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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-02 · Heft 36 (2.9.1892) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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422 - nochmals durchlesen, so ergreift niis ein eigenthümliches Gefühl, von Wehmuth und von Stolz gemischt, von Wehmuth darüber, daß ein solches Riesendenkmal menschlichen Geisteslebens so verkannt und verlästert werden konnte, von Stolz darauf, daß die Bekenner des Judenthums zu allen Zeiten und in allen Landen das Gesetz des Lebens so hoch gestellt, ja, daß ihnen dies Gesetz auch in den trübsten Tage» wichtiger als alle andern galt. Und dies Gesetz kannte keinen Unterschied des Glaubens oder des Standes; es war der Triumph der reinsten Menschenliebe. Durch die Straßen der großen Stadt Sephoris zog einst ein Rabbi, ausrufend: „Wer braucht Leben? Wer will Gesundheit kaufen?" Da eilten Viele herbei, um das Lebenskrant zu erwerben. Er aber zog ein Psalmbuch aus seinem Mantel hervor und las der erstaunt aufhorchenden Menge die Sätze vor: „Wer ist der Mann, der am Leben Wohlgefallen findet, die Tage liebt, um Gutes zu schauen? Bewahre deine Zunge vor Bosheit und deine Lippen vor der Rede des Trugs. Entferne dich vom Bösen und thue nur Gutes; suche den Frieden und eile ihm nach!" Das ist talinudische Seelen-Diütetik, besonders wirksam in ernsten Tagen. 9 Bic Kilfsprcdiger für die hohen Festtage. Von Hermann Becker in Wöllstein. Zweierlei Arten von Gemeinden sind es, tvelche in dem Jnseratentheile unserer jüdischen und politischen Zeitungen „Hilfspredigcr zu den hohen Festtagen suchen" oder sich solche direkt „verschreiben", >vie der nicht ganz glücklich gewählte Ausdruck lautet. Im letzteren Falle schreibt der Herr Gemeindevorsteher, sc in cm rcl igi öscn Standpunkte entsprechend, an den Direktor der „Breslauer, Schule", der Berliner Hochschule oder des Rabbiner-Seminars der ihm einen „Kandidaten" schickt. Die Gemeinden, welche sich dies gestatten dürfen, sind entweder sehr große, die ihren ständigen Rabbiner wahrend der Festtage nicht übermäßig anstrengen wollen, oder cs sind kleinere, wohlhabendere Gemeinden, welche keinen ständigen Rabbiner haben, aber doch tvenigstens für die hohen Festtage das Wort Gottes in deritscher Sprache hören möchten. Beide Gründe sind berechtigt und entsprechen völlig dem humanen und religiösen Sinne unserer Glaubensgenossen; wir wollen auch nicht gegen diese Gründe ankämpfcn, sondern nur die Folgen solcher Berufungen im Allgemeinen, sowie manche weitverbreitete Mißstände derselben im Besonderen näher ins Auge fassen. Ich will von der Parteistellung der berufenen Hilfsprediger einstweilen völlig absehen und nur ihren sonstigen Habitus betrachten. Die Seminaristen sind höchstens 22 bis 28 Jahre alt, sie haben selbstständig vor einer wirklicheir und leibhaftigen Gemeinde, welche aus Männern und Frauen aller Stünde, aus Zuhörern jedes Alters besteht, noch nie gepredigt. Ihre homiletischen Uebnngcn haben dieselben bisher vor einer, ml hoc zusammengesetzten Gemeinde, bestehend aus Mitgliedern gleichen Alters, gleichen Standes und gleicher religiöser Gesinnung gehalten, und mm sollen sie vor einem ihnen völlig fremden Priblikum, das ganz eigenartige Interessen hat, ganz andere Anschauungen als diejenigen, welche der Kandidat bisher gekannt hat, das Beste ihres Könnens und Wissens, die Ideale des Judenthums und seiner Religion in herz- und gemüthansprechcndcr Weise darbieten. Der geneigte Leser wird einwenden: „Was kümmern den Prediger die Sonderintercssen der Gemeinde? Was die Alters- und Standcsunterschiede? Was die Anschauungen der Gemeinde? Gerade weil wir an den Festtagen nur das hören wollen, was uns eint, und nicht das, was uns trennt, gerade