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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-26 · Heft 35 (26.8.1892) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 35 (26.8.1892)
Date
1892-08-26
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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Sehfeld machte nun dem Bademeister den Vorschlag, sein Kompagnon zu werden, wogegen er den Absatz des Goldes und Stillschweigen geloben mußte. Einige Zeit ging Alles nach Wunsch. Sehfeld erwarb sich in der ganzen Gegend als Wohlthater der Armen einen Ruf, während er selbst still und zurückgezogen seiner Wissenschaft lebte. Er war hoch von Wuchs und mager, mit ruhigen, angenehmen Gesichtszügeu; das Haar fiel ihm in langen, dunkeln Strähnen auf die Achseln; sein Anzug war bescheiden, aber von peinlichster Sauberkeit; ein langer, schwarzer Tuchrock reichte ihm bis an die Knöchel. Wie die meisten Alchemisten war Sehfeld fromm und gottesfürchtig und hielt gewissenhaft am Glauben seiner Väter. Noch lange Jahre später wurde Sehfelds Gebetbuch sowie ein Exemplar des „um 1300 entstandenen Lügenbuches des Moses de Leon" als interessantes Erbstück in der Familie Friedrich gezeigt. Cs war schwer, die Töchter von der Mitwisseuschaft auszuschließen, um so mehr als Sehfeld die Liebe der jüngeren, Johanna — der „Agnes" des Halm'schen „Adepten" — gewonnen hatte. Die Mädchen waren über das Wunder der Metallverwandlung hocherfreut, allein nur zu bald drückte sie das Geheimniß. Sie vertrauten es einer Freundin an; die Plaudersucht trug es dann weiter, bis es der Ortsbehörde zu Ohren kam, die überlegte, ob sie den merkwürdigen Fremden festzunehmen habe. Sehfeld witterte jedoch die Gefahr, die ihm drohte, und verschaffte sich unter dem Vorgeben, chemische Farben zu bereiten, einen königlichen Schntzbrief, für den er dreißigtausend Gulden jährlich zu zahlen sich erbot. Doch war auch der Schutz, den ihm das Patent gewährte, von keiner langen Dauer. Die Menge Goldes, die er in Verkehr , brachte, erregte immer größeres Aufsehen; selbst die Kaiserin Maria Theresia hörte von dem Jiinger der edeln Mitwissenschaft, — dem Goldmacher in Rodaun. Unverhofft erschien eines Nachts ein Kommando der Wiener Rumorwache und führte Sehfeld als Gefangenen mit sich fort. Er wurde einem scharfen Verhör unterworfen, ja man scheute selbst körperliche Züchtigungen nicht, um ihm sein Geheimniß zu entreißen. Der Adept blieb standhaft. Man schickte ihn hierauf nach der Festung Temesvar, in der Hoffnung, durch strenge Haft seinen Widerstand zu besiegen. Der Kommandant der Festung, ein humaner, vielseitig gebildeter, vornrtheilsfreier Mann — er hieß Georg v. Engelshofen — lernte Sehfeld näher kennen und sah bald ein, daß ihm bitteres Unrecht geschehen sei. Sehfeld mochte ein Schwärmer, ein Phantast sein, ein Betrüger >var er gewiß nicht. Daß die Legirung, welche er aus „krankem Golde" (so nannten die Adepten alles unedle Metall) herzustellen wußte, echtem Edelmetall zumindest täuschend ähnlich sah, steht außer allem Zweifel. Auch spricht der Gebrauch, den er von seinen Schätzen machte, gegen die Annahme, Sehfeld sei ein bewußter, selbstsüchtiger Schwindler gewesen. Hatte er ja erst dadurch, daß er mit vollen Händen spendete, daß sein Haus Bedürftigen stets offen stand, daß er für arme, durchreisende Glaubensgenossen den schmählichen Leibzoll erlegte, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Nach