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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-26 · Heft 35 (26.8.1892) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 35 (26.8.1892)
Date
1892-08-26
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Präsident stellt zu diesem Punkte aus den Akten fest, daß die That am 29. Juni 1890 geschehen und bereits am folgenden Tage die gerichtliche Obduktion erfolgt sei, zu der der Erste Staatsanwalt einen Vertreter abgeschickt hatte. Die Beleidigung der Mitglieder der Strafkammer wird darin gesunden, daß ihnen in der Broschüre norgeworfen wird, sie hätten in einem Falle, in welchenl es sich mit Beleidigung eines Juden handelte, mit drakonischer Strenge geurtheilt, während sie in der Verhandlung gegen Buschhoff von Liebenswürdigkeit trieften. Der Angeklagte stellte einen umfangreichen Beweisantrag, um die Wahrheit der von ihm ausgestellten Behauptungen beweisen zu können. Der Staatsanwalt hält nur die Vernehmung des Landgerichtsraths Brixius und des Ersten Staatsanwalts Baumgart für nothwendig, während er den übrigen Wahrheitsbeweis für überflüssig erklärt. Der Angeklagte und sein Vertheidiger führen dagegen aus, daß bei der Wichtigkeit der Angelegenheit der gesammte Wahrheitsbeweis erhoben werden müsse. Der ''Angeklagte beantragt ferner, daß seinem Vertheidiger die gesammten 'Akten zu genauem Studium auf vier Wochen überlassen werden, der Vorsitzende aber erklärt, daß ein derartiges Verlangen wohl kaum ausführbar sein wurde, eine 'Akteneinsicht vielmehr mit der größten Beschleunigung stattfinden müßte, da die Akten jetzt ans allen Weltgegenden verlangt würden (! ). Vernommen wird sodann der Kriminal-Kommissarins Wolfs, welcher 'Auskunft darüber geben soll, ob der Erste Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter lau vorgegangen sind und ob er, als er nach kanten kam, um die Ermittelungen in die Hand zu nehmen, Mängel des Vorverfahrens vorgefunden habe und ihm selbst Schwierigkeiten in den Weg gelegt worden sind. Der Zeuge verneint dies. Als er nach Hauten gekommen, sei ihm Einsicht in die Akten verstattet worden, er habe dieselben genau studirt und nach diesem Akteumaterial eine Ueberzeugung von der Schuld Buschhoff's nicht gewinnen können. 'Als er dann die in den Akten benannten Zeugen persönlich zu befragen begann, habe er eine andere Ueberzeugung gewonnen Der Gerichtshof beschloß nach längerer Berathung über die Beweisanträge: Es sollen hier vor Gericht vernommen werden: 1. Der Erste Staatsanwalt Baumgart über die Behauptung, daß derselbe der*Tochter Buschhoff's gegenüber ein liebenswürdiges, kavaliermäßiges Verhalten gezeigt, ferner über die Gründe seiner Verhinderung vom 1. bis 6. Juli, sodann über die Gründe zu seiner im Buschhoff-Prozeß abgegebenen Erklärung, „daß die Zeugen die Behauptungen Buschhoff's bestätigen würden", endlich über die Behauptung, daß er dem .Kaplan Bresser einen Artikel zugeschickt habe, der thatsächlich Unrichtiges enthielt; 2. der Landgerichtsrath Brixius über die Gründe der Freilassung Buschhoff's; 9. der Kaplan Bresser; 4. der Gärtner Mölders: 5. der Bürgermeister Schleß; 0. der Hauseigenthümer Küppers; 7. der Kriminalkommissarius Verhülstonk in Krefeld; 8. der .Kriminalkommissarius Wolff. Ferner sollen die Buschhoffschen Akten eingeholt werden. Dagegen hat der Gerichtshof von den weiteren beantragten Vernehmungen Abstand genommen. — Vertheidiger Rechtsanwalt Dr. Schwindt beantragt, daß ihm die Akten auf acht Tage in sein Büreau geschickt werden, zumal er auch noch den Redakteur Balla in einer ganz ähnlichen Preßsache zu vertheidigen habe. Der Vorsitzende erklärt wiederholt, daß der Gerichtshof selbst die Akten nur borgweise erhalten habe, und daß man sich bei einer so erheblichen Sache wohl sehr ungern dazu entschließen würde, die Ulkten zu verschicken, da dabei doch schließlich alles Mögliche passiren könnte. Die Sache Balla könnte vielleicht mit dieser Sache verbunden werden. Der Vertheidiger behält sich vor, bezügliche Anträge bei der Staatsanwaltschaft zu stellen und bittet, den nächsten Termin nicht vor dem 20. September anzusetzen. — Tie Kampfesweise der 'Antisemiten in diesem Prozesse scheint dieselbe zu sein, wie in dem Prozesse Paasch; nämlich durch übertriebene und zeitraubende Beweisanträge die Gerichtsver Handlung möglichst lange hinzuzieheu, für ihre Zeitungen neuen Hetzstosf durch Hinweis auf die abgelehnten Anträge zu gewinnen und dabei die Entscheidung, welche ja für jeden gerecht Denkenden vorauszusehen ist, so lauge ivie möglich hiuauszuschieben. (•} Breslau, 22. August. Heute Nacht ist hier, allgemein betrauert, Dr. Paul Lion gestorben. Jäh und unvermittelt ist derselbe seiner Familie, der Stadt Breslau, seinen persönlichen und politischen Freunden entrissen worden. Seit mehr als zwei Dezennien hat Dr. Panl Lion mit seiner Wirksamkeit vor der Oeffentlichkeit gestanden, immer ist er derselbe gewesen, nie sah man ihn rasten und sich der Erholung hingeben, und so sind auch seine Jugendjahre mit hingebendem Fleiß und unermüdlichem, vorwärts strebendem Eifer ausgefüllt gewesen. In kleinen Verhältnissen zu Neustadt O.