Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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444 Reb Behrisch wußte nicht, wie ihm geschah. Er fand sich erst wieder, als er mit einem Rack aus dem Kleiderschatz des Schwieger-' sohnes über den Schultern am warmen Ofen saß. „Wahrhaftig, eine größere Freude hatte mir nicht passiren können,"' versicherte Salta ein über das andere Mal. Hatte der Schwergeprüfte auch ihren Warten mißtrauen wollen, ihre strahlende Miene kannte nicht tilgen. Das war echte Freude. Und dabei schienen sie sich gar nicht zu wundern, fragten nicht woher — wozu warinn? Sie waren glücklich, wieder einmal den Vater bei sich zu sehen. Dieseln that es wohl, daß er nicht nöthig hatte, Erklärungen abzugeben, bis alle zusammen das einfache Abendbrad verzehrt hatten. „Dll bleibst doch über Nacht bei uns? fragte" Salka. „Was fragst Du so biimm," sagte ihr Mann unwillig, „das ist doch selbstverständlich." „Wenn Ihr Platz habt-" „Wie heißt, wenn wir Platz haben," rief Salka, „für Dich ist inlmer Platz." „Ruch wenn ich länger bleibe?" fragte der späte Gast bescheiden. Sie zögerte ein wenig mit der Antwort. Aha, dachte der Vater, mm kommt es auch! Und sie versteht liicht einmal, sich zu verstellen, wie die Schwestern, die dumme Salka. Aber Salka war doch liicht so dnlnnl, lvie er glaubte. Eill Blick in feine tmlnnervolleil Angell, sein schlnerzdllrchwühltes Gesicht — lmd sie ahnte, lvas vorgegangen war. „Was ist geschehen Vater, kommst Dll von Zuhause?" „Zllhallse?" — Er lachte bitter auf. „Ich habe kein Zuhause mehr. Deine Schwestern haben lnich hinallsgestoßen, intb nun komme ich zll Dir. Aber Dll wirst es and; so machen, — denn lvie kann ich voll Dir verlangen, daß Tn lllich allfniuunst, da ich Dir doch so wellig Liebes erwiesen habe." — „O Vater, sprich nicht so!" rief sie, imb die Dhränen strömten ihr über das Gesicht. „Hast Dll lllich nicht erzogen, hast Du lllich nicht versorgt? Dafür ist es jetzt uiciiic Pflicht, mit Dir zll theilen, lvas ich habe." Sie blickte ihren Mann fragend an, der nicfte znstimmend. „Gott sei Dank," sagte er, „ich faun genug verdienen, daß llvch Einer davon leben kann." „Wir leben freilich einfacher lvie Rösel; aber für Dich wird immer ein Dropsen Suppe lmd ein Stürkel Fleisch da sein." Wie ihm ihre einfachen Worte wohl thaten! Mehr lloch ans dem Don als aus den Worten selbst hörte er, daß sie wirklich vorn Herzen kainen. „Nein. nein," wandte er ein, „meinetwegen braucht Ihr llichts zll elltbehren. Wenn Ihr lnich wirklich bei Ellch behalten wollt, so will ich dafür bezahlen." — „Behaltet Elier Geld, Herr Schwiegervater!" erlviederte der Hausherr fast beleidigt. „Meiilt Ihr, wir finb solche Schnorrer, daß wir dell Vater für Geld bei uns halten müsseil?" Nun erst war Salka vollends zllfrieden imb allsgesöhnt mit ihrem Loose. Bis jetzt war sie der verachtete „Bowel" gelveseil, mm räumte ihr der Vater in seinem Herzell dell ersten, dell Ehrenplatz ein. Sie lvußte ihn zll behaupten, trotzdem die Schwestern mit heuchlerischer Zärtlichkeit sich wieder m sein Herz zll schmeicheln versllchtell. Und Herr Haberfeld bewies allch durch die That, daß er solche Liebe wohl zll schätzen wußte. Er gab sein kleines Vermögen beut Schwiegersohn in das Geschäft uub nannte sich „Theilhaber" desselben. So blühte es empor unb Salka ward bald eine reichere Frau, als ihre Schwestern je gewesen. Sie blieb aber einfach mtb bescheiden und versicherte stets, daß sie ein so großes