Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- Seite 430 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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4 SO „So — »in» behandelt Dich nicht gut genug?" war die Antwort des zärtlichen Schwiegersohnes. „Ich weiß nicht, wie mn» noch anders mit Dir uuigehen soll! Aber wenn cs Dir nicht paßt —" „Jossel!" mahnte die Frau. „Laß mich! Du bist auch so! Hätt' ich nur darauf gehört, wie man mir abgeratheu hat, ins Geschäft hineiuzuhcirathen! Man hat mir genug Partieen augctragen mit barem Gclde, — Hätt' ich nur zugegriffeu, so hätt' ich mir selbst ein Geschäft gemacht und wär' mein eigner Herr gewesen." „Aber Jossel," rief die Frau weinend, ,,hab' ich das verdient, daß Du jetzt Deinen Zorn au mir auslüssest? Kann ich dafür, was Du mit dem Vater vorhast?" „Hätt' ich gewußt, daß der Alte im Hause bleibt," schrie der Gatte, ohne auf ihren Einwand zu achten, — „ich wäre —" „Laß gut sein!" unterbrach ihn der Vater mit mühsam erzwungener Fassung, „eh' ich Eurem Frieden im Wege steh', lieber geh' ich aus dem Hanse." Während er mit bebenden Lippen so sprach, blickte er seine Tochter an. Eine schwache Hoffnung lebte noch in ihm. Jenes rohen Mannes Worte tonnten ihn nicht tief verletzen; er war ein Fremder — aber sie, sein eigen Fleisch und Blut, durfte ihn ja nicht so ziehen lassen, Aber er wartete vergebens auf ein gutes Wort von ihrer Seite. Sie fürchtete sich wohl vor dem Zorn ihres Mannes. Als dieser hinausgegangen war, sagte sie: „Tn weißt doch, wie er ist, Vater, Du hättest ihn nicht reizen sollen! —" „Wie, D» machst mir noch Vorwürfe?" „Ich mach' Dir keine Vorwürfe, — aber Du wirst doch einsehen, Vaterleben, daß zwei Herren im Hanse nicht gut sind, daß blos Einer befehlen kann —" „Freilich, das seh' ich ein!" sagte der Alte mit großer Bitterkeit. „Es ist vielleicht auch besser, wenn Du zur Rösel gehst, — hier bei uns langweilst Tn Dich — die Rösel hat Kinder, da wirst Du mehr Zeitvertreib haben - und wenn Du uns wieder mal besuchen kannst, Vaterlebcn" —" „Schweig still mit Deinem Vaterleben!" rief der Alte zornig. Sein Herz war so von Schmerz und Grinnn erfüllt, daß er am liebsten Alles im Zimmer zertrümmert hätte. Er hätte der schonen Frau, die mit der unschuldigsten Miene von der Weit ihm so grausame Worte sagte, ins Gesicht schlagen mögen. Aber er bezwang sich. Nein, er wollte ihnen nicht zeigen, wie tief sie ihn ins Herz getroffen hatten. Gewohnheitsgemäß eilte er hinaus vor die Thür, aber als er ein paar seiner Bekannten auf sich znkommcn sah, flüchtete er rasch ins Haus zurück. Heut konnte er sie nicht mit Scherzen unterhalten, und sein tiefes Weh wollte er ihnen nicht zeigen. Nach und nach sänftigte sich sein wilder Schmerz, er fing an ruhig zu überlegen. Hier bleiben konnte er natürlich nicht, er wollte gehen — noch denselben Tag. Seine älteste Tochter würde ihn mit offnen Armen empfangen, daran zweifelte er keinen Augenblick. Sie würde sich wohl wundern über seinen plötzlichen Besuch, aber doch auch freuen. Er brauchte ihr und ihrem Gatten ja auch nicht zu sagen, daß er im Zorn von Sara geschieden war. Nach und nach würde sich Alles ausklären. Und Rösel, seine Aclteste, hatte noch besondere Verpflichtung, ihn aufzunehmen. Er hatte mehr für sie gethan als für seine beiden anderen Töchter. Und nun begriff er sich selbst nicht, daß er nicht schon früher ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen hatte. Sie hatte ihn schon so oft eingeladen, sic auf längere Zeit zu besuchen. Ja, sie war stets seine Lieblingstochter gewesen. Und wie er sich auf die Kinder freute! (Fortsetzung folgt.) Kpreckjfaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Wenn Herrn Dr. Berthold Einstein der Name nichts zur Sache thnt, und er auch nicht gerade darauf besteht, daß es der Verfasser des Artikels „Ausländer" sei, der ihm die gewünschte Belehrung ertheile, so möge er sich nachstehende Antwort auf sein Schreiben in der lebten Nummer dieses Blattes gefallen lassen. Zunächst wolle Herr Dr. E. erlauben, daß ich seiner logischen Methode