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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-09 · Heft 37 (9.9.1892) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
Seite 443 (sequence 11)
Language
German
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Dort ivollte er vorläufig ivohneu. Später würde sich wohl ein kleiner Verdienst für ihn finden. Gott würde ihn ja nicht verlassen, dachte der arme Mann, wenn auch sein eigen Fleisch und Blut ihn verstieß. Am andern Morgen packte er seine Sachen znsammen. „Dl> willst fort?" rief Rösel, die daznkam, scheinbar bestürzt. „Verstell' Dich nicht," sagte der Alte, ohne in seiner Beschäftigung inuezuhalten, „es ist doch Dein Wunsch, daß ich geh'. Du wolltest mich zwar über Chanukka noch hierbehalten, — aber ich bleibe nicht länger." „Wer hat Dir das gesagt?" rief sie scheinbar entrüstet aus, obwohl sie sich innerlich freute, daß diese uuangeiiehnie Angelegeiiheit sich ohne ihr Zuthun, gleichsam von selbst erledigte. „Wer das gesagt hat? Frag' Deinen Jnngcil. — Nein, bleib," rief er, als sie eine Bewegung nach der Thür zu machte, als wollte sie das Kind herbeirufen, mn es zur Rede z» stellen. „Was willst Du von dem Kind? Kinder und Narren reden die Wahrheit. Ich weiß schon lange, daß Dil inich nicht gern siehst." „Vater, wie kannst Du nur so etwas denken?" vcrtheidigte sie sich. „Wir haben uns so sehr über Dein Kommen gefreut, und iverden uns freuen, wenn Du wieder mal zu uns komnist, aber —" „Ja, ja, dasselbe hat mir Deine Schtvester auch gesagt. Nun, Du wolltest ja noch was sagen?" „Ja, lieber Vater, wir dachten, Du kominst blos auf Besuch. Aber das siehst Du doch selber ein, daß wir nicht in den Verhältnissen sind, Dich ganz bei uns zu haben." „Gewiß — das seh' ich ei». Aber, weit» Du Dich ein Bissel cinschräuken möchtest, so könntest Du Deinen Vater pflegen, statt ihn aus dem Haus zu jagen." „Wer jagt Dich fort!" fuhr sie auf. „Hat man Dich nicht gut behandelt?" „Soll ich warten, bis es so weit kommt? Neiir, ich geh' lieber von selber, — heut noch." „Wie Du willst," sagte sie achselzuckend. „Was kann ich dafür, ivenn Du so empfindlich bist?" Damit ging sie zur Thür hinaus. „Vielleicht hat sie's doch nicht so böse gemeint, vielleicht war ich im Unrecht," dachte der Alte. Aber da kam sein kleiner Enkelsohn herein. „Du gehst fort von uns?" sagte er. „Ja mein Kind — heute." „Die Mutter sagt, Du kannst ja zur Tante Sara gehn, die muß Dich bei sich halten." „Thut's Dir leid, daß ich fortging?" fragte der Großvater. „Ja — aber weißt Du," antivortete nach einigem Besinnen der Kleine mit ächter Kinderlogik, „Du hast mir gar nicht viel mitgebracht, wie Du gekommen bist." „Du hast Recht," murmelte der alte Man». „Wie die Mutter, jo das Kind. Wer giebt, der wird stets willkommen sein, — wer nichts zu gehen hat, den jagt man fort. O, was Hab' ich gethan, Alles fortzugeben, was ich hatte! Was für ein Narr bin ich gewesen!"