Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1892)
- Date
- 1892-08-12
- Page
- Seite 3 (sequence 13)
- Language
- German
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Wie ihig es ist, daß die Rabbiner gegenüber der Regierung irgend eine nretung haben, damit nicht über denselben Gegenstand die diverndsten Ansichten laut werden, mag aus einem geringfügigen Vornnmiß erhellen. In einer größeren jüdischen Landgemeinde ist eine lsschule mit zwei Lehrern. Der eine unterrichtete am Nachmittage Rüsttages zum Pessachfeste, der andere nicht. Dies gelangte zur nntniß der Regierung, worauf dieselbe Veranlassung nahm, die vier ibbiner des Kreises darüber zu befragen, ob es religionsgesetzlich mtässig sei, an diesem Nachmittag zu unterrichten. Während zwei inner es einfach verneinten, wollte es der dritte als rituell wünschensrlh angesehen wissen, während der vierte es geradezu als rituell statthaft bezeichnete. Wer erinnert sich da nicht der famosen Frage, Thoravorlesung zum Gottesdienste gehöre oder nicht? Wenn die rbbiner jedes Kreises abwechselnd für einen gewissen Zeitraum sich tu Obmann wählten, der in solchen Sachen eine einheitliche Enterung veranlaßte, um wie viel besser stände es um das Ansehen der ibbiner selbst und der von ihnen vertretenen Religion! >l. Aus Bayern, 15. August. In Bayern wird seit vorigem ihre gemäß den Bestimmungen der neuen Schulordnung beim riitlichenAbiturientenexamen auch aus der Religion geprüft. Für ' Protestanten und Katholiken kommen die Prüfungsaufgaben wie für anderen Fächer so auch für die Religion aus dem Ministerium; für jüdischen Schüler giebt sie der betreffende Religionslehrer. Hätten r irgend eine centrale Vertretung, so könnten wir auf diese unangenehme vorzugung verzichten. Zur Prüfungskommission gehören außer dem Nor die Ordinarien der vier obersten Gymnasialklassen und diejenigen ner, welche im Laufe des Schuljahrs an der Oberklasse ein Pflichtig unterrichtet haben. Manche Rektoren glaubten nun, nur Lehrer im ulvtamte, aber nicht im Nebenamte, wie die meisten jüdischen Neligionsiier an den Gymnasien sind, hätten das Recht der Mitgliedschaft bei . Prüfungskommission. Auf - erhobene Beschwerde seitens eines Ullüners erging eine Verfügung der Regierung zu N. N., deren Tenor itet: „Im Hinblick auf den klaren Wortlaut der Bestimmung des >>, Ziffer 2 der k. Allerhöchsten Verordnung vom 23. Juli 1891, Schulordnung für die humanistischen Gymnasien im Königreich nent betreffend, kann es keinem Zweifel unterliegen, daß der israelitische ngionslehrer der Oberklasse des Gymnasiums gleich den übrigen ligionslehrern, welche in der Oberklasse während des Schuljahres nfächer, die Prüfungsgegeustände bilden, behandelt haben, zur nfungskommission für das Gymnasialabsolutorium beizuziehen ist. mad) hat das k. Rektorat das Weitere zu veranlassen, insbesondere ev den Rabbiner N. von vorstehender Entsä)ließung geeignet zu mündigen." Oesterreich - Ungarn. * Wien, 4. August. Von einem herben Schicksalsschlag ist unser dn'ter Prediger Herr Dr. Jellinek betroffen worden. Dienstag ergens ist in Baden seine Gattin, Frau Rosalie Jellinek, im Alter W Jahren plötzlich gestorben. Frau Jellinek, geborene Bettelheim, Budapest geboren, war eine Dame von reicher Herzens- und Geistesleuug. Es machte ihr stets Freude, Armen Gutes zu thun, und im llen hat sie vielfach wohlthätig gewirkt. Gestern fand das Leichengräbniß unter großartiger Betheiligung der Bevölkerung statt. Der odener Ortsfriedhof konnte die große Anzahl der Trauergäste kaum :eit und die fast unabsehbare Wagenreihe staute sich zu wiederholten ulen. Die Trauerrede hielten die Rabbiner W. Reick) und Oberrabbiner Güdemann, den Trauerchoral sang Oberkantor Dinger. * Wien, 6. August. Der österreichische klerikal-konservativ-chrisilich ialistisch-antisemitische Abgeordnete Dr. Lueger, einst auch liberal d