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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-02 · Heft 36 (2.9.1892) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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424 unzufrieden, und cs geht ihnen auch nicht besser." Diese goldenen Worte stimmen ganz überein mit dem, was sie in ihrem humordurchwehten Kochbuch in oberbayerischer Mundart „Guot is's" in dem Ehestandsrezept sagt. In diesem Rezept geißelt sie auch ganz ergötzlich das Treiben jener heute so zahlreichen Frauen, die bei aller Bildung doch so oberflächlich, bei allen Vergnügungen doch so unzufrieden sind. Auch die moderne Richtung in der Litteratur bekommt gelegentlich einen Hieb ab, wie denn Elise Henle dem Naturalismus überhaupt nicht gewogen war, obgleich sie ihn gelegentlich bewunderte. „Vielleicht," sagte sie, als ich sie zum letzten Male sprach, „würde ich etwas dagegen schreiben, wenn ich nicht — zu alt wäre." Doch ich wollte ja nicht bon der Schriftstellerin sprechen, sondern nnr den Menschen in ihr schildern, nur ein Bild bon ihr entwerfen, wie es sich in mir auf Grund unseres Verkehrs gestaltete; und ich glaube mich in Uebercinstimmung mit allen denen, die Elise Henle gekannt haben, wenn ich sage: als eine liebenswürdige, humorbolle Fra», deren ganzes Wesen Zufriedenheit und Bescheidenheit athmete, wird sie uns als Vorbild in der Erinnerung fortleben.? Me ersten Judenverfolgungen in Beutschland. Von Otto Gildemeister. Einige Kenner rabbinistischer Litteratur haben wohl schon Kunde davon gehabt, daß in den Bibliotheken zu London, zu Oxford, zu Straßburg lind an einigen anderen Orten alte hebräische Handschriften liegen, die unter Anderem merkwürdige Beiträge zur deutschen Geschichte des Mittelalters enthalten. Seit einigen Jahren ist ein gelehrter Verein beschäftigt, diese bisher wenig beachteten Quellen zugängig zu machen durch philologisch korrekten Abdruck der Texte, bcigcfügtc llcbersetzung und erläuternde Anmerkungen. Von den Publikationen des Vereins ist in diesem Jahre der zweite Band erschienen, der fünf Berichte über die Judenverfolgungen des elften und des zwölften Jahrhunderts, während der ersten Kreuzzüge, aus der Feder hebräischer Schriftsteller, umfaßt?) Die Berichte sind, wenn nicht von Aligenzeugen uild Zeitgenossen, doch sehr bald nach den geschiloerten Ereignissen uild augenscheinlich auf Grund von Anfzeichnlmgen und inüiidlichen Erzählungen solcher Zeitgenossen, und jedenfalls unter dem frischen, lebendigen Eindrlicke schrecklicher Ernnerungen geschrieben worden. Ihr historischer Werth besteht, abgesehen von dem Ertrage einiger früher unbekannter Einzelheiten darin, daß sie uns das Bild jener blutigen Vorgänge so darstellen, wie es den Opfern erschien, und uns einen Blick in das innere Leben, die Gefühlsweise, die Anschauungen der Judengenieinden während des Mittelalters cröffneil. Von alle dem ist in den christlichen Chroniken und Urkunden der Zeit natürlich nichts zu finden, ebensowenig wie in diesen hebräischen Quellen sich irgend ein Verständniß für die Empfindungen und die Gedanken der christlichen Umgebung zeigt. Die beiden Parteien stehen einander in schroffer, blinder Einseitigkeit gegenüber; keine begreift die andere, jede sieht auf der ') Quelle» zur Geschichte der Juden in Deutschland. Herausgegebeil durch die jvon der'Z historische Konmiission für Geschichte der Juden in Deutschland. II. Band. Hebräische Berichte über die Judenverfolgungen während der Kreuzzüge. Herausgcgeben von A. Neubauer und M. Stern ins Deutsche übersetzt von S. Baer. Berlin. 