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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-26 · Heft 35 (26.8.1892) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 35 (26.8.1892)
Date
1892-08-26
Page
Seite 420 (sequence 12)
Language
German
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420 blaß geworden ob dieses Lapsus, aber warum dulden Sie es, geehrter Herr Redakteur, daß ich vor Ihren geschützten Lesern erröthen muß? Ware es nicht einfacher gewesen, wenn die Redaktion Ihrer Zeitung mir eine solche Drucksache unter Streifband „zur gef. Ansicht" für 3 Pf. gesandt Hütte. (Packetfahrt kostet nur 2 Pf.) Natürlich mußte ich meinen Wissensdurst (oder war es Hunger?) befriedigen und flugs ging ich zu einem bekannten Bankier, mit dem ich in meiner Studienzeit allmonatlich in geschäftlicher Verbindung stand. — „Ich gebrauche sehr nothwendig einen Tausendmarkschein!" — „Das glaube ich," höhnte der Herr, der mich sogar auch heute noch kannte. „Haben Sie einen Gegenwerth?" „Gewiß," dabei zog ich die dir. 33 Ihrer Zeitung heraus, — „ich soll für die „Zeitung des Judenthums" über die Farbe dieser Noten referiren!" „Also zur Ansicht soll ich Ihnen einen Tausendmarkschein geben?" „So ist es," entgegnete ich mit dem Brustton der Gutsagung. Kopfschüttelnd schloß der Herr seinen Arnheim auf, zog das Gewünschte heraus und zeigte mir par distance das Papier. Also grau?! Nun erst verstehe ich das Wort Mephisto's: „Grau, theurer Freund, ist alle Theorie." Deswegen wird wohl für alle Ewigkeit der Besitz eines solchen Scheines für mich einen theoretischen Werth haben. Dieses Mal geht nun die Reise von Stralau-Rummels barg — Schlesischer Bahnhof nach —Ostend, und zwar per pcdes. An den wellenlosen Usern der — Panke, landwärts verbunden! mit der Großen Frankfurterstraße, hingegossen liegt das Ostend-Theater. „Heinrich Heine" steht auf dem Repertvir und mir ahnt, als ob sich da ein Stück jüdischen Lebens abspielen wird. Kennen Sie, wertster Herr Redakteur, den Heinrich Heine? Das war auch so ein Mensch, der seinen Beruf verfehlt hat, „denn hätte der Junge was Ordentliches gelernt, dann brauchte er keine Gedichte zu machen," sagte sein Onkel Saloinon. Also dieser Heine, der, wenn ich nicht irre, auch Badebriefe aus Norderney (für welche jüdische Zeitung weiß ich nicht) geschrieben, hatte in Hamburg ein Geschäft und ging so zu sagen „Pleite." Darauf wird im Familienrathe des Bankiers Salomon Heine in Gegenwart des Hausfreundes — Hermann Hirsch, Hühneraugen - Operateur und Kollekteur, berathen, was Harry werden soll. „Willst Du Arzt lverden, mein Junge?" frägt der Onkel. „Arzt, — Arzt," — spottet Hirsch, mit einer unnachahmlichen Geberde, — noch mehr,— „jüdischer Arzt," wehklagt er schließlich. „Oder Advokat," inquirirt er weiter. Hirsch schüttelt wieder sein weißes Haupt, denn er scheint kein Freund der Gelehrtenwelt zu sein. „Warum nicht Advokat," erklärt Salomon. „so lange es Narren und Dununköpfe giebt, wird ein Advokat immer sein Brod finden!" Heinrich Heine schweigt anfangs, er denkt gewiß an die erdrückende Konkurrenz, daß auf einen angeklagten Bankier drei Rechtsanwälte kommen, und ich glaube, er ist schließlich Pariser Korrespondent für deutsche Zeitungen geworden. Alle diese Bedenken wegen der Zukunft unserer jüdischen Jugend haben nur theoretischen Werth. Die jüdischen Jünglinge mögen lverden und lernen, was sie wollen, sie werden überall den Ariern im Wege stehen, und schließlich geht es wie in dem genannten Stücke: am Schlüsse lverden alle Inden von Worms verbrannt,Z womit ich verbleibe Ihr Badekorrespondent. r) Aum. des Setzers. Oho, das geht denn doch zu weit. Von dem Tausendmarkschein kommt der Herr Korrespondent auf Heinrich Heine und am Schlüsse vermengt er, um interessant zu werden, das Volksschauspiel: „Tie Juden von Worms" mit der Posse: „Heinrich Heine". Sprechfaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir noch jetzt zu dem Leitartikel in Nr. 28 Ihrer geschätzten Zeitung, der die vielsagende