einem Jahre fand der General v. Engelshofen Gelegenheit, der Kaiserin persönlich vorzustellen, daß der Mann unschuldig leide. Seine warme Fürsprache hatte aber nicht den gehofften Erfolg, da Maria Theresia auf der Enthüllung des Sehfeld'schen Geheimnisses bestand. „Nur das," erklärte sie, „werde sie von der Redlichkeit des Adepten überzeugen können." Auch Kaiser Franz, ein großer Verehrer der Alchemie, wollte um jeden Preis Sehfelds Kunst ergründen Er hoffte, der Goldmacher werde in der Freiheit geneigter sein, seine Methode zu offenbaren, und erwirkte deshalb seine Entlassung aus der Festung. Allein Sehfelds Freiheit war nur eine scheinbare; zwei lothringische Offiziere, die dem Kaiser überaus ergeben waren, mußten den Adepten fortwährend begleiten und über Alles, was er that. Rapport abgeben. Anfangs that Sehfeld, als merke er nicht, daß er bewacht werde, und unternahm — natürlich von seinen Begleitern gefolgt — größere Reisen, wobei er in Italien mit Ahron Jesse, dem Neffen seines Meisters, zusammengekonnnen sein soll. Nach einigen Monaten kehrte unser Alchemist in das stille Rodaun zurück und heirathete Johanna Friedrich, nachdem sie zum Judenthum übergetreten war. Bald darauf war Sehfeld mit seinem jungen Weibe und seine» zwei Begleitern verschwunden. Die sorgfältigsten Nachforschungen in England, Holland und der Schweiz ergaben kein Resultat. Es wurde von den Zeitgenossen nicht ohne Grnnd angenommen, Sehfeld sei ein echter Adept und habe sich daher leicht die Mittel zu verschaffen gewußt, seine Wächter zu bestechen und sich ihres Stillschweigens zu versichern. Der Kaiser machte gute Miene zum bösen Spiel und that so, als hätte ihm niemals an der Erforschung des Sehfeld'schen Geheimnisses etwas gelegen. Bei Gelegenheit einer Jagd kehrte er ins Rodauner Badehaus ein und suchte von dem alten Friedrich Näheres über Sehfeld und dessen Treiben zu erfahren, wobei er die Aeußerung fallen ließ: „Auch bei diesem Adepten laufe schließlich Alles doch auf einen Betrug hinaus." Der Bademeister vertheidigte seinen Schwiegersohn und rief in possirlicher Begeisterung aus: „Majestät! lind wenn der liebe (flott vom Himmel käme und spräche: „Du irrst! Sehfeld kann kein Gold machen!" so wollte ich ihm antworten: „Du lieber Gott! Es ist gleichwohl wahr! Ich bin davon so gewiß überzeugt, als Du mich geschaffen!" Noch zweimal tauchte Sehfeld auf. Er zeigte sich erst in Amsterdam und dann in Halle, wo er einem Apothekergehilfen Reussing eine Quantität grauen Pulvers, das er Gradirglas nannte, auf Baumwolle und in Papier gewickelt übergab, mit der Weisung, Silber zu schmelzen, das Papier auf das fließende Silber zu werfen und dieses dann anszugießen, wodurch das Silber in Gold verwandelt wiirde. Reussing that, wie ihm geheißen, und das Experiment gelang vortrefflich. Als der Apotheker nun zu Sehfeld eilte, um ihm von dem erfreulichen Erfolge Mittheilung zu machen, war dieser bereits abgereist. Die Vergangenheit hatte ihn Vorsicht gelehrt, und so eilig war seine Flucht aus Halle, daß er einen noch rauchenden Tiegel auf dem Herde zurückließ. Von da an verschwindet jede Spur des seltsamen Menschen, den die Geschichtsschreiber der Alchemie zu den wenigen Adepten zählen, welche als wahr gegolten haben. Kein Anderer als Sehfeld ist es, der Friedrich Halin, wie dieser selbst bekennt, bei seinem „Adepten" vorgeschwebr. Wahrscheinlich

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