1892. Verlag von Leonhard Simion. — Wir entnehmen diesen interessanten Aufsatz des berühmten Shakespeare-Ucbersetzers der vortrefflich redigirten Wochenschrift: „Die Nation". gegenüber stehenden Seite nichts als verdammenswerthen Jrrthum. als eine Verstocktheit, die zugleich gottlos und absurd erscheint. Dies würde nicht genügen, um die Aufmerksamkeit eines nicht fachmännisch geschulten Lesers zu fesseln. Auch litterarisch stehen die mitgetheilten Berichte nicht eben höher als die mönchischen Chroniken, wennschon sie sich von diesen durch eine Art lyrischer Aufgeregtheil unterscheiden. Die Erzählung immer neuer und immer gleichartiger Metzeleien, bei denen nur ganz selten von Kampf und Widerstand die Rede ist, wird in ihrer schauderhaften Monotonie — man watet förmlich in Blut — nur von einer anderen Monotonie unterbrochen, von den frommen Betrachtungen des Schreibenden, seinen Wehklagen, seinen Gebeten um Rache, seinem Jubel über die siegreiche Standhaftigkeit der Märtyrer, deren Lohn die ewige Herrlichkeit des Paradieses sein wird. Dadurch kommt zwar mehr Bewegung in den Vortrag, als wir bei unseren Chronisten gewohnt sind, aber die Beivegnng ist einförmig, und so tief sie offenbar ist, bringt sie cs doch zu keinem originellen Pathos: sobald sie sich zu leidenschaftlicher Stimmung erhebt, entlehnt sie ihre Töne den Psalmen und Propheten des alten Testaments, deren feierliche Sprache die Erzählung der Greuel begleitet, wie im Schlußakte der Hugenottenoper Luthere- Choral den Sturm der Bartholomäusnacht. Nur daß Kunst der Komposition und Abwägung der Effekte den Verfassern der Berichte ganz fern liegt. Es ist etwas Anderes, was die Besprechung einer solchen fachgelehrten Publikation rechtfertigt. Vor dreißig oder selbst vor zwanzig Jahren würde ich schwerlich daran gedacht haben; erst die antisemitische Epidemie, die in unserer Zeit fast alle Länder Europas mehr oder ininder heftig heimsucht, verleiht dem Gegenstände jener alten Aufzeichnungen ein aktuelles Interesse, in dem Sinne etwa, wie die Geschichte des Bauernkrieges und der französischen Schreckenszcit in Zeiten revolutionärer Bewegung für uns eine ganz andere Bedeutung gewinnt, als sie uns früher in der tiefen Ruhe der bundestäglichen Periode darbot. Wenn wir die alten Verfolgungsgeschichten in diesen kunstlosen, noch unretouchirten Texten lesen, erkennen wir deutlicher den ursprünglichen Charakter der Seuche, die in ihren modernen Erscheinungen durch die Verschiedenheit der Umstände vielfach modifizirt, auch glücklicherweise stark gemildert sich darstellt, die aber in der Hauptsache heute dieselbe ist wie vor achthundert Jahren: ebenso aus einem nicht hinwegzuleugnenden, geschichtlich entstandenen Gegensätze und aus einem Gemische wilder und gemeiner Leidenschaften, aberwitziger Wahnvorstellungen und selbstsüchtiger Berechnungen entstanden und genährt, ebenso wie damals von klugen Agitatoren und von dumniglüubigen, fanatischen Biedermännern den rohen Masse» emsig eingeimpft und von den Massen zu einer blinden verheerende» Wuth gesteigert. Die Verschiedenheit zwischen den Mord- und Raubthaten der Kreuzfahrer und der Hetzerei des modernen Antisemitenthums spring! allerdings in die Augen, weil sie auf der Oberfläche liegt. Das festere Gefüge der Staatsordnung, die Polizei mit einem Worte, gestattet heutzutage nicht mehr so unmittelbare, so gewaltsame und so breite Entladungen der Brutalität, wie sie im feudalen Europa möglich waren; der Haß und die Begierde sehen sich genöthigt, verstecktere, langsamer wirkende Mittel anzuwenden, und dadurch entsteh! ein anderes Bild, wenn schon die Motive die nämlichen bleiben. Den Antisemiten des elften Jahrhunderts standen bewaffnete Heerhausen zur Verfügung, die meistens stark genug waren, ihre» eigenen Willen gegen die lokalen Obrigkeiten dnrchzusetzen; von Stadt zu Stadt gen Osten ziehend, waren sie in der Regel, wohin sie kamen, in der Ueberzahl, gegenüber den Mannschaften, über die der Graf oder Bischof oder Magistrat verfügte. Sie brauchten sich also

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