Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
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Seiten wird er durch Reizmittel künstlich wach gehalten, weil sie mit seinem Aufhören in ihrer Existenz bedroht wären. Der Antisemitismus wird aber auch mißbraucht und auf seine Rechnung manches gestellt, was mit ihm ganz und gar nichts zu thnn hat. Hierdurch erhält er nur neuen Zuwachs. „Wenn schon, denn schon", sagt sich so Mancher, der unschuldig des Antisemitismus beschuldigt wird. Daß die Wohlthütigkcit der Juden zum Gegenstände heftiger Angriffe von antisemitischer Seite gemacht wird, ist kein Novum; neu dürfte es jedoch sein, daß die philanthropischen Großthaten des Baron Hirsch vor einigen Tagen in einer Versammlung als „gewinnsüchtige Spekulationen" stigmatisirt wurden. Methode ist doch in diesen: Wahnsinn. Damit soll für jene Nichtjuden eine Schutnnaucr aufgerichtet werden, die ungezählte Millionen besitzen, ohne sich von dem Elend ihrer Mitmenschen irgendwie anfechten zu lassen. Unzählig sind die Schaden, welche der Antisemitismus auch indirekt anrichtet. So würde in der eigenen Mitte manches mit den schärfsten Waffen bekämpft werden, lüge nicht die Angst nahe, hierdurch nur Wasser auf die Muhle des Antisemitismus zu führen. Die Einberufung eines Kongresses seitens des hiesigen Kultusvorstandcs erführt eine verschiedenartige Interpretation. Im Alkgemeinen wird gesagt: Sehe Jeder darauf, daß es im eigenen Haushalt gut bestellt sei. und ein wohlthliendes Behagen wird überall bemerkbar sein. Tie Weltverbesserer haben selten zum Weltwohle beigetragen. — Ich komme noch auf diese Einberufung zurück. Das neu entworfene Gemeindestatul hat noch nicht die behördliche Genehmigung erhalten. Der Vorstand amtirt interimistisch, bis eine legale Vorstandswahl wird statlfinden können Anstalt, wie es die einfachste ^ogik verlaruzt, die Erledigung wichtiger, prinzipiell zu erwägender Angelegenheiten bis dahin in snspeno zu lassen, schafft der interimistische Vorstand mit nervöser Ungeduld faits nccomplis, welche dem späteren, definitiven Vorstande voraussichtlich viel zu schaffen geben werden. Zum Heil der Gemeinde würde es gereichen, wenn es bei der nächsten Wahl gelänge, aus der Urne Männer von selbständigem Charakter und zielbewusstem Wesen hervorgehen zu lassen. Aufsehen erregte es in den dafür sich interessirenden Kreisen, daß der um die österreichische Judenschaft hochverdiente Reichsrathsabgeordnete, Sektionschef R. v. Gniewosz, aus dem Präsidium der Baron Hirsch'fchen Stiftung getreten ist. Wie ich höre, sind /.es prinzipielle Motive, welche Herrn v. Gniewosz zu diesen: Schritte veranlaßten. — Nächstens mehr darüber. U Beiträge zur Kenntnih Michael Meers. Von Dr. G. Manz in Karlsruhe.') I. Lcers Persönlichkeit, religiös-sittliche wcltanschaung, Verhältnis; zum Judenthum. „Dem Dichter Beer ist ein schönes Loos gefallen. Wo er hintrat, war ihm meist der Weg bereitet, geebnet und mit Kränzen des Ruhms bestreut. Die abschreckende, spukhafte Gestalt der Roth und Dürftigkeit mit der so Viele gerungen habe», dis der Athcm, das Talent, die Lebens kraft ihnen onsgingcn, trat ihm ans keinem Plinkte seiner wohlgemnthen Wanderung entgegen. Er hatte n.icht nöthig, sich zu verthun und sein Talent in de» verschiedensten Richtungen zu verzetteln. Er konnte seinen ebenen geraden Weg verfolgen; nirgends führte ihnein Pfad abseits, wo auf dem Wegweiser stand: Hier ist der Brodweg!. ., Darum hat seine Sprache einen so sanften Fluß, der Rhythmus einen so melodischen Fall; darum hat seine Szcnenfolqe einen so maligen, wohlbcrechneten Fortgang, darum entbehrt die