Glück gar nicht verdielle. Gewiß, sie habe mehr „Glück als Verstand". Worauf der Vater stets erlviederte: „Was nützt der Verstand, welln das Gemüth böse ist? Aber mit so einem Herzen, wie Deines ist mall kein Bowel." Spverffsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie Unterzeichnetem, der, wie Sie wissen, über die Verhältnisse in Palästina gut unterrichtet, eine Richtigstellung. In der Nummer vom 1. Septernber brachte Ihr 1-Berichterstatter die Mittheilung, daß wieder 400 Einwanderer in Jaffa zurückgewiesen worden seien. Diese Nachricht ist absolut erfunden, die daran gegen die Palästinasrellllde geknüpften Deklamationen also zum mindesten deplacirt. Da ich bei Jhrenr Berichterstatter bona 11668 voraussetzen kann, so ist ihn: nur anzurathen, daß er llicht so leichtgläubig erfundene Nachrichter weiter verbreiten möge. Das Nichtige ist, daß die Einwanderung nach Palästina den von den betreffenden bekannten Komitees und Personen geschickten Familien aber nur diesen erlaubt ist, das absolute Einwanderungsverbot ist also aufgehoben. Die betreffenden 400 russischen Auswanderer aber sind nie nach Jaffa gekommen, sondern von Konstantinopel aus sofort je 200 nae! Smyrna und Saloniki gesandt worden, wo sie von der türkischen Re giernng Land zugewiesell erhielten. Ich danke Ihnen für die Aufllahllle dieser Berichtigung und zeichm ergebenst W. Bambus. * Misceüen. * Die Sparsamkeit der Juden. Kürzlich durchlas ich mil vielern Interesse das Büchlein „Jedermanns Sparbuch" von Karl Schmidt Verlag Stuttgart bei Julius Maier. Von dem wahrhaft gediegenen In halt des für weniges Geld zu beschaffenden Büchleins möge Kenntnist nehinen, wem daran liegt, haushälterisch, menschlich und sparsam zu leben. Es sei mir hier nur gestattet, ans dem siebenten Kapitel besagter Schrift handelnd über Biertrinker in öffentlichen Lokalen, eine Stelle hervor zuheben, insofern dieselbe auf die Juden Bezug hat: „Aber wir kennet! ja die Ausreden, welche diese trägen Verschwender (hiermit sind die Bier trinker gemeint) feil halten! „Ich muß repräsentiren," heißt es, „mein Geschaftsvortheil verlangt es so," heißt es noch öfter. Aber dann könnte es ja nicht wahr sein, daß die Juden uns über den Kopf wachsen und alle Geschäfte an sich bringen. Denn der Jude pflegt nicht eher zu re prüsentiren, als bis er sich das dazu uöthige Geld schon doppelt und breifad verdient und gespart fiat; der Jude sitzt selten im Wirthshause und auchäußersselten mehrere Stunden lang. Eilte Ausnahtne tnachen nur diejenigen Juden deren Erwerbsfeld das Wirthshaus ist, Weinhändler, z. B." Es gereich' uns gewiß zur Genugthuung, dieses unser Zurückhalten vom Wirthshaus besuch, resp vom übermäßigen Berkonsumiren und Spendiren des geistige!' Getränks von einen: Christen in rechter Weise gewürdigt zu sehen. Leidewird dem Juden darob von anderer Seite nicht selten der Vorwurf eines „Knickers" an dm Hals geworfen. M. Grünfeld * Die Nr. 36 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Der Antisemitismus ii Kurheffen und seine Bekämpfung. XVII. — Die Antisemiten und die zwei jährige Dienstzeit — Die Juden und ihr Verhältniß zu Nichtjuden. - Der Reichsbote und der Pariser Figaro. — Fürst Bismarck und di? Anrisetniten. — Die neueste Talmud-Autorität der Antisemiten. - Antisemitischer Idealismus. — Die Cholera und die Juden. — De? vorausgeahnte Pudor. - Kleine Mittheilungen und Korrespondenzen. — Bücherschau. Truck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.