darum kann „der Hilfst Prediger" hoch über den Parteien stehen und er wird Alle befriedigen, bei keinem Anstoß erregen. Hat ja auch der ständige Rabbiner ini Grunde genommen auch nichts Anderes zu thun, als den Kern und Inhalt des Judenthums und nicht der Judenheit darzustellen, sich also von der Pflege der Sonderintercssen fernzuhalten!" — Daraus erwiedere ich: Guter Freund! Wenn du wahr und gewiß das glaubst, was du soeben eingewendet hast, dann beneide ich dich nicht um deine» Wohnsitz in Wolkenkukuksheim. Die wichtigsten Lehren des JudenthumS und seiner Religion kennt heutzutage wohl jeder Glaubensgenosse von der Schule her, und sollte er sie vergessen haben, dann haben die fünfzehn Sätze aus du „Ethik des Judenthums", welche durch den „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" in Tausenden von Exemplaren verbreitet sind, diese Kenntiüß wieder aufgefrischt, dazu braucht eine Gemeinde eigentlich keinen besonderen Hilfsprediger anzustellen und keine besonderen, bkweilen ziemlich hohen Kosten zu machen. Rein, ein Prediger must so weit als möglich, Lehre und Leben in Beziehung zu setzen suche», er soll nicht nur einseitig moralisiren, d. h. er soll von dem Leben, dem Berufe der meisten seiner Zuhörer, von ihren Beziehungeil zu Andersgläubigen in Stadt und Staat ausgehen und diesen verschiedenartigen Beziehungen und Thätigkeiten die religiöse Weihe zu geben versuchen, er soll seine Zuhörer allmählich vom Leben zur Lehre hinzulciten versuchen, soll Lehre und Leben nicht von seinen! einseitige» Standpunkte aus, in gewaltigen Strafrcden als unvereinbare Gegensätze darstellcn, sondern sie in dem Berhültniß von fortschreitende» Entwicklungsstufen schildern. — Wenn aber ein Prediger seine Aufgabe so erfaßt, — die meisten ständigen Prediger thun das j» auch — dann ist es doch unumgänglich nothwendig, daß der Prediger eine Gemeinde kennt, ihre Hauptbeschäftigung und ihre Beziehungen zu Andersglällbigcn in Stadt und Staat. Allein die Herren „Hilssprediger" müssen sich meist lediglich auf solche Fragen beschränke::, weil sie eben die Gemeinde nicht kennen. Welche nachhaltige Wirkung versprechen sich denn wo»! die meisten Gemeindebehörden von den vier bis füni Predigten der Hilfsprediger für ein ganzes Jahr?! -- Sehen sie denn nicht, daß selbst die ständigen Prediger sich leider mir geringer Erfolge ihrer Predigten rühmen können? Wenn aber die Rabbiner noch nebenbei in Schule, Gemeindelebeu, Kultus- und rituellen Fragen eine segensreiche Wirksamkeit entfalten könne», so fällt für die Wanderredner, Probekandidaten und Hilfsprediger diese Möglichkeit fort, für jene Herren, an welche Schiller bei seine»: „Mädchen aus der Fremde" gedacht zu haben scheint, wenn er sag!: „Und schnell war ihre Spur verloren, sobald das Mädchen Abschied nahm!" — Wenn aber unsere Gemeindebehörden einsichtig genug sind, zu wissen, das; von solchen gelegentlichen Redeübungen fern besonderer ideeller und ethischer Nutzen zu erwarten ist, warmn breche» sie nicht mit solchen Halbheiten? Warum machen sie nicht den Lehrer oder Kantor zum Borleser oder meinetwegen zum Sprecher unsem besten bereits vorhandenen Predigten? Ein Hilfsprediger ist doch kein Luxusartikel, den man sich anschafft, weil cs Mode ist oder der uns über das ewige Einerlei der Gebete und Lieder hinweghelfen soll! Die privaten Gründe, welche den einen oder anderen der Herren Gemeindevorsteher bei der Berufung des „Jünglings" und den Hilfsprediger selbst bei seinem Erscheint» geleitet haben »lögen, wollen wir hier nicht erörtern, sie sind zu lokaler Natur, als daß wir sie verallgemeinern könnten, aber dai; auch bisweilen solche privaten Gründe vorhanden sind, das werde» wohl die meisten Leser zugeben.

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