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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-02 · Heft 36 (2.9.1892) · p. Seite 427

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
Seite 427 (sequence 7)
Language
German
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Da schrieeir wir zu unserm Gott, und der Etvige hörte unser Flehen und schickte nach diesem Unhold eilten anderen würdigen Mönch, einen der größte» und angesehensten aller Mönche, der ihr Gesetz kannte und verstand: sein Name war Bernhard Haber aus der Stadt Clairvaux in Frankreich. (Ohne Zweifel ist der heilige Bernhard, der Dodor niellifluus, der berühmte Abt von Clairvaux gemeint und das nichtverstündliche „Haber" nur eine Verstümmelung von „Abbö".) Auch dieser Predigte zum Volke und sprach: Wer einen Zuden angreift und ihm nach dem Lebe» trachtet, der sündigt, als rühre er Jesinn selbst an; denn es steht über sie im Psalmenbnche geschrieben: tobtet sie nicht, damit mein Volt nicht vergessen werde.— Alle ehrten diesen Mönch wie einen ihrer Heiligen, auch erfuhr man nie, daß er für das Gute, das er über Israel sprach, eine Bestechung angenommen hätte. Gelobt sei der Befreier und Erretter, gelobt lein Name!" Als ich beim Lesen der entsetzlichen Geschichten an diese Stelle am, hatte ich ein Gefühl, als vernähme ich Gretchens Worte: „Mitten durchs Heulen und Klappern der Hölle, Durch den grimmigen teuflischen Hohn Erkannt' ich beit süßen, den liebenden Ton," 'icu Ton der Menschlichkeit. 9 Beiträge;ur Kemüniß Michael Beers. Von Dr. G. Manz in Karlsruhe. 1. (Fortsetzung.) Wie verschiedener Ansicht man auch über Heines späteres Credo -i in mag, so viel steht fest, daß der jugendliche Dichter des „Almansor" und des „Rabbi" von seinem Standpunkt aus berechtigt war, Beer des Liebüugelns" mit dem Christenthum zu beschuldigen. Die objektive Forschung wird die Uebertreibung der Kontroverse hiervon abziehen und alsdann zusehen, ob ein Kern von Wahrheit übrig bleibt. Ich stelle den schriftlichen Belegen eine mündliche Aenßerung voran, deren Tüchtigkeit außer Zweifel steht: Die jetzt hochbetagte Tochter Eduard von Schenks, Frau von Stachelhausen, die einst als junges Mädchen oft Gelegenheit hatte, mit dem intimen Freund ihres Vaters zuiaminenzukoinmen, hat mir in einem längeren Schreiben ihre Erinnerungen aus jener Zeit mitgetheilt. Ich entnahm daraus, daß Beer! m reiferen Jahren es im Grunde seines Herzens als ein Unglück; empfand, Jude zu sein. Was er der großen Masse oder dem! Schwarme näherer und fernerer Bekannten nie verrathen, hat er; Sem Münchener Freund in vertraulichen Gesprächen oft geklagt; daß i er sich trotz seiner Begabung, seines Vermögens, seines unabhängigen! Lebens doch nicht glücklich fühle. Seine jüdische Herkunft sei sein Berhängniß. Diese Empfindung wurde zeitweise peinlich quälend und verfolgte ihn bis in die Todesstunde. Noch in den letzten Fieberphantasien rief er mehrfach aus: „Welch ein Unglück, Jude zu sein!"! Schenk machte ihm einmal den Vorschlag, da ihn nichts hindere, j Christ zu werden, möge er doch übertreten, und Beer erwiederte, er! hätte es längst gethan, wenn er nicht wüßte, damit seiner guten j Mutter einen furchtbaren Schmerz zu bereiten. Welch tragischer Kon-! t'likt! — Dieser in europäisch-christlicher Kultur aufgewachsene, infolge philosophischer Studien seinem Vaterglauben entwachsene Jude, der sich gleichwohl zeitlebens als Jude fühlen m u ß, weil er, so sehr er auch auf Versöhnung bedacht sein mochte, trotzdem unter landläufigen Vorurtheilen und sozialen Einschränkungen zu leiden hat. Wie erfreulich andererseits dies aus Kindesliebe herausgeborene Pflichtgefühl! Nie hat er gegen die Religion seiner Väter in frivoler Weise gesprochen, immer den Glauben seiner Eltern zu achten gestrebt, — ja das Bewußtsein, persönlich schuldlos mitzuleiden, hat