-S. geboren, erlangte er seine weitere Ausbildung auf dem hiesigen Matthias-Gymnasium, welches er zu Michaelis 1851 mit dem Zeugniß dec Reife verließ, um Medizin zu studiren. Mit äußeren Glücksgütern wenig gesegnet, hatte er mit mancherlei materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber er verfolgte sein Ziel mit eiserner Konsequenz, und die glückliche Lösung einer Preisaufgabe ließ schon den jungen Studenten als einen primus inter pares erscheinen. 1855 promovirte er, und 1850 erfolgte seine Approbation als praktischer Arzt. Er hatte sich als solcher bald einer allgemeiucn Beliebheit zu erfreuen. Er nahm nicht nur als gründlicher Kenner seiner Wissenschaft unter seinen Kollegen eine angesehene Stellung ein, vornehmlich sicherte ihm auch die mitfühlende, herzliche Art, mit der er an dem Schicksal seiner Patienten theilnahm, überall deren Anhänglichkeit und Zutrauen. Seiner Thätigkeit als Arzt hat er sich niemals entfremdet; auch als seine Wirksamkeit im öffentlichen Leben ihn immer mehr in Anspruch nahm und der Mitbesitz an der „Breslauer Zeitung" seinen Interessen cheilweise eine andere Richtung gab, hat er sich nicht dazu entschließen können, seine ärztliche Praxis aufzugebeu. Stand doch seine öffentliche Thätigkeit, die er als Stadtverordneter zwei Dezennien h ndurch ausgeübt, nach seiner Auffassung in engem Zusammenhänge mit seinem eigentlichen Berufe. Denn auch hier widmete er sich vornehmlich dem Gebiete der Hygiene und Armenpflege. Er war lange Jahre hiudnrch Mitglied des Kuratoriums des Allerheiligenhvspitals und er hat sich in dieser Stellung außerordentliche Verdienste erworben. 'Auch sonst galt seine Stimme ganz besonders überall da, wo das städtische Kraukenwesen und hygienische Maßregeln in Frage kamen. Freilich nicht auf diesen Gebieten allein. Dr. Paul Lion gehörte zu den angesehensten Mitgliedern unserer Stadtverordneten-Vcrsammlung. Er war ein vorzüglicher Redner, er sprach klar, scharf, sachlich und doch nicht ohne rhetorischen Schwung. Von den mannigfachen Ehrenämtern, die Dr. Panl Lion bekleidet hat, wollen wir nur noch hervorheben, daß er Mitglied des Vorstandes des Vereins gegen Verarmung und Bettelei und ebenso Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde war. Auch in diesen Aemtern warsein weiser Rath, seine Arbeitskraft und sein Organisationstalent von allen denen geschätzt, die seine Thätigkeit auf diesen Gebieten kannten. 'Auch im politischen Leben unserer Stadt und der Provinz Schlesien war Dr. Lion lange Jahre hindurch hervorragend thätig. Er gehörte ursprünglich der nationalliberalen Partei an und nahm innerhalb derselben bald eine führende Stellung ein. Als später der rechte Flügel der National liberalen dem Fürsten Bismarck gegenüber eine zu große Nachgiebigkeit zeigte, schloß er sich 18s0 der Sezession und alsdann 1884 der Ver einigung der Sezessionisten mit der Fortschrittspartei zur deutschfreisiunigen Partei an. Er trat auch in enge Beziehungen zu hervorragenden Politikern und Parlamentarurn; insbesondere mit Forckenbeck war er Jahre lang in naher Freundschaft verbunden, die auch nach Forckenbecks Uebersiedelung nach Berlin nicht erlosch Eine bittere Enttäuschung erfuhr er, als man es gewagt hatte, seine über allen Zweifel erhabene loyale Gesinnung zu verdächtigen. Aber sein elastischer Geist, seine gleich müßig heitere Lebensauffassung verscheuchten bald auch diese dun-len Schatten, die sich vorübergehend auf sein Leben gesenkt hatten. Die Hoffnung auf den endlichen Sieg der liberalen Sache, die. ideale Auffassung, welche er auch in politischen Dingen hegte, haben ihn nicht verlassen bis zu seinem Ende. r. Glogau, 22. August. Am 10. 'August starb hier der Kommerzien rath Leopold Kempner; er hat für die Stadt und die jüdische Ge meinde sehr beträchtliche Summen gestiftet; der Verstorbene genoß das unbedingte Vertrauen einer großen 'Anzahl von Leuten aus Stadt und Land. Dies zeigte sich bei der Beerdigung; außer den 'Armen, die ihren Wohlthäter verloren hatten, folgten viele Gutsherren aus unserem Kreise und den Nachbarkreisen der Bahre; das Gefolge zählte nach vielen Tausenden. Auch die evangelische und katholische Geistlichkeit war durch ihre Spitzen vertreten, Herr Kanonikus Warnatzsch und Herr Kreisschulinspektor Pastor Ender wohnten sowohl der Leicheufeierlichkeit im Hause des Verstorbenen sowie der Leichenfeier aus dem Friedhofe bei Der Verstorbene stammte aus Leobschütz und war vor sechzig Jahren als armer Knabe nach Glogau gekommen und hat hier ein Vermögen von Millionen erworben. Er hinterläßt den Ruf eines unantastbaren Ehren-

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