Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227969--49109-3269783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
434 Die Cholera und der Versöhnungstag. Von Dr. med. S. Steinthal. Zwar trennen uns noch fast vier Wochen von nnsercin heiligsten Feste, dem Sabbath der Sabbathe, zionr ist die Hoffnung nicht gänzlich zn bannen, daß um nach Ablauf dieses Monates von der hcreingcbrochcnen Seuche befreit sein werden — und doch erscheint cs von großer Wichtigkeit, daß bei Zeiten Gemeinde-Vorstände und Rabbiner mit der Thatsache rechnen, einen glücklicher Weise noch allgemein anerkannten und gefeierten Fast- und Bettag mitten in der Zeit einer herrschenden Epidemie feiern zn müssen. Das Unwürdige, das darin läge, Verfügungen der Behörden abzmvartcn, welche in unser Allerheiligstcs eingreifen, bedarf wohl keiner Erläuterung. Tie Würde unseres Glaubens und des Tages, an welchem wir die Reinheit desselben öfter als sonst bekennen, erfordert cs, daß unsere Führer ans dem toleranten Geiste des Judcnthums heraus sich folgende Fragen verlegen und beantworten?) 1. Erfordert nicht der Ernst der Zeit bezw. der allgemeine Gesundheitszustand, daß unsere Rabbiner in möglichster Uebereinstimmung eine Dispensation vom Fasten für diesen Bersöhnungstag gewissermaßen ex cntliedra verkünden? Ein viernndzwanzigstüudiges Fasten schwächt den Magen inid die Verdauung — darüber sind alle Aerzte einig. Geschlvächte Berdanungsorgane aber sind vor Allem geeignet, verderblichen Krankheitserregern, insbesondere Cholera-Bazillen einen geeigneten Boden zur Weiterentwickelung zu biete». Es kann unseren Rabbinern nicht schwer werden, selbst den Frönnnsten unter den Frommen zu beweisen, daß alle unsere Gesetze „zum Leben", zur Förderung der Gesundheit gegeben sind, daß, wenn es sich ui» letztere handelt, jede Abweichung vom Gebote erlaubt ist. 2. Darf in diesem Jahre der Gottesdienst in althergebrachter Weise - besonders in Berlin »nd anderen großen Gemeinden — abgehalten werden? Diese Frage muß mit einem »»bedingten „Nein" beantwortet werden. Es darf zu Zeiten einer Epidemie nicht zngelassen werde», daß Hunderte, ja (in einzelne» Synagogen) Tausende vom Morgen bis znm Abend in einem Raume sich unnnterbroche» aufhaltc». Bei der aufs Beste eingerichteten Ventilation wird die Luft nach einigen Stunden durch den Verbrauch des Sauerstoffes und die gemeinsame Produktion der Kohlensäure so verschlechtert, daß Gefahr für die Gesundheit der Betenden entsteht. Es ist bekannt, daß auch in normalen Zeiten an jedem Jomkippnr Dieser und Jener von Unwohlsein befallen wird und aus dem Golteshause hinausgeführt werden muß. Denke man sich nun, daß dies während einer Epidemie entsteht, vielleicht sogar Jemand Erbrechen bekommt, wie leicht kann da eine allgemeine Panik entstehe», die bei größeren Menschenansammlungeu fast immer größeres Unglück im Gefolge hat! Deshalb muß vom sanitären Standpunkt gefordert werden, daß der Gottesdienst an diesem Versöhnnngstage zur gründlichen Erneuerung der Luft im Gottcshause zwei Mal unterbrochen wird, etwa nach dem Schacharith- und nach dem Minchah-Gebet, so daß von 11—1 Uhr und von y.,4—5 Uhr Pansen entstehen würden, nach welchen die Festlichgestimmten zum erneuten Gebet gewiß nicht weniger andächtig zurückkchren werden. Es muß aber auch mit Strenge >> Wir bemerken hier',», daß die Vorschläge, die Herr Dr. S. hier macht, von den strengsten Rabbinern schon vor fünfzig Jahren in Zeiten der Gefahr thatsächlich ausgesucht worden sino. In der Berliner Gemeindeverwaltung sind, wie wir hören, diesbezügliche Vorschläge ebenfalls bereits in ernste Erwägung genommen