Charakteristik seine, Helden und Heldinnen auch des geringsten Maßes von Schroffheit, aller jähen Abstürze und genial gewaltsamen Emporschnellnngen.' In diesen Worten hat bald »ach dem Tode des zu früh dahingcschiedene» Poeten, der kaum das 33. Lebensjahr erreichte, Hermann Marggrai die Summe seines dichterischen Schaffens gezogen. (Gesellschaft,, 1835, Rr. 208, Beilage.) In psychologisch richtiger Weise wird dabck auf die Bedingung seiner Eigenart, auf sein wohlhäbig sorgloses, voller Muße gewidmetes Dasein hingcwiescn. Michael Beer ist in der That eine der anziehendsten und persönlich sympathischsten Erscheinungen unter den Dichtern d« ersten Dezennien unseres Jahrhunderts; ein liebenswürdiger und witziger Gesellschafter, ein geschmackvoller und fcingebildeter Weltmann, ein offener Charakter mit dem ausgesprochenen Bedürfnis; familiäre, und freundschaftlicher Hingebung. Männer der verschiedensten Wescnhei,. Ausländer, wieder Maler Gcrard, der SchriftstellerDelnvigne, Einheimische, wie vor Allem der strengkatholische baierische Minister und Dichter Eduard von Schenk, der protestantisch kernhafte Jmmerman» haben mit Freude lind Stolz den Jiidcn Michael Beer ihren Freund genaiint. Es sei hier nur flüchtig an das dauernde Denkmal dc> Düsseldorfer Freundesbunds, an den von Schenk veröffentlichten „Becr- Jnimcrmann'schen Briefwechsel", an die herrlichen Dcnlworte in de» „Memorabilien" erinnert. Ans das Eigenthümlich-JntereffantedesVei hältnisscs zu Schenk habe ich bereits, auf Grund nngedrucktcr Korrespondenzen, andererorts hingewiesen (Münchner Allgemeine Zeitung von: 8. Rov. 1890, Beilage). Ich habe dort eine Briesstelle König Lud wigs nicht mitgetheilt, die, an Schenk gerichtet, gerade in vorliegenden: Ziisamincnhang intereffant sein dürfte. Nach der Erhebung Schenk zum Minister schreibt der König unterm 14. September 1828 in einem eigenthiimlich krausen Stil: „Wenn der Minister wenige, Umgang mit dem durch Talent rmd Benehnien ausgezeichneten Israeliten Michael Beer haben sollte als der Ministcrialrath gehabt, würde auf mich unangenehinen Eindruck hervorbringc». (Vgl. Heigel. Ludwig!. S. 398.) Derartige Huld mußte bei Ludwig, der bc kanntlich kein Anhänger der vollen Jndcueinanzipation war, gcwin verdient sein. In der That, Beer verdiente sie. Eine aninnihige Vereinigung menschlich schöner Eigenschaften, vor Allein die Erbstücke seines Vaters Güte und Wohlthnn, gaben seinem Charakter Ebenmaß. Jeder Prun! in sittlichen Dingen war ihm so verhaßt, wie der Luxus im Alltags leben angenehin und erwünscht. Auch erbat, wie sein Bnter, bedeu tende Summen an einzelne Rothleidcnde, namentlich Künstler, sowi? für öffentliche Anstalten gespendet, ohne daß dieselben kn Namen des Gebers erfuhren. Noch heute erhalten Maler und Bildhauer israelitischer Abkunft ansehnliche Stipendien ans einer Michael Bccr'schen Stistung. Der Bescheidenheit und Prnnklosigkeit, dem Ideal der au re» nieckioeritas, hat er u. A. auch in verschiedenen seine (erst nach seinem Tode erschienene» imd leider ganz nnbckannten) Gedichte das Wort geredet. Voraussetzling eines sorglosen Daseins war ihm aber das Freisein von Schuld, die sittliche Lebensführung „Angceignet hatte er sich eine strenge Rechtlichkeit selbst in den im bedeutendsten Dingen, eine Wahrhaftigkeit, die nicht der kleinsten Lüge, nicht einmal im Scherze fähig war." (So der allerdings etwas panegyrische Schenk in der Lebensskizze vor den „Sämmtlichcn Werken".) Wenn aber der streng kirchliche Biograph seinem Freund einmal den Borwurf zu machen wagt, cs habe ihn ein genügsamer ') 'Aus Materialien zu einer Biographie des Dichters.