Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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poetisches Talent m engeren und weiteren Kreisen schon des Oefteren Beifall und Anerkennung gefunden hat, folgende, der Form nach dem Goethe'schen Erlkönig nachgeahmte Verse nach Freiburg sandte (es ist im Hinblick auf einige Stelleil des Gedichts hervorzuheben, daß dasselbe llicht von der Dichterin, sondern ebenfalls von Frau Bertha Untermaper unterzeichnet war): Wer schreibt über die Pfahle weiß und blau? Es ist Hansjakob, ich weiß es genau; Er schreibt uns so milde, er schreibt uns so warm. Ein Ehrist ist er — daß Gott erbarm! Hansjakob, ich berge so bang mein Gesicht: vx\d) seh' Deine christliche Liebe nicht, Tie christliche Liebe, die Ihr so preist — Tu schreibst, daß es mir das Herz zerreißt! Im „wilden Osten" die rauhe Gewalt, Sie läßt Dich so ruhig, sie läßt Dich so kalt. Der gräßliche Januner, er sicht Dich nicht an, Hansjakob, Du hast mir ein Leid's gethan! Sieunft Du es denn nicht, des Herrn Gebot: Erbarmen für jedes Nächsten Roth7 Wo diese so groß, so erschütternd ist. Wie kannst Tu noch fragen, ob Jud', ob Ehrist? Hansjakob, da bin ich viel höher gesinnt Und war doch ein jüdisches Wickelkind; Hier ist nicht ein christlicher Armenverein, In dem ich nicht werf' eine Gabe hinein. Deine Selbstschrift, sie ist uns dennoch werth. Der Seltenheit halber wird sie begehrt; Dir kommst in unsere Sammlung hinein. Und soll's als Antisemite sein! Die Feder hast Du sehr geistreich geführt; Deine Frage, sie hat mich amiisirt. Denn wahrlich, so tief gekränkt ich bin. Für Witz und Hmnor Hab' ich dennoch Sinn. Hansjakob, Du magst ganz ruhig sein. Ich verstehe auch die Kochkullst fein; Sie werdend Dir sagen, Mann und Kind, Tie lieben Gast', das Hausgesind. Zum Schlüsse noch Eins — ich dachts's mir schon oft: Erfüllt wäre wohl, was Ihr wünscht, was Ihr hofft. Es gäbe schon längst keine Juden mehr. Wenn der Christ nicht gar so unchristlich war'! Auf diese poetische Epistel ging von Freiburg folgender Brief ein- „Verehrte Frau! Ich habe vor allen Leuten Respekt, die mir richtig die Meinung sagen, und das haben Sie ebenso scharf wie geistreich besorgt. Wenn Sie aber bedenken, daß ein jüdischer Bankier a 3a Rothschild in Wien, Paris und London allein im Stande wäre, den armen nrssischen Juden zu helfen, so dürften Sie begreifen, warunr ich es nicht für nöthig halte, daß wir armen Christen es thnn. Wenn übrigens alle ehemaligen jüdischen Wickelkinder so christlich wären wie Sie, so gäbe es keine Antisemiten. Aber das wünsche ich nicht, daß alle weiblichen Wesen so geistreich wären wie Sie, sonst müßten wir Schriftsteller betteln gehen. In aufrichtigem Respekt Dr. Hansjakob, Pfarrer." 