Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- Seite 426 (sequence 6)
- Language
- German
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426 bischofs Schutz gesucht; die Männer und Jünglinge vertheidigten den Eingang mit den Waffen, aber sie erlagen bald der Uebermacht, und die andringenden Kreuzfahrer metzelten Alles nieder, was sich in den Höfen zusammendrängte. Als nun die im Innern des Palastes sahen, daß keine Hilfe mehr zu hoffen sei, ermahnten sie einer den andern, sich „dem gerechten Gerichte des Ewigen" willig zu unterwerfen und sich selbst Gott zum Opfer darzubringen: „Jeder, der ein Schlachtineffer hat, untersuche, daß es nicht schartig sei (mit schartiger Klinge durfte nämlich nicht geopfert werden) und schlachte uns zur Heiligung des Einzigen, des Ewiglebenden; nachher schlachte er sich selbst am eigenen Halse oder steche sich das Messer in den Leib." Und nun schlachteten die Frauen ihre Kinder, die Männer ihre Frauen und ihr Gesinde, der Bräutigam die Braut, der Freund den Freund, der Bruder den Bruder, und sie riefen zum Fenster hinaus: „Schaue, unser Gott, was wir thun zur Heiligung deines großen Namens, um dich nicht zu vertauschen mit dem Gekreuzigten!" Begeistert ob des heroischen Untergangs dieser seiner Glaubensgenossen ruft der Erzähler aus: „Fraget doch nach und sehet zu, ob je von der Zeit des ersten Menschen an eine so vielfache Opferung gewesen ist, elfhundert an einem Tage, alle gleich der Opferung Jsaks, des Sohnes Abrahams!" Und bewundernd hebt er aus der großen Zahl hervor, was die junge Frau Rahel, die Gattin des R. Jehuda und Tochter des R. Jsak-bar-Ascher, gethan hat. Sie sprach zu ihren Freundinnen: „Ich habe vier Kinder; schonet sie nicht, daß nicht die Christen sie lebend ergreifen und in ihrem Glauben taufen; heiligt auch an ihnen den heiligen Namen Gottes." Da nahm eine Freundin das Schlachtineffer, und die Mutter schlug sich auf Brust und Antlitz und schrie: „Wo ist deine frühere Gnade, o Herr!" und sprach zu der Freundin: „Schlachte nicht den Jsak vor seinem Bruder Aaron, damit er nicht den Tod seines Bruders sehe." Aaron aber entfloh ihr und die Frau ergriff den Jsak; er war der kleinere und sehr hübsch. Als der Knabe Aaron die Hinschlachtnng seines Bruders sah, schrie er: „Mutter, schlachte mich nicht!" und verbarg sich unter einem Kasten. Ihre beiden schönen Mädchen, Bella und Matrona, Zierden des Hauses, schärften das Messer, daß es nicht schartig sei; dann beugte die Mutter den Hals der Tochter und schlachtele sie dem Gotte Zebaoth, „der uns geboten hat, den Glauben nicht zu vertauschen". Als die Fromme mit dem Opfer der drei Kinder vor ihrem Schöpfer fertig war, rief sic: „Aaron, wo bist du? Ich kann dich nicht schonen, kann mich dein nicht erbarmen." Sie zog ihn am Fuße unter dem Kaste» hervor und opferte ihn dem erhabenen Gott. Dann legte sie die Kinder in ihre Aermel, zwei rechts und zwei links, während sie noch zuckten. So saß sie und klagte, als die Feinde eindrangen, und sie erschlugen sie über ihren Kindern. Der Vater, als er den Tod seiner vier an- »luthigen und schöne» Kinder sah, schrie janimernd auf und ging und stürzte sich in sein Schwert. Die Feinde tödteten Alle, die im Gemach noch übrig geblieben waren und zogen sie nackt aus, und er blieb von ihnen keiner am Leben. Daß keiner entronnen sei, ist offenbar eine Uebcrtreibung, wie sie fast allen solchen Schrcckensberichten eigen zu sein pflegt: irgend ein Augenzeuge muß sich doch gerettet und das Ende der Frau Rahel und der Ihrigen der Bergessenheit entrisse» habe». Verinuthlich hat im Angesichte des Todes einer oder der andere sich zur Taufe bereit erklärt und ist hiernach, als die Gefahr vorüber war, reumüthig zur Synagoge zurückgekehrt. Daß Fälle dieser Art nicht selten waren, ergiebt sich aus anderen Stellen der Berichte, wo di« Gemeinde ermahnt wird, solchen Schwächeren ihre kurze Verirrung nicht nachzutragen. Den Eindruck dichterischer Erfindung macht die