? Die Wirthin der Herberge, wo Behrisch eingekehrt war, wunderte sich nicht wenig über ihren schweigsamen Gast. Es war nichts aus ihm herauszubringen. Ob er in Geschäften da sei, wo er znhaus sei, ob er Frau und Kinder habe, auf all dieses und noch eine ganze Menge ähnlicher Fragen bekam sie fast immer nur ein „Ja" oder „Nein" zur Antwort. Der sonderbare Gast schien auch ganz bedürfnißlos. Er hatte sich wohl etwas zu Essen vorsetzen lassen, dies aber kaum berührt. Er saß finster brütend in einer Ecke, ohne ein Wort zu sprechen, bis die Dämmerung hercinbrach. Er blickte erst auf, als ihn die Frau nnredete. Sie stand vor ihm, einen messingnen Armleuchter in der Hand. Ja so — heute war ja der erste Tag des Lichtfestes. — Nein, nein, cs tonnte der Frau ihren Wunsch nicht erfüllen, die ihn bat, da? Fest dcirch die üblichen Segensprüche einzuwcihen. Er konnte es nicht. Zu mächtig stürmte die Erinnerung an vergangene glückliche Tage auf ihn ein er dachte daran, wie er einst in seinem eigenen Hause die Channkkafeier begangen hatte im Kreise der Seinen. Wie konnte er hier in der fremde» Stube, unter fremden Leuten, mit seinem schweren Herzen die frohen Segensworte sprechen? Ec stammelte eine Entschuldigung, er müsse fort, zu Bekannten, die ihn eingeladen hätten. Das Zimmer ward ihm zu eng, er mußte hinaus, seine stürmisehe Bewegung ausströmen lassen in die rauhe Winternacht. Ter alte Mann schritt hastig vorwärts auf der schneebedeckten Straße, er wußte kaum, wohin. Tie Flocken flogen ihm ins Gesicht, der kalte Wind blies ihm unter seinen langen Rock, — er achtete nicht darauf. Weiter ging cs, immer lveiter, als wollte er dem bitter» Gedanken, dem herben Weh entfliehen. — Endlich blieb er stehen. Er befand sich schon außerhalb der Stadt, auf der Landstraße. Von hier aus loar cs nur ein Viertelstunde zu dem Dorf, in dem seine Tochter Salka wohnte. — llmkehren? — Nachdem er halb willenlos so weit gegangen! war? — Nein, mochte denn der bittere Kelch gleich zur Neige geleert sein. Seine zweite Tochter würde nicht besser sein als die beiden anderen, die ihn von sich gestoßen hatten, obgleich er sie stets geliebt und gehätschelt hatte. Salka hatte wenig Gutes zuhause erfahren — dafür würde sie sich nun rächen. — Aber er wollte auch zu ihr gehen, damit sie nicht die Ausflucht haben könnte, der Vater Hütte sie ganz übergangen. Da waren schon die ersten Häuser des Dorfes. Tie Fenster drüben in dem kleinen Hause, aus denen heller Lichtschein auf die Straße fiel, gehörten zur Wohnung seiner Tochter. Er schlich sich nahe an das Hänschen. Auf dem Fensterbrett lag etwas, was wie der Deckel einer Cigarrenkiste aussah, auf diesem stand ein kleines, halb herabgebranntes Wachslichtchen, etwas entfernt davon ein größeres. Ein Knabe und ein Mädchen, Salkas Kinder, standen davor, der Lichtschein spiegelte sich in ihren großen Augen und lachenden Gesichtern. Der Vater stand hinter ihnen, seine Lippen bewegten sich, er erzählte ihnen wohl die Geschichte vom Chanukkafest. Und Salka sah mit den einfältig-andächtigen Gesichtszügen gar nicht häßlich ans. Es war ein friedliches Bild voll bescheidenen Glücks, es heimelte den Einsamen draußen an. Rasch entschlossen trat er in das Hans. Die Thür öffnete sich — und er fühlte sich von einem halben Dutzend Armen zu gleicher Zeit nmschlungen. „Vater — lieber, lieber Vater! Großvater!" rief es jubelnd durcheinander. Der Schwiegersohn hatte etwas verlegen abseits gestanden, nun trat er hervor. „Laßt doch den Vater in Ruhe und nehmt ihm lieber den Mantel ab, er ist ganz naß."!

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