worden. Hoffentlich ist aber bis zum Vcrsöhnnngstag jede Spur der Seuche an allen Orten bereits erloschen. Die Red. darauf gehalten werden, daß die Synagogen während der Pausen von Allen geräumt werden, denn die sich Sträubenden werden gerade unter den Fastenden zn suchen fein, und viele von diesen werden am ehesten vom Unwohlsein befallen und können eine Panik veranlassen. An den Herren Rabbinern wird cs liegen, eine Kundgebung darüber zn veranlassen, ob cs verdienstlicher sei, fastend allein zu Hause z> beten, oder nach einem kleinen Imbiß am allgcincincn Gottesdicnstc theilznnehmcn. * Are Mlfsprediger. Von Dr. med. David (SaSpan tu Brüffow. Während der hohen Feiertage pflegen die Kandidaten der jüdischen Hochschulen in kleineren Gemeinden die Festprcdigt zu halten Die materielle Lage vieler Gemeinden ist nicht derartig, daß ohm drückende Opfer die feste Anstellung eines Rabbiners sich durchsetzen ließe; da will man wenigstens an den ernsten Tagen, die der Jude voll und ganz dem Gottesdienste weiht, die deutsche Predigt nid): missen; sie soll den Vielen, deren hebräische Kenntnisse nicht mehr ausrcichen, der hergebrachten Liturgie zu folgen, einen Ersatz für den. Ausfall bieten, soll diejenige», die die hebräischen Worte der Pro phetcn und Psalmisten nicht verstehen, in deutscher Muttersprache gr ernster Festesstimmung fuhren. Tie deutsche Predigt erfüllt nocl manch anderen Zweck/ und der Umstand, daß sie einen wesentlichen Bestandtheil im Gottesdienste aller Richtungen bildet, beweist, daß st ein werthvoller Bestandtheil ist. Nicht zum mindesten hat die Predig! den ehrenvollen Platz in unserer Synagoge sich dadurch errungen daß unsere Prediger es verstanden haben, ihr einen würdigen Jnhali zu geben, daß unsere Prediger durch ihre philosophischen Studien im Allgemeinen eine Vertiefung der Kanzclreden herbeigeführt haben, die dieselben oft vortheilhaft auszeichnet von den Predigten, die von den Kanzeln der Gotteshäuser anderer Konfessionen gehört werden. Der Studiengang unserer Rabbiner ist ein mühevoller. Kaum ist noch eine Gemeinde vorhanden, die mit dem durch Absolvirnna der jüdischen Hochschule erworbenen Rabbinergrad sich begnügt; sic verlangt von ihrem Seelsorger auch die Doktorwürde einer deutschen Universität. Daß diese Würde nicht ohne umfassende Bildung er langt werden kann, weiß ein Jeder, und wir dürfen demnach unfern Rabbinern nachsagcn, das; erst ein umfangreiches Wissen ihnen die Berechtigung giebt, im Predigtstuhl der Synagoge zu weilen. Diese! schwer erworbenen Berechtigung gegenüber liegt uns die Pflicht ob den Männern da oben auf den Kanzeln den Zoll des Respekts zn entrichten, der ihrer Weisheit und Einsicht gebührt. Die weltliche und kirchliche Gewalt unserer Geistlichen ist ungefähr gleich Null. Ihre Stellung zu der Gemeinde basirt im Allgemeinen auf dem Erkenntnißverniögcn der Gcmeindemitglicder oder der Ec meindcvorsteher für das Schickliche, und dieses Erkenntnißverniögcn bedarf gar oft einer rationellen Pflege. Kein Wunder, wenn di: Sehnsucht, nach langjährigen Studien im Hafen eines jüdischen Ge meindehcmscs zn landen, noch nicht so gewaltige Dimensionen ange nommen hat, daß die Zahl der Prediger ausreicht, um auch die kleinen Gemeinden zn versorgen, und so hat sich denn ganz naturgemäß ein Verhältniß entwickelt, das heute noch besteht und dm Herrn Becker in Wöllstein in Nr. 36 dieser Zeitung zu einer ernste! Betrachtung veranlaßt hat: daß nämlich die Gemeinden sich an di: Leiter der jüdischen Hochschulen mit der Bitte ivenden, ihnen eiuei Kandidaten der Theologie zu senden, der befähigt ist, an den Feier tagen zu predigen.