köpfe sich selbst in Sicherheit wiegen, indem sie ihren geheimen Wünschen in Form von Gerüchten Ausdruck geben und von dein Rücktritt des Justizministers fabeln. Als Ursache müssen bald die „Judenbordelle" und ein durch dieses Pamphlet angeblich hervorgerufener Streit zwischen den: Minister und dem Berliner Polizeipräsidenten, bald der Gesundheitszustand des Herrn v. Schelling herhalten Natürlich sind alle diese Nachrichten böswillige Erfindung. Der Gesundheitszustand des Herrn v. Schelling ist, nach der Str Post, der denkbar beste, und allerlei Anordnungen, die der Minister in letzter Zeit noch getroffen hat und welche Vorarbeiten für organische Gesetze umfassen, schließen die -Annahme völlig aus, daß der Minister einen Rücktritt aus seiner jetzigen Stellung plane. Es liegen vielmehr im Gegentheil 'Anzeichen vor, das; der Minister sich demnächst entschließen dürfte, mit den Antisemiten bezüglich ihrer 'Angriffe auf die Unantastbarkeit der preußischen Rechtspflege recht gründlich abzurechnen. Berlin, 5. September. Professor Vir chow wird bekanntlich in St. Petersburg jetzt sehr gefeiert. Unter Andern! hat ihn auch ein Reporter der „Nowoje Wreulja" interviewt nnd sich dabei über den jüdischen Einfluß in Berlin im bedauernden Tone geäußert; darauf bekam er von Virchow die Antwort, daß „unsere Juden so gut gezogen und so gebildet sind, das; sie unser werth sind". Wir haben leider den Bericht über das Interview nicht gelesen; aber wir sind fest überzeugt davon, daß der gefeierte Gelehrte es auch an einem kräftigen Wörtlein über die Behandlung der Juden in Rußland nicht hat fehlen lassen. * .Königsberg, 4. Sept. Die „Hartung'sche Ztg." veröffentlicht die folgende Erklärung des Vorsitzenden des hiesigen Haupt-Grenz- Komitees für die nothleidenden russischen Juden, Herrn Rabbiner Dr. Bamberg er: „Gegenüber irrigen Darstellungen in der hiesigen und auswärtigen Presse betreffend die Einwanderung und den Durchzug russischer Juden und die hierdurch erwachsende Gefahr der Einschleppung der Cholera ist zu konstatiren: 1. Sämmtliche ostpreußische Hilfskomitees, und zwar zu Königsberg, Eydtkuhneu, Insterburg, Tilsit, Memel, Prostken, sind seit fast drei Wochen geschlossen. Ter Schluß erfolgte, noch ehe der erste Cholerafall aus St. Petersburg gemeldet war. Die

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