Ueberschrift „Ausländer" führt, einige wenige Bemerkungen. Ich schicke voraus, daß meine Wiege im Schwabenlande steht und daß ich keiner der „siebzig braven Knaben" bin, die sich an den preußischen Kultusminister mit einer Petition gewendet haben. Aber ich gestehe Ihnen offen, daß ich mich recht gut in die Lage dieser Septuaginta zu versetzen weiß, jedenfalls besser als der Verfasser des erwähnten Leitartikels, der mir weit über das Ziel hinausgeschossen zu haben scheint. Daß gelegentlich Ausländer in Deutschland angestellt werden, dagegen wird kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden haben; daß aber fast regelmäßig die Ausländer den Inländern vorgezogen werden, das dürfte doch nicht ganz in der Ordnung sein. Berlin schreibt einen Hilfspredigerposten aus; sechzig Bewerber sollen sich gemeldet haben; der Erste, der zur Probepredigt gerufen wird, ist . . . . ein Ungar. Sollte unter den sechzig Bewerbern kein geeigneter Deutscher sich befinden? Ich möchte wahrlich keinem der Ausländer zu nahe treten, aber wenn num fortwährend darüber klagt, daß so wenige deutsche Jünglinge dem Studium der jüdischen Theologie sich widmen, so sollte man diesen doch ein besseres Aufmunterungsmittel zu bieten vermögen als die Versicherung, daß auch künftighin kein Unterschied zwischen Ausländern und Inländern bestehen soll. Ja, besteht denn wirklich gegenwärtig kein Unterschied? Sehen Sie sich doch gefälligst einmal um im deutschen Reiche! Wollen Sie es den Deutschen, die an kleinen Stellen angestellt sind, ün Ernste verargen, daß sie nach besseren Stellen streben? Oder glauben Sie, daß die Deutschen so viel weniger tüchtig sind wie die Ausländer? Ich möchte fast von einer Sucht nach Ausländern reden, ohne zu untersuchen, aus welchen — theilweise recht betrübenden — Gründen die Ausländer ein so begehrter Artikel sind. Mir war es immer peinlich, wenn ausländische Rabbiner nicht laut und nicht eindringlich genug ihre deutsche Nationalität hervorzuheben wußten. Gewiß giebt es nur ein Judenthum, aber es giebt deutsche Juden und französische Juden, wie es deutsche Katholiken und französische Katholiken giebt. In Nvrddeutschland, wo es für die Rabbinen keine staatliche Anstellung giebt, mag es nicht so sehr empfunden werden, aber in Württemberg z. B., wo dieselben Avaneementsverhältnisse bei den Rabbinen wie bei den Pfarrern zur Geltung kommen, welchen Eindruck muß es da auf den Inländer machen, wenn er plötzlich mit dem Ausländer konkurriren soll, der — man höre und staune! — ihm gegenüber sogar bevorzugt ist. — Die Zahl der im Ausland amtirenden Deutschen steht in gar keinem Verhältniß zu den in Deutschland amtirenden Ausländern. Warum hat das der Verfasser des erwähnten Ausländer-Artikels nicht erwogen? Er wäre wahrscheinlich zu einen: anderen Schluffe gekommen. Die siebzig Knaben, die sich ihrer Haut wehren, sind doch nicht so verächtlich; die können mit vollen: Rechte Horazens Wort auf sich beziehen: nil sine magno vita labore dedix mortalibus, wo Anderen mühelos das Glück in den Schooß fällt. Das, geehrter Herr Redakteur, ist so meine Meinung, und ich täusche mich nicht, wenn ich viele Genossen zu haben behaupte. Vielleicht haben Sie die Güte und veranlassen den Herrn Verfasser des Ausländer- Artikels, daß er mich belehre. Mit vorzüglicher Hochachtung Lanpheim, 20. Juli. Dr. Berthold Einstein.? In dem Aufsatz von Dr. S. Kalischer (Nr. 34) sind folgende Druck' fehler stehen geblieben: Seite 397, Spalte 2, Zeile 15 von oben war das „und" zu streichen. Seite 398, Spalte 1, Zeile 30—31 muß es „jeden Fall" statt „jedes Falls" heißen. Briefkasten der Redaktion. Dr. L. L. in Wir können Ihnen leider nicht dienen. Alle uns bekannten Anthologien der gedachten Art tragen den von Ihnen gerügten einseitigen Charakter. Eine für das jüdische Haus geeignete Blumenlese aus der deutschen Litteratur ist noch ein Gegenstand frommer Wünsche Truck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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