Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227968--49093-3269766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
423 ,der Hilfsbefriedigen, iabbiner im l Kern und gistellen, sich — Darani das glaubst t um deine» er Religion ule her, UM ätze aus dn israelitischen t sind, dieik de eigentlich ndercn, biedigec must ctzen suche», dem Leben, ehungen zn verschieden- ,e zu gebe» c Lehre hi»- t ciuseitigc» rare Gegcu-I tschreitcnde'.I -diger seine I hun das inl der Predig«! Beziehungen! cren „Hilf---! beschränken,! denn wonl! bis fünf» Fahr?! -I c sich leid«! Wenn aber! kultus- und! aen, so fäUl! ediger dicic! bei seiueinl nn er sag!!! ,en Abschied! ichtig genug I mngen kcm» cum breche»! t den Lehrer! cher 11115««! ediger >!>»?t, weil c;I ebete und» welche den! r Berufung! i Erschein«!» sie sind z»! i, aber das;! das werde»! Noch einige andere ketzerische Bcmcrkiiugcn möchte ich an die Einrichtung der „Hilfsprediger" anschließcn. Es kommt häufig vor, daß ein Gemeindevorstand sich zuerst an die Breslauer oder die Hochschule zu Berlin wendet, und wenn dort schon alle Kandidaten vergeben sind, weil der Wunsch zu spät ausgesprochen oder auch, wenn das dort geforderte Honorar zu hoch erscheint, daun wendet man sich an das orthodoxe Seminar, oder der umgekehrte Fall tritt ein. Und was entsteht daraus? In dem eine» Jahre hört man auf der Kanzel die freisinnigsten Worte, im nächsten Jahre aber die entgegengesetzten Anschauungen und so in belebender Abwechselung i» infinitiun! Und nun bedenke man die Kritik der Zuhörer bei dieser Zwciseelcnthcoric der Herren Gemeindevertrcter und Vorsteher! — Freilich der Hilfsprediger ist unangreifbar, er wird durch die Kanzel geschützt, er hat nur in dem Sinne seiner „Schule" zu predigen. Aber um so heftiger entbrennt dann der Zwist zwischen der Gemeinde und ihrer Vertretung, zwischen dem ständigen Lehrer oder Kantor und seiner Gemeinde, zwischen der holden Weiblichkeit, auf welche in den meisten Fällen — ohne Rücksicht auf seinen religiösen Standpunkt — der junge Hilfsprediger Eindruck macht, und dem kühler denkenden und urtheilendcn stärkeren Geschlechte! „Und das hat mit seinem Sagen der Kandidat gethan!" so ruft uns der berühmte Dichter im Loreley-Liede zn. Eine andere, allerdings nicht stetige, aber doch häufige Erscheinung ist das stolze Selbstbewußtsein solcher Hilfsprediger. Mit einer wahrhaft verblüffenden Sicherheit spricht ein so junger, halbfertiger Mann über den „Geist der Zeit", als hätte dieser Geist sich selbst ihm und nur ihm allein offenbart, eine donnernde Philippika jagt die andere gegen die Sünden und Gebrechen, den Mammonsdicnst und den Egoismus der Zeit, wenn die Gemeinde auch noch so wenig Abtrünnige und Ungerechte in ihrer Mitte hat; gegen den vernachlässigten Religionsunterricht, den mangelhaften Synagogenbesuch zetert der Andere, wenn auch die Religionsschule in guter Ordnung ist und der Synagogenbesuch wenig zu wünschen übrig läßt, so daß die Zuhörer sich oft an die Stirn fassen oder gegenseitig einander lange ins Angesicht schauen, um festzustellen, ob sie wirklich noch leben und nicht träumen, wenn sie solche unbegründete, heftige Anklagen von einer Stelle herab hören müssen, wo sie dem Redner nicht sofort entgegnen können. Ich meine, diese Erscheinung ist auch ernst genug, um uns über Mittel Nachdenken zu lassen, wie das Institut der Hilfsprediger gründlich verbessert oder anderweitig ersetzt werden kann. Neben dem oben vorgeschlagcnen Mittel, den Lehrer oder Kantor zum Vorleser, bezw. zum Sprecher zu machen, ist meiner Ansicht »ach die Einrichtung von Bezirksrabbinatcn geeignet, den geschilderten Mißständen abzuhelfcn. Warum sollen denn mehrere kleinere Gemeinden nicht ebenso gut in Norddeutschland wie in Süddeutschland sich zur Schaffung von Bezirksrabbinaten vereinigen können, ja selbst das nordwestliche Deutschland hat schon einige solcher Bezirks- oder Landrabbiuate aufzuweisen, wäre das nicht auch für der Nordosten möglich? Wenn ein solcher Bezirks¬ oder Landrabbiner ja wohl auch nur dann in seinem Amtssitze an den hohen Festtagen predigen kann, so kann