Erzählung nicht; >väre sie das, so müßte man einen unbekannten Poeten als Mitarbeiter des Verfassers annehmen; denn dieser selbst verräth nirgend eine Spur künstlerischer Begabung. Mir scheint, daß die Szene dieses frommen Kindertodes mit eigenthünilicher Unmittelbarkeit die wilde Energie veranschaulicht, die in jenen Jahrhunderten der religiösen Empfindung eigen war, freilich hier nur auf der jüdischen Seite, aber doch so, daß man sie als direkt s Widerspiel gegen eine gleich wilde Energie auf der anderen Seite erkennt. Damals bedurfte der Glaubenshaß noch keiner künstlichen Motive, wie sie später erfunden worden sind, um schrecklichen Thaten den Schein der Berechtigung zu verleihen; auf beiden Seiten fand man das einfache religiöse Motiv völlig ausreichend, um die Verfolgung und das Martyrium zu erklären. Die Christen haben nur eine Anschuldigung gegen die Juden zu erheben, daß sie Christus gekreuzigt haben und ihn noch fortwährend durch ihre Halsstarrigkeit beleidigen. Nur in diesem Sinne lassen die hebräischen Quellen di» feindlichen Agitatoren reden. Sie legen ihnen Worte in den Mund wie die folgenden: „Warum ziehen wir in so entlegene Länder, uin das Grab des Heilandes den Israeliten zu entreißen? Befindet sich nicht in unserer Mitte ein Volk, das unser» Gott gehängt hat und unfern Glauben nicht achtet? Warum sollen wir diese leben lassen^ warum soll ihre Wohnung unter uns sein? Lasset unser Schwer: mit ihren Köpfen den Anfang machen, und nachher wollen wir den Weg zu Christus weiterziehen." Das geniigte damals noch; mau hört noch nichts von den unheimlichen Freveln, die das Mittelalte: in der Folge allen denen, die ansgerottet werden sollten, Tempel rittern, Albigensern und natürlich erst recht den Juden andichtetc. Nur in einem der Texte, dessen Schristzüge der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts angehören, wird erzählt, daß man in: Jahre 1096 in Worms die Inden bezichtigt habe, sie hätten di: Brunnen vergiftet. Ohne Zweifel ist diese Stelle von einem späteren Abschreiber eingeschaltet, da zu allererst im vierzehnten Jahrhundert, in den Jahren, wo der „schwarze Tod" wüthete, die Fabel von den Brunnenvergiftungen anstanchte, bald die Jude», bald andere unpopuläre Leute als die Schuldigen bezeichnend. Bemerkenswerth in ferner, daß solche trennende Momente, wie Rassenabneigung und wirthschaftliche Eifersucht, den ersten Ausbrüchen des Judenhasses fremd sind; noch wohnen die Juden mitten unter den Christen, be treiben dieselben Gewerbe wie diese, tragen die nämliche Tracht. Sogar Heirathen zwischen beiden Konfessionen werden beiläufig, als ob es sich um nichts Außerordentliches handle, erwähnt. Die Vor bedingungen für eine allmähliche Verschmelzung scheinen vorhanden gewesen zu sein; der religiöse Fanatismus der Kreuzzüge zerstörte sie auf Jahrhunderte hinaus und errichtete zuerst jene Schranken zwischen den beiden Bekenntnissen, deren Niederreißung noch heute nicht vollständig gelungen ist. Und so stark ist seine Lebenskraft' gewesen, de n er noch in den Tagen seiner Senilität einen Sohn wie den Antisemitismus hat zeugen könne», der zwar den väterlichen Glauben nicht mehr theilt, aber in seinen Gesichtszügen und seiner ganzen Ar! noch immer an seinen Ursprung erinnert. Vielleicht bietet sich mir ein ander Rial die Gelegenheit, die- Thema weiter auszuführen, wie die moderne der alten Judenverfolgung zugleich ähnlich und von ihr verschieden ist. Für heute will ich mich begnügen, eine Unähnlichkeit hervorzuheben. Der modern: Antisemitismus ist von Deutschland ausgegangen und über den Rhein und die Donau gewandert, im Mittelalter kam er von Frankreich e» und über den Rhein. Von der Verfolgung des Jahres 1146 redend, schreibt Ephraim-bar-Jakob: „Der nichtswürdige Rudolf, ein Mönch, verfolgte schmählich Israel wie der Bösewicht Haman. Aus den: Lande Frankreich kommend, zog er durch ganz Deutschland — Goü beschütze es — um Christen zur Kreuzfahrt zu werben. Wohin er