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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-09 · Heft 37 (9.9.1892) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
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436 Briefe aus Amerika. Von Dr. G. Deutsch, Professor am Hebrew Union College in Cincinnati. 1. Es giebt einzelne Freunde von mir in Europa, die am meisten davon überrascht sind, meinem Namen in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" nicht mehr zu begegnen. Denen gegenüber fühle ich die Verpflichtung zn beweisen, das; das große Wasser meine Liebe zn ihnen nicht verlöschen und das; die Meeresströmungen sie nicht wegschwemmen konnten. Tie meisten meiner Leser möchten gern gleich dem Heiden bei Hillel die Frage „wie es drüben anssieht" beantwortet haben, wahrend sie ans einem Fuße stehen, gerade so wie Jedermann, den man hier tcmieu lernt, zuerst die Frage an uns richtet: „Wie lange sind Sie in diesem Lande", und dann hinzufügt: „Wie „gleichen" Sie das Land." Es hat sich nämlich ein deutsch-amerikanischer Jargon hier entwickelt, den; man schwer widerstehen kann, da er besonders eine Anzahl der alltäglichsten Phrasen in germanisirten englischen Worten wiedergiebt. Wie gleichen Sie das Wetter; wie suhlen Sie: ich suhle schwach; man geht mit der „Car" zu einem Plaste in der Umgebung der Stadt, man geht auch „bei Steamer" wenn es thunlich ist, und wenn man es „asforden" kann, „drivt" man sein eigenes „Team". Und da die Sprache den wesentlichsten Theil des Voltscharakters ansmacht, so ist auch der letztere durch die Amalgamirung der verschiedensten Elemente in seiner Eigenart gestaltet. Der Jude, den; bei seiner staunenswerthen Fähigkeit, sich zn assimiliren, hier, lvo es keine privilegirte Klasse, kein Militär mtb keine Staatsreligion giebt, alle äußeren Uulstünde zn Hilfe konlmen, der überdies hier eine Sprache erwerben muß, die ihn zum Aufgeben mancher eigenthümlichen Ideen zwingt, der. tuenii er aus den kulturfeindlichsten Gegenden kommt, hier seinen Kaftan ablegt, seine Peoth zum miiibefteu versteckt und seine Kinder in die öffentlicher! Schulen schickt, der Jude wird sehr schnell Amerikaner, so schnell, das; der Europäer die Metamorphose für Afsettation halten rnuß. Trotz dieser Assimilation hat doch der amerikanische Jude, so rveil ich bis jetzt herausfinden konnte, zwei neue Jargon-Wörter geprägt: Der Sieger heisst ihm „Schacherer", und mit besonders kühner Phantasie hat er ans dem Irländer einen „Bezimer" gemacht, indern er nämlich nach denn englischen Jrijhman aus der ersten Silbe, „Eir" gesprochen, die Aeziin herausinterpretirte. Allerdings muß man dabei in Rechnung Ziehen, das; der Jrishunm „Pat" oder „Mike" hierzulande ebenso eine stehende Figur im Volkswitze ist, wie in Norddeutschland der Lachse Vliemchen und in Wien der böhmische Wenzel. So sagt z. B. „Pat": Wenn ich sterbe, will ich nur auf einem jüdischen Friedhof begraben sein, denn das ist der letzte Platz, lvo der Teufel die Seele eines Jrishmans suchen lvird. Obwohl nun der Jude innerhalb des amerikanischen Volkslebens keine so sehr gesonderte Stellung einnimmt, so müssen wir dem amerikanischen Inden innerhalb des Judenthnms doch einen ganz besonderen Plast einrüumen, eine Stellung, die nach meiner Allsicht ebenso eine führende für die nächste Znknllft seiil dürste, wie es die der babylonischen Jlldell vom 3. bis 11., die der spanischen volll 11. bis 15.. die der orielltalischen während des 16., die der polnischen wahrend des 17. inld 18. Jahrhunderts und die der deutschen von Mendelssohns Zeit an bis jetzt gewesen! ist. Das Jndenthuln in Amerika ist wie überall ein Produkt äußerer oder geschichtlich gewordener Verhältnisse. Ich halte es für nothwelldig, diese Bemerkung hier cinzusügm, weil es innerhalb des JudenthnnlS eine Menge von Leuten giebt, die solche Unterschiede negiren oder als sehr nebensächlich gegenüber den solidarischen Eigen« schaftell der Juden hinstellen. Die Umstande, welche auf die Eum Wickelung der amerikanischen Juden einschneidend gewirkt haben« sind: 1. die vollkommene Religionsfreiheit, und 2. die Lösung dc« religiösen Gemeinwesens von allen staatlichen Fesseln. I Die Religionsfreiheit gab dem Juden in diesem Lande zu!