er doch einige Male im Jahre in den Filialen das Wort Gottes lehren und die Mitglieder der Filialgemeinden können dann — nach biblischer Vorschrift — von zwanzig Jahren an und darüber, doch nicht blos alles Männliche, sondern auch das Weibliche, drei Mal im Jahre vor dem Herrn im Tempel der Hauptgcmeinde erscheinen. Schon jetzt geschieht das thatsächlich in einigen Gegenden Schlesiens, Posens, Brandenburgs, Ost- und Westpreußens, auch Pommerns, wo einige „Zerstreute" auf den Dörfern oder in ganz kleinen Städten ohne Gotteshaus leben und an den beiden Nenjahrstagcn, sowie am Versöhnungstage in der nächsten benachbarten Gemeinde, welche ein Gotteshaus besitzt, ihr Zelt aufschlagen und ihrem Herrn dienen. Ich meine, die Sache ist ernst genug, um in diesem weit verbreiteten Blatte besprochen zu werden. U Glrse Henle. Ein Erinnernngsblatt von Dr. B. Knttner in Frankfurt a. M. Am 18. August d. I. starb, mitten in ihren Vorbereitungen zur Reise in die Sommerfrische, Elise Heule; 62 Jahre alt, in Frankfurt a. M. Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder, die sie daselbst erwarteten, sollten sie nicht mehr sehen. Schmerzlich berührte auch uns die Kunde von dem Hinscheiden dieser liebenswürdigen Frau, und das bescheidene Blättchen, das ich hiermit auf ihrem frischen Grabe niederlegen möchte, soll nicht der Dichterin gelten — als solche mag sie von Berufeneren gewürdigt werden — sondern dem Menschen in ihr. Das Schicksal, von dem sie nie verwöhnt worden war, hat sich auch darin unliebenswürdig gegen sie gezeigt, daß es sie zu einer Zeit ins Grab sinken ließ, wo sie infolge ungewöhnlicher Sommerhitze und der Abwesenheit vieler, selbst naher Verwandter in entlegenen Bädern nur ein ziemlich bescheidenes Gefolge finden konnte. Ilnd dennoch: könnte sie selbst sich darüber äußern, sie würde mit einem liebenswürdigen Scherze dieses Leichenbegängniß ganz ihr entsprechend finden. In aller Stille und Bescheidenheit — ja, das war allerdings das, was ihr am angenehmsten war; nach der Welt hat sie sich nicht gesehnt; in der Stille, fern von allem zerstreuenden Getümmel, fühlte sie sich allzeit am wohlste». Wohl ist sie auch „unter die Leute" gegangen, wohl ist sie auch ihren gesellschaftlichen Pflichten nachgekommen; aber sie hat kein Hehl daraus gemacht, daß diese heutzutage vielfach einen Umfang und eine Form annehmen, daß sie nur denen genügen können, die sich innerlich langweilen, es aber äußerlich nicht merken lassen wollen. Der reiche Strom ihres inneren Lebens machte sie durchaus unabhängig nach außen — und hieraus entwickelte sich jener liebenswürdige Humor, der cs vergessen ließ, daß man eine im Greifenalter stehende, eine von rauher Schicksalshand unsanft hin- und hergeschiittelte Frau vor sich hatte. Wer es vollends verstand, von der Oberfläche ablenkend in die Tiefe zu tauchen, der fand eine so kernige, ursprüngliche und gereifte Lebensanschauung, das; er nur mit dem Wunsche aufhörte, recht bald wieder darauf zurückzukommen. Geschichte und Litteratur liefern Beweise dafür, daß der Humor gern bei echter Religiosität wohnt. Es muß wohl so sein. Der echte, herzerfrischende Humor setzt Frieden voraus, Frieden mit sich und Frieden mit Anderen. Elise Heule war eine tief religiöse Natur, nicht kleinlich, nicht an äußeren Gebräuchen haftend, aber eine gottgläubige, von dem Bewußtsein der Gotteskindschaft 'durchleuchtete Frau. Nur so konnte es ihr, nach ihrem eigenen Geständniß, gelingen, die Widerwärtigkeiten des Lebens, die sie bis an ihr Ende nicht verschont haben, siegreich und ohne Verbitterung zu bestehen. Ich bin in der glücklichen Lage, sie selbst hierüber sprechen lassen zu können. In einem Briefe vom September 1888 sagt sie wörtlich: „Mir ist die Irreligiosität, der Frauen insbesondere, ein Greuel. Ich halte mich für so gescheit, als viele dieser sogenannten Aufgeklärten; aber mir ist das Gebet wie der Glaube an Gott ein Herzensbedürfniß, wie es nur eine Stütze war und ist in allen Wechselfällen des Lebens, und ich sehe auch nicht, daß Diejenigen, welche Gott leugnen, glücklicher sind. Im Gegentheil, sie sind meistens