'Auf diesen Brief ging diesmal, von der Dichterin selbst unterzeichnet, folgende poetische Epistel nach Freiburg ab: So, das war Reue, wahre, echte. Die frei und offen schuldig sich bekennt. Versöhnt reich' ich Dir meine Rechte, Der Federkrieg für immer ist zu End! Und ist für meines Stammes Brüder Im Vorurtheil befangen nicht Tein Blick, So nehm' von Herzen gern ich wieder Auch mein geharnischt Trutzgedicht zurück. Es feilschte einst vor Sodom's Thoren Erzvater Abraham mit uns'rem Herrn, Und so, wenn zehn Gerechte unter uns geboren. Auch Du uns milder richten lern. Zum Lebewohl der letzten Zeile, Zu mehr fehlt mir die rechte Ruh' und Zeit. Und willst Du wissen, warum ich so eile: Wir haben eine Riesenwäsche heut'! Kurz darauf erhielt die Dame das angekündigte Werk Dr. Hansjakobs mit folgender Widmung: „Der schneidigen Dame, die die besten Verst macht, die ich je von einem weiblichen Wesen gelesen, und dabei noch die Wäsche besorgt. Mit Hochachtung Hansjakob, Pfarrer." — Fräulein Bach stattete ihren Dank mit folgendem launigen Gedichtchen ab: „Mach auf, Hansjakob, ich bin da Und klopf' an Deine Thür'. Ich störe Dich? ein Bischen? „Ja!" Ach, dann verzeihe mir! „Ich bringe meinen wärmsten Dank, Ich freute mich nicht wenig. Wer solche Perlen spenden kann. Ist reicher als ein König. „Dein geistvoll Schaffen würzte mir Schon manche schöne Stunde, Der biederen Sprache lauschten wir In fröhlich trauter Runde. „Ich hätte diesen letzten Gruß In Prosa gern verrichtet; Erräthst Du wohl, warum ich Dich Roch eünnal angedichtet? „Frau Poesei so lobesam Haßt Dame Etiquette; Mit Dir das liebgewohnte Du — Das faub ich gar zu nett." * Die antisemitische Wahrheit über Bismarck. In dem antisemitischen Verlage vor: Carl Minde in Leipzig ist eine Schrift erschienen: „Die Wahrheit über Bismarck". In diesem Büchlein wirb Bismarck als ein durch jüdische Reklame groß gewordener Judensprößling hingestellt. (Seine Mutter, eine geborene Menken, soll jüdischer Abkunft gewesen sein.) Ter Verfasser sucht den Nachweis zu führen, daß Bisularck als echter Semit bei allen seinen politischen Maßnahmen lediglich von Geldinteressen geleitet worden. Nebenbei werden ihm der Tod Kaiser- Friedrichs, König Ludwigs und eines Negierungsraths in die Schuhe geschoben. Speziell von Letzterem heißt es: „Doktor Haller, ein Sohn des ehemaligen Oberbürgermeisters von Hamburg, war Regierungsrath im Reichsamte und mit vielen Vorgängen in demselben vertraut. Als vermögender Mann und Mann von Ehre und Charakter zog Haller es vor, seine Stellung dort aufzugeben. Bald darauf verschwand Haller auf eine unaufgeklärte Weise; seine Leiche ward nie gefunden." (S. 99.) Der Vorgang erinnert also lebhaft an den Bleichröder'schen Portier. In der That ist kein Geringerer als Herr Ahlwardt an der Herstellung dieses Machwerks hervorragend betheiligt. Mit einem gewissen Müller zusammen hat er es fabrizirt. * Die Nr. 35 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Rationalismus und Partikularisnms. — Der Antisemitismus in der christlichen Legende. — Böckel und die hessischen Handwerker. — Aus Frankreich. — Die Juden in Holland. — Die Friedensbestrebungen. — Ein Nachspiel zum Prozeß Buschhoff. — Kleine Mittheilungen und Korrespondenzen. * Die Nr. 16 der Halbmonatsschrift: „Die Schmach des Jahrhunderts" (Expedition: Berlin 8^V. 12, Postzeitungsl. I. Nachtr. 5739a) enthält folgende Aufsätze: Aus der Zeit. — Taktische Fehler. — Blut. Von A. H. Fried. — Ein Friedhof. Von Heinrich Lee. — Mein Makler. Von Aug. Kruhl. — Seine Mitgift. Von M. Schnitzer. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.