ihm den Muth und die Worte verliehen, jederzeit ungerechte Angriffe als solche zu kennzeichnen. Auch dies ist wiederum ein erfreuend kräftiger Zug: gewöhnlich ist der innerlich Zwiespältige nicht frei von einer großen Empfindlichkeit und Rei.barkeit, die jedem Berühren der geheimen Wunde böse Absicht unterschiebt. Beer hatte ohne Zweifel auch etwas von dieser Eigenschaft (selbst der mild urtheilende Schenk giebt das zu); oft genug aber rang er sich auch zu kraftbewußter Männlichkeit auf. Gelegentliche briefliche Aeußeriingen sind bezeichnend dafür. Bitter schreibt er u. A. an Jmniermann (13. Sept. 1830): „In Hamburg tanzt der Stock der deutschen Freiheit auf den breiten Rucken der oft geprügelten Juden." Später wirst er sich einmal als Vertheidiger des ihm persönlich unsympathischen Börne auf, sofern die übertriebene Einseitigkeit seiner ' „Pariser Briefe" nicht dem Schriftsteller als solchem, sondern dem Inden sollte aufgemutzt werden.') Ein weiterer Fall: 1831 hatte der Freiherr von Cotta dem nach Karlsruhe reisenden Dichter eine Empfehlung an Rotteck mitgegeben. Als Letzterer in der Kammer gegen die Juden sprach, schrieb Beer freimiithig an seinen Gönner, er bedauere, ihm vergeblich Mühe gemacht zu haben. „Herr von Rotteck hat mir durch sein Votum über die bürgerlichen Freiheiten, die die Regierung den Israeliten zugestehen wollte, alle Lust benommen, seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Ich habe vorgestern diesen undeutlichsten aller Redner, diese Karikatur eines Demagogen, die unter einem plumpen! Firniß von Liberalismus einen konfusen Komthur von verrosteten Ideen durchscheinen läßt, gehört und bin mit einem so tiefen Unwillen aus der Versammlung gegangen, in welcher er perorirt hat, daß ich nicht mehr den Muth fühlte, ihm mit solchen Empfindungen Ihre gütige Empfehlung zu überreichen".') Schließlich sei noch das schönste Beispiel für Beers charaktervolle Gesinnung mitgetheilt. j Es stammt aus der ersten Zeit seiner Freundschaft mit Jmmerliiflim, und ich halte es für das Zweckentsprechendste, den sich selbst erklärenden Brief, der bisher in Pntlitz Jmmerniannbiographie bruchstückweise stand, unverkürzt hier mitzutheilen. Unterm 9. Mürz 1828 schreibt Beer aus München: „Ich erfahre soeben, werther Freund, durch einen Brief aus Berlin, daß Ihr Lustspiel „die Verkleidungen" in Hamburg gegeben und Ihr Name bei dieser Gelegenheit auf eine für mich nicht erfreuliche Weise gemißbraucht worden sei. In den neuen dramaturgischen Blättern von Fr. G. Zimmermann befindet sich eine Analyse dieses Lustspiels und hierin wird erwähnt, daß ein Jude in dem Stück vorkommt, der sich einem Landedelmann als Komödiant empfiehlt und bei dieser Gelegenheit u. yt. folgende Verse spricht: „Ich Hab gespielt bei Meyerbeer, bei Herz Beer, Bey Michel Beer, bei Moses Beer, bei Hirsch Beer, Bei Beer deni Vater und bei Beer dem Sohne, Ich spiel' fe alle . ." Sie glauben mir wohl aufs Wort, daß ich keinen Augenblick gezweifelt, daß Ihnen diese matten humorlosen Verse, die den Namen einer achtnngswerthen Familie, den Namen eines Dahingeschiedenen 0 Es sei hier beiläufig auf Gabriel Rießers „Wort der Erwiederung des Herrn Dr. Ed. Meyer" gegen Börne hingewiesen (Börne und die Juden 1832). Rießer verwahrt sich gleichfalls gegen die Angriffe auf Börnes Briefe, sobald sie die Juden solidarisch verantwortlich machten Der weitere Gedankengang ist allerdings ein anderer als bei Beer s Börne sei so wenig Jude als Heine und Saphir (sondern Christ), während man wirklich jüdischen Schriftstellern, wie z. B. Michael Beer, dem Verfasser des Paria und Struensee, weder Frivolität noch nndeutsche Gesinnung vorwerfen könne. Vgl. Breza a. a. O Jahrg. 1636 S. 4. ff. s) Ungedr. Brief vom 10. Juli 1831 aus dem Cottaarchiv zu Stuttgart

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