« ersten Male das Gefühl eines Existenzberechtigung statt de« Gefühls einer bloßen Duldung, die er bestenfalls anderswo genom So wurde er verhindert, daß die besser situirten und in höhere Ee-I sellschaftskreise zugelassenen Juden das Judenthum verließen, tuil das in Europa so ziemlich in allen Staaten seit einem Jahrhunde» Regel ist. Die Religionsfreiheit hat auch so zahlreiche Sekten ti I schaffen und die einzelnen Kirchengemeinden zu solcher Selbstständig« teil in Bezug auf den Lehrgehalt ihrer Religion gebracht, daß mal keine Religion als bevorzugt ansehen kann und auch innerhalb Del einzelnen Bekenntnisse ein fortwährendes Fluktuiren stattfindet. Moiil hört z. B. jetzt von einer Spaltung innerhalb der presbyterianisclie» Kirche, dieser alten Burg der inspirationsgläubigen Schottländer uni dem 17. Jahrhundert, die dadurch entstanden ist, das; einzelne Pro-I fefsoren der Bibelkritik Konzessionen machen und einzelnen Theiie»! des Pentateuch den mosaischen Ursprung absprechen. Trotzdei» bleiben diese Häretiker Mitglieder ihrer Kirche, denn die Gemeinde« halten zll ihnen und das entscheidet. Ja, selbst die römische Kink« scheint toleranter zu sein als im alten Kontinent, denn neulich tonnt! man lesen, daß ein polnischer Priester mit den! melodischen Ncmm>I Aodyszusz wegen Aergerniß erregender Straßenexzesse, die er im;;!ij stände sinnloser Trunkenheit verübte, von seinen! Bischof suspendinl aber auf das Verlangen der Gemeinde wieder in sein Amt eiugeickl wurde. Der Herr Bischof kann hier eben keine Temporalien sperrn! denn Niemand kann der Gemeinde verwehren, den exkommunizin>! Priester als ihren Seelsorger anzuerkennen. So hat die Religio freiheit innerhalb des Judenthums zur Reform geführt, denn oi| führenden Persönlichkeiten bildeten ihre Gemeinden ganz und gar mm ihren religiösen Bedürfnissen, ohne sich um den konservativen Rä!! ihrer Glaubensgenossen zu kümmern, denen Niemand die SBUbnuJ einer ihre Anschauungen reprüsentirenden Gemeinde verwehren lonütej Mit der konsequenten Religionsfreiheit geht nun die vöüm Trennung der Kirche vom Staate Hand in Hand, und das Holk auf das Judenthum einen besonders günstigen Einfluß. Man brauÄ nicht mehr mit neidischen Blicken darauf zu sehen, wie die Bertmci der Staatsgewalt die Geistlichen der anderen Kirchen behändesten, mau tüuunerte sich nicht danun, luer von! Oberprüsidenten zum Duitt eingeladen war, wer von dem Monarchen früher und wer später m Audienz befohlen wurde, wer hochmürdig und wer nur ehrwürdig null, weni der Orden mit und wem ohne Disteln zu Theil gelvorden n u wen der Präsident besuchte und bei wein er blos seine Karte Hirn erließ; man hatte noch weniger nothwendig, in die Zeitung hineiuzuse! ein daß unul em Inspektor oder ein Rath geworden sei, als ob die HM Regierung so ganz und gar von der Wahrheit der jüdischen Relig oh durchdrungen fei, das; der Oberprüsident oder Statthalter Tag im Nacht darauf sinne, wie inan die Ausbreitung des Judenthnms belrcM Kurz, das Judenthum lernte Selbstachtung und Mannhaftigt'l Und trotz des Wegfalls aller staatlichen Hilse sind die Gemeint int Durchschnitt finanziell viel besser situirt als in Europa. Ich habe vorhin schon belnerkt, daß der Gottesdienst hier viel mchr reformirt ist als in Deutschland, und will nur hinzufügen, das; m den christlichen Kirchen genau das Umgekehrte der Fall ist und i>i< schwärzeste Orthodoxie hier herrscht. Man bedenke, daß einDeliM, der matkabäische Psalmen anerkannte und die Vollendung des Peum teuch bis in die nachexilische Zeit versetzte, in Deutschland orthoM'

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