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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-09 · Heft 37 (9.9.1892) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
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Herr B. betrachtet den Habitus des Hilfspredigers und findet, i» derselbe höchstens 22 bis 28 Jahre alt ist und vor einer n klichen und leibhaftigen Gemeinde bisher noch nie gepredigt hat. glaubt denn Herr B., daß der Herr Kandidat, wenn er ein halbes - r ganzes Jahr später als „ständiger" Rabbiner die Kanzel besteigt, p glich ein würdiger, alter Herr sein wird? Und weiß Herr B. li jt, daß jedes Ding irgendwo einen Anfang hat, und das; es auch >r. den „ständigen" Rabbiner eine Stunde geben muß, in der er zum wen Male vor einer wirklichen und leibhaftigen Gemeinde predigt? „Die wichtigsten Lehren des Judenthums und seiner Religion, >i : Herr B., kennt heutzutage Wohl jeder Glaubensgenosse von der mutle her, zu ihrer Auffrischung braucht eine Gemeinde eigentlich men besonderen Hilfsprediger anzustellen und keine besonderen 1: neu zu machen. Nein, ein Prediger — sagt Herr B. — soll ,! »t einseitig moralisiren, er soll von dem Berufe der meisten seiner! Hörer, von ihren Beziehungen zu Andersgläubigen in Stadt und? aat ansgehcn und diesen verschiedenen Thätigkeiten die religiöse? ihe geben. Dazu ist unumgänglich nothweudig, daß der Prediger;e Gemeinde kennt, ihre Hauptbeschäftigung und ihre Beziehungen i» Andersgläubigen." Das ist doch eine wunderbare Anschauung, lieber die wichtigsten e >rcn der jüdischen Religion zu sprechen, soll dem Rabbiner nicht »hattet sein. Umgekehrt! Der heutige Wochenabschnitt, der die li-.erlichen Lehren über das Recht des verwaisten Fremden, über die »egcssenen Garben und zurückgelassencn Trauben, der das wahrhaft iwabene Gebot enthält, draußen zu stehen und zu warten, bis der Schuldner das Pfand herbeibringt, wenn du ihn pfänden willst, im: heutige Wochenabschnitt sollte dem Rabbiner nicht Gelegenheit >■; mit dürfen, allgemein über Armenpflege und Mildthätigkeit, über t jüdischen Gebote der Barmherzigkeit zu sprechen, selbst auf die o Fahr hin, daß kein Weiubergsbesitzer und kein Pfandleiher unter d e andächtigen Gemeinde sich befindet. Er soll nothweudig von den v eschiedenen Thätigkeiten der Gemeindcmitglicder ansgehcn und imm Beziehungen zu Andersgläubigen in Stadt und Staat. Nein, iv soll, wenn er durchaus einen Wegweiser braucht, — aber er!' »nicht keinen — er soll von den Lehren des Judcnthums ansgehcn >wd cs jedem Einzelnen überlassen, bei sich im Kämmerlein zu überl zen, wie weit seine private Thätigkeit den Lehren des Judcnthums | ispricht, wie weit sie mit dem Geiste der jüdischen Lehre harmonirt. d u die Beziehungen zu Andersgläubigen in Stadt und Staat zu l.nrtheilen, dazu bedarf er wahrhaftig keiner umfaffcnden Kemitniß,; sind überall gleich oder ähnlich; und daß gerade diese Beziehungen »neu wesentlichen Ausgangspunkt der Predigt bilden müssen, wurde war behauptet aber nicht bewiesen. „Welche nachhaltige Wirkung, fragt Herr B. weiter, versprechen wh denn wohl die meisten Gemeindebehörden von den vier bis fünf i rcdigten der Hilfsprediger, jener Herren, an welche Schiller bei nein „Mädchen aus der Fremde" gedacht zu haben scheint, wenn - sagt: „Und schnell war ihre Spur verloren, sobald das Mädchen > i'schied nahm!" Aber Schiller hat sicher nicht an die Rabbinatslmdidaten gedacht, und wenn die nachhaltige Wirkung nicht überall öie erwünschte ist, so ist das oft so sehr die Schuld der Zuhörer die des Redners. Haben unsere Propheten mit ihren Fencrdmgen auf die nachhaltige Wirkung verzichten müssen, so