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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-02 · Heft 36 (2.9.1892) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 aus der Hand legen zu müssen. So verblendet sollten aber auch die begeistertsten Kolonial-Enthusiasten nicht sein und sollten sich jetzt, da man in Konstantinopel mit aller nur münschenswerthen Deutlichkeit den maßgebenden Willen kundgegeben hat, die größtmögliche Zurückhaltung auferlegen. Muß schon kolonisirt sein, so giebt es innerhalb des bereits Geschaffenen noch so viel zu thnu und zu bessern, daß man getrost vorläufig auf Neuschöpfungen verzichten könnte, um so mehr, da es zu einer Landung seit langer Zeit überhaupt nicht mehr gekommen ist. * Berlin, 29. 'August. In unserer Nr. 28 vom 8. Juli haben wir nnsere Leser vor einem antisemitischen Schwindelunternehmen, einer angeblichen Uebersetzung des „Schulchan'aruch", gewarnt. Als Veranstalter wurde damals ein „Professor Dr. Joh. A. I. E. L. V. de Pavly" genannt, den wir bereits vor Jahresfrist als Schwindler festgenagelt haben. Mit einer gewissen Genugthnung machen wir jetzt die Wahrnehmung, daß dieses Individuum auch von anderer Seite in das gebührende Licht gerückt wird. Die Missionsblätter warnen nämlich vor einem Betrüger aus Rußland, Namens Paulus Meyer, alias Pawly, alias Kremenihki. Von Jerusalem bis London und Paris hat er wohl alle christlichen Missionsstationen und eine Reihe von Pfarrhäusern gebrandschatzt. Man hat ihm wiederholt 'Aufnahme und Pflege in christlichen Spitälern gewährt, ihm wiederholt auch durch Darbietung regelmäßiger Beschäftigung zu einer geordneten Lebensstellung verhelfen wollen. Er hat sich jedoch allenthalben unmöglich gemacht. So in London bei Rev. Wilkinsen, in Paris bei Pastor Voß, in Köln bei Pastor Stolle, in Berlin bei Pastor Bieling, in Wilna bei Dr. Atthausen; so in Bielefeld, von wo Pastor v. Bodelschwingh nach des Betreffenden eigener 'Aussage ihn polizeilich entfernen ließ, in Ezernowitz, wo er wegen Gotteslästerung 14 Tage in Untersuchungshaft saß, jedoch wegen mangelnden Beweisen freigelassen wurde so endlich in Hamburg, wo er mehrfacher Schwindeleien wegen von der Polizei gesucht ivurde, aber klug genug war, rechtzeitig zu verschwinden. In Stettin hat er neuerdings als um seines Glaubens wegen vertriebener Christ die Hilfe evangelischer Geistlicher in 'Anspruch genommen, zugleich jedoch auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde angebettelt, vorgebend, daß er ein mt§ Rußland ausgewiesener Rabbiner sei. Dasselbe hat er auch, in der Rheinprovinz gethan. So sieht der neueste Gewährsmann und Liebling der 'Antisemiten aus. * Berlin, 22. August. Die „Kreuzzeitung" tischt aus dem Gedenkbnch des Rathes in Braun schweig die Erzählung von einer am 24. September 1188 vorgenommenen Verbrennung zweier Juden auf. Diese waren beschuldigt, zu Stöckheim, halbwegs zwischen Wolfenbüttel unb Braunschweig, einem kleinen Kinde Blut abgezapft zu haben, ohne daß übrigens, wie hinzugefügt wird, dem Kinde ein tödtlicher oder auch nur dauernder Schade erwachsen war. Das Gedenkbuch berichtet, daß zwei der That verdächtige Juden gefänglich eingezogen und einem peinlichen Verhöre im Altstadtkeller unterzogen worden wären, deren einer das Bekeuntniß abgelegt habe, daß er das Blut in einer Blechbüchse aufgefangen, es in ein Glas gegossen, mit Bernstein vermengt und getrunken habe. Schon am 24. September, wenige Tage nach der That, wurden die b.iden der That Verdächtigten öffentlich verbrannt. Zur Rechtfertigung führt das Gedenkbuch ein Rechtsgutachten an, in welchem es heißt: „'Absurd ist, daß ein Hohnspötter Christi Gewalt oder Macht über Ehrfftemnenschen habe. Darum sollen sich die Juden vor Gewalt und Frevel an Christen wohl hüten, oder man soll sie verbrennen nach weltlichem Rechte; nach geistlichem Rechte soll man sie zwingen, demjenigen, der Unrecht von ihnen erlitten hat, zur Genüge Entschädigung zu leisten " Da die „Kreuzzeitung", äußern treffend die Gräbner'schen „Mittheilungen", diese Erinnerung auffrischt, ohne ihrerseits eine weitere Bemerkung hinzuzusügen, so ist nicht ersichtlich, ob sie damit den Nachweis bezweckt, daß heute noch in gewissen Kreisen dieselben albernen Vorurtheile bestehen, die vor 450 Jahren die Veranlassung zur Verbrennung der Juden 'Anlaß gegeben haben, oder ob in dieser Mittheilung die Sehnsucht nach der Rückkehr eines ähnlichen Verfahrens, wie es damals vom Rathe zu Braunschweig kurzer Hand angewendet worden ist, ihren Ausdruck findet. Nach der antisemitischen Tendenz der „Kreuzzeitung" könnte es Leute geben, die versucht wären, das Letztere anzunehmen. — Posen, 28. August. Um den rituell lebenden, jüdischen Passagieren, welche auf Seereisen jegliche Fleischkost