ein wenig Aufmerksamkeit zuwende. Herr Dr E. will das Verdikt, das über die „siebzig braven Knaben" — sie mit Herrn Dr. E. eine „Septuaginta" zu nennen, erscheint mir als eine Profanirung dieses Wortes — in Nr. 28 Ihres geschätzten Blattes gefällt wurde, nickst gelten lassen; er weiß sich, wie er sagt, recht gut in die Lage derselben zu versetzen und sie zu verstehen; und dieses sein Verständniß möchte er auch den geehrten Lesern dieses Blattes vermitteln. Zu diesem Behuff konstatirt Herr Dr. E. auf dem Wege einer äußerst unzulänglichen In duktion eine Bevorzugung der „Ausländer" bei der Besetzung deutscher Rabbinate, stempelt dann diese an sich so sehr fragliche Thatsache zu einer „Sucht nach Ausländern", um sie dann, da von einer größerer, Tnchtigkeit der „Ausländer" nicht die Rede sein könne, aus „theil weise recht betrübenden Gründen" zu erklären! Doch eignen wir uns für einen Augenblick die Hypothese des Herrn Dr. E. an. Du Bevorzugung der „Ausländer" soll eine Thatsache sein, und da die Gründe als „theilweise recht betrübende" bezeichnet werden, so können sie auf Seiten der mit der Wahl der Rabbiner betrauten Ge meinde-Organe doch nur Urtheilslosigkeit oder Gewissenlosigkeit oder beides zugleich sein. Die Urtheilslosigkeit läßt sich von gewissen äußeren Eigenschaften bestechen und irreleiten, die Gewissenlosigkeit wählt grund sählich nicht den charaktervollen, wenn auch tüchtigeren, sondern bei\ mehr schmiegsamen, unterwürfigen Kandidaten. Das wäre nicht nur „theilweise", sondern „durchaus recht betrübend"! Aber wir sollte dem durch Ausschließung der Ausländer abgeholfen werden. Will Herr Dr. E. vielleicht gleichzeitig behaupten, jene Spezies von Rabbinern, die ihre Wahl mehr oder weniger der gekennzeichneten Ur theilslosigkeit oder Gewissenlosigkeit zu verdanken habe, sei nur unter den'Ausländern vertreten? Gewiß, das will, das kann Herr Dr. E. nicht. Denn wenn er auch noch liomo novus unter den Rabbinern ist, so kemu er doch die meisten Vertreter des deutschen Rabbinats so weit, um zu wissen, daß es unter diesen eine beträchtliche Anzahl von Ausländern giebt, die durch gediegene Gelehrsamkeit sowohl wie durck persönliche Eigenschaften, durch ihre Lebensführung und ihre Wirksamkeil sich in der Weise auszeichnen, daß man sie zu den Zierden des Rabbinerstandes zu zählen hat. Doch scheint mir in den eben gekennzeichneten falschen Voraussetzungen und falschen Folgerungen des Herrn Dr. E. noch nicht dessen Grund irrthum enthalten zu sein. Dieser ist vielmehr in der durchaus unzu treffenden Vorstellung zu finden, die er von dem Wesen beo Deutschthums mit» dem Ant heil an demselben hat. HerrDr.E hält es nämlich nicht für unerheblich, seinen Ausführungen voranszu schicken, daß seine „Wiege im Schwabenlande steht". Diese Thatsache in gewiß für ihn und seine Landsleute sehr erfreulich. Aber wenn Herr Dr. E. glaubt, damit sei sein Deutschthum über jeden Zweifel erhaben so verräth er eben jenen noch primitiven Begriff des Deutschthums, in welchem wir, wie gesagt, seinen Grundirrthum erblicken. Das Deutschthum, in dem edlen, wahren Sinne, in welchem es der geistige Führer und Leiter einer Gemeinde von deutschen Juden besitze;: soll, ist wahrlich nicht Etwas, was einem als Angebinde in die Wieg» gelegt werden kann, selbst wenn dieseim Schwabenlande oder sonst irgendwo in einem der 26 deutschen Vaterländer steht. Dieses höhere Deutsch thum muß erworben werden und ist von Rabbinern und andern jüdischen Gelehrten, deren Wiege in Böhmen, Mähren oder Ungarn, ja sogar in Polen und Rußland gestanden, in so hervorragendem Maße erworben worden, daß ihre Predigten, litterarischen und wissenschaftlichen Arbeiten manchem deutschen Jüngling zum Muster dienen dürften. Daß unsere im Auslande geborenen, aber auf deutschen Hochschulen und Seminaren ausgebildeten und auch in Deutschland ols Bürger naturalisirten Rabbiner „nicht eindringlich genug ihre deutsche Nationalität hervorzu heben wüßten", ist.eine Insinuation, auf die man kein Wort erwiederu sollte. Da ich aber bei Herrn Dr. E. die bona fides voraussetze, so