wird es dem jüngeren Rabbiner und den Gemeindebehörden nicht zu verargen sein, wenn sie sich keinen allzu optimistischen Illusionen hingeben. Auch „daß die Spur so schnell verloren", bestätigt sich nicht dnrchgehends. Es sind gerade zehn Jahre her, da erbat der Gemeindevorstaud einer großen königlichen Residenzstadt von der Breslauer Schule einen Hilfsprediger, der nach dem Tode ihres weltberühmten Rabbi an den Feiertagen die verwaiste Kanzel besteigen sollte. Breslau schickte einen jungen Kandidaten im Alter von 22 bis 28 Jahren, der noch nie selbständig vor einer wirklichen und leibhaftigen Gemeinde gepredigt. Und siehe da! Die Predigten des „jungen, halbfertigen" Mannes, der die Hauptbeschäftigung des völlig fremden Publikums doch gar nicht kannte, begeisterten die Gemeinde derart, daß sie die Zeit kaum erwarten tonnte, daß der „junge Mann" seine Examina absolvirt und zu ihrem Seelsorger auf Lebenszeit erwählt werden konnte. Die Gemeinde hat ihre Wahl nicht bereut und die Gemeindcberichte gaben Zeugnis; von der nachhaltigen Wirksamkeit des einstige» Hilfsprcdigers. Herr B. klagt ferner: „Es kommt häufig vor, daß ein Gemeindevorstand sich zuerst an die Breslauer oder au die Hochschule zu Berlin wendet, und wenn dort schon alle Kandidaten vergeben sind, weil der Wunsch zu spät ausgesprochen, oder auch, wenn das dort geforderte Honorar zu hoch erscheint, dann wendet man sich an das orthodoxe Seminar, oder der umgekehrte Fall tritt ein. Hub was entsteht daraus? In dem einen Jahr hört man auf der Kanzel die freisinnigsten Worte, im nächsten Jahre aber die entgegengesetzten Anschauungen." Das schadet aber nichts, schadet wirklich nichts. Ist noch keiner dabei moralisch zu Grunde gegangen. Bin so oft innerhalb eines und desselben Monats bei Hildesheimer und in der Neuen Shuagoge gewesen, hat mir nichts gethau, ist nichts Schlimmes daraus entstanden. Freilich, wenn man so hitzig ist, daß man die Unantastbarkeit des Predigers auf der Kanzel bedauert, hat die Sache einige Gefahr. Am meisten ärgert den Autor jenes Artikels das stolze Sclbstbcwnßtsein solcher Hilfsprediger. Daß so ein junger Kandidat über den „Geist der Zeit", über Mammousdienst und Egoismus zu reden wagt, nein, das ist wirklich haarsträubend. Herr B. muß sich nach solcher Predigt an die Stirn fassen, ob er denn noch lebt, und da die Ganglien wirklich noch fnnkliouircn, benützt er die Gelegenheit, darüber nachzudcnken, wie das Institut der Hilfsprediger gründlich verbessert werden könne. Bezirksrabbinatc und Vorlesungen der Kantoren, das scheinen die besten Aushilfsmittel. Wenn die vier Predigten an den Feiertagen nach der Meinung des Herrn B. keine nachhaltige Wirkung äußern können, werden die drei des Herrn Bezirksrabbiuers wohl auch nicht viel nützen, und daß die Borlesungen der Kantoren mehr Eindruck machen werden, wird schwerlich Jemand zu hoffen wagen. Mit diesen Anshilfsmittelu ist es nichts. Aber zum Glück bedarf es gar keiner Aushilfsinittel. Daß ein junger Hilfsprediger einmal einen t'aux pas begehen kann, das mag nicht geleugnet werden, und daß er in dem beglückenden Bewußtsein seiner Unabhängigkeit die Gelegenheit einmal benutzt, frei von der Leber zu sprechen, da er später als „ständiger Rabbiner" ach so oft schweigen muß, wo er reden möchte, das wird der Biüigdcnkende ihm nicht allzu sehr verargen. Hier und da mögen wohl einmal üble Erfahrungen gemacht worden sein; aber das weiß ich, daß derartige Einzelfälle nimmermehr im Stande sein könne», eine so außerordentlich wohlthätige Einrichtung wie die des Hilfspredigerthums zu unterdrücken. H

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