sonst entbehren, die Möglichkeit zu bieten, sich durch eine wohlschmeckende Fleischbrühe zu kräftigen, hat die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Aktien-Gesellschaft dem bekannten Fabrikanten Dr. S. Papilsky die ständige Lieferung des von ihm fabrizirten koscheren Fleisch-Extraktes für alle von Hamburg, Stettin und Genua nach Amerika abgehenden Schiffe der Packetfahrt übertragen. Da Fleisch-Extrakt sich in kochendem Wasser leicht und schnell auflöst und letzteres stets auf den Schiffen vorräthig ist, so ist jeder jüdische Schiffsreisende dadurch in die Lage versetzt, sich zu jeder Zeit rasch eine gute Bouillon bereiten zu können. In der jüdischen Welt wird diese Anordnung der Direktion der genannten Gc sellschaft, die übrigens von jeher auf gute und sorgsame Verpflegung ihrer Passagiere sehr bedacht war, dankend empfunden werden. Kp. Samter, 29. August. Es dürfte für manchen Ihrer Leser, namentlich aus den östlichen Provinzen von Interesse sein, zu erfahren, welche Stellung die polnisch sprechende Bevölkerung unseres Reiches zu der Frage des Antisemitismus einnimmt, uns deshalb wird nachstehende Aeußerung, die der „Orendownik", das nt Posen in ziemlich hoher Auflage erscheinende Organ des polnischen Bürgerthums, vor einigen Tagen in einem Artikel über den Antisemitismus gethan, zur Weiterveröffentlichung in Ihrem geschätzten Blatte geeignet sein. Das Blatt spricht sich nach längerer Betrachtung über diese Frage folgendermaßen aus: Der Standpunkt der Polen muß unserer Meinung nach folgender sein: „Die Juden können wir weder vertheidigen, noch in Schutz nehmen, aber wir müssen uns auch von der antisemitischen 'Agitation fernhalten, denn wir können dieselbe mit nichts begründen. Wir Polen, die wir selbst unter dem Drucke von Ausnahmegesetzen wie Staatsbürger zweiter Klasse behandelt werden, können nicht für die Beschränkung der konstitutionellen Rechte der Juden ein treten, denn dadurch würden wir ein Werkzeug gegen uns selbst schärfen" Soweit das Blatt. Wir aber meinen hierzu, daß der Standpunkt ein sehr verkehrter und in seiner Subjektivität zu weit gehender ist. Denn wer zu der Einsicht gelangt ist, daß die Existenz einer antisemitisch n 'Agitation völlig unberechtigt ist, der muß auch den Mnth und die siuliche Kraft haben und anwenden, jenen Agitatoren entgegenzutretui, Gerade die Polen sollten, wenn auch aus den vom „Orendownik" op geführten Zweckmäßigkeitsgründen, nicht die Hände in den Schooß legen und sich auf passives Verhalten beschränken, sondern durch Wort und Schrift eifrigst gegen die Absichten der Antisemiten, die als ihr Ziel dic Verkümmerung von Menschenrechten ausehen, eintreten. 8. Neuenkirchen, 28. August. Einen herben Verlust hat die hiesig Synagogen-Gemeinde erlitten. Heute wurde ihr langjähriger Lehrer und Kulrusbeamter Jonas Cramer zu Grabe getragen. Nach einont mehrjährigen, schweren Leiden hat ein sanfter Tod ihn erlöst. Eine Wittwe und sechs Kinder, eine zahlreiche Schülerzahl, die ganze Gemeinde betrauern den Dahingeschiedenen, der 41 Jahre ununterbrochen in der Gemeinde gewirkt und sich die Liebe und Dankbarkeit seiner' Schüler, wie der ganzen Gemeinde erworben hat. Dafür zeugte das überaus zahlreiche Gefolge, das den Verstorbenen zu Grabe gelcitcie. Beim Trauergottesdienste hielt der Prediger, Herr Steinweg-Rheda,?if Predigt, in welcher er das Leben und Wirken des Dahingeschiedeneu iü ergreifenden Worten schilderte. e. Vom Rhein, im August. Am rechten Ufer des Rheins, wo r>ch umkränzte Hügel sich in anmuthigen Linien hinziehen, wo sagemmi sponnene Burgen ins herrliche Rheinthal hinabschauen und DeutschlaE stolzes Nationaldenkmal von der Höhe herab seine Grüße winkt, lieai das liebliche, von Touristen fleißig besuchte Städtchen Rüdesheini. dessen Name in den Kreisen der Weinkenner einen so angenehmen Klan« besitzt. Rüdesheims Mauern umschließen aber auch eine aufblühe^' israelitische Gemeinde, die in diesen Tagen eine schöne Feier — die weihung einer neuen Thorarolle — festlich begangen hat. Der Festau {\\ die schön geschmückte Synagoge, die stimmungsvolle Weihepredigt vcs zur Leitung der Feier berufenen Bezirksrabbiners Herrn Dr. Silberstein von Wiesbaden, der ergreifende Vortrag der Gebete seitens des greisen Vorbeters, Herrn Rothschild, Alles machte auf die dichtgedrängt Festversammlnng, unter der sich nahezu sämmtliche Honoratioren der Stadt befanden, einen tiefen Eindruck. Tief ergreifend war es ins besondere, als der Festredner darauf hinwies, wie vor nahezu 800Jalm".! — 1090 — auf Rüdesheims Boden das Blut jüdischer Männer unf Frauen geflossen, die die Treue gegen die Thora, der die Feier gilt, nit dem Leben bezahlten. Die Feier war ein wahrhafter Kidusch hastb^

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