demokratisch, scheint bei seinen gegenwärtigen katholischen Parteinossen abgewirthschaftet zu haben, wie dies bisher bei allen Parteien, er mit seiner Zugehörigkeit bloßstellte, der Fall war. Wie ihn erst lgst die Sozialdemokraten verhöhnten und aus ihren Versammlungen auswarfen, schüttelt jetzt die feudal-klerikale Partei den in allen urben des Regenbogens schillernden „Politiker" von sich ab. Es wird nämlich gemeldet: Das „Vaterland" richtet einen Absageartikel Lueger und erklärt dessen Behauptnng, das Blatt selbst, sowie die nnkalen Abgeordneten seiner Richtung seien im Dienste der Regierung, für eine Verdächtigung. Es warnt zugleich die Volkspartei, die mit den ernsten Katholiken nichts gemein habe, Luegers Bemühungen, an der Hand des Antisemitismus die heterogensten Elemente zusammenzukoppeln, seien vergebliche. Jedenfalls können die Wähler des fünften Wiener Bezirkes auf ihren Abgeordneten außerordentlich stolz sein. Diese Leuchte des Antisemitismus, die nach dem Tisza-Eszlaer Prozesse von den Juden noch eine Busennadel zum Geschenk annahm, welche jüdische und christliche Glaubens-ymbole vereinigte, die sich dann später mit dem Fürsten Lichtenstein und dem berüchtigten Abgeordneten Mechaniker Schneider verband, um gegen die Liberalen zu hetzen, und die mit den Tschechen Hand in Hand ging, um den Deutschen bei den Wahlen in Wien ein Bein zu stellen, ist eine Spezialität, wie sie kein anderes europäisches Parlament besitzt. Frankreich. * Paris, 9. August. Frau Severine antwortet im „Figaro" auf die Angriffe katholischer Blätter, daß ihre Audienz beim Papst von Paris aus nachgesucht worden sei mit der ausgesprochenen Absicht, den Papst für den „Figaro" über den Antisemitismus zu befragen. Der Kardinal-Staatssekretär Rampolla habe zustimmend geantwortet, daraufhin sei Frau Severine erst abgereist. Die Audienz sei eine private gewesen und habe 70 Minuten gedauert. An demselben Tage noch habe Frau Severine ihren Bericht aufgesetzt und am folgenden Tage denselben Rampolla vorgelegt. Dieser habe sie ersucht, vier Zeilen, die vielleicht dem Papst unangenehm sein könnten, zu streichen. Dies sei auch geschehen. Wörtlich, wie der Bericht den Vatikan verlassen, sei er daun abgedruckt worden. Großbritannien. * London, 2. August. Die hier bestehende und gedeihlich wirkende „Anglo - Jewish - Assoeiation" hat dem König von Rumänien während dessen letztem Aufenthalte in London folgendes Memorandum überreicht: „Mit tiefster Ehrfurcht wagen wir es, Ew. Majestät folgendes in Erinnerung zu bringen: 1. Der oberste Gerichtshof in Rumänien hat beschlossen, daß selbst die in Rumänien geborenen Juden, deren Eltern sich keines fremden Schutzes erfreuten, als Fremde zu behandeln seien. 2. Die Juden sind der Militärpflicht unterworfen, doch ist es ihnen durch ein von beiden parlamentarischen Körperschaften genehmigtes Gesetz verwehrt, zu avaneiren. 3 Dieselben sind von allen offiziellen Stellungen, sowie von einer ganzen Reihe von Erwerbszweigen ausgeschlossen. 4. Die Juden können in keine technische Schule eintreten, wiewohl diese Anstalten aus solchen Fonds erhalten werden, zu welchen auch die Judenschaft beizutragen verpflichtet ist. 5. Von über 3000 Gesuchen zur Erlangung der Staatsangehörigkeit, welche dem Abgeordnetenhause von Juden vorgelegt wurden, hatten nur deren zehn einen Erfolg. 6. Eine Viertelmillion rumänischer Juden steht rechtlos vor dem Gesetze. Unter diesen Umständen bitten wir Ew. Majestät in tiefster Ehrfurcht, die Lage der Ew. Majestät untergebenen Juden in günstige Erwägung ziehen zu wollen, und wagen dies in der festen Ueberzeugung, daß wir kein Recht oder kein Privilegium von Ew. Majestät erflehen, welches den Bestimmungen des Berliner Vertrages zuwiderläuft. Auf das inständigste bitten wir Ew. Majestät im Interesse der Humanitär und des Rechtes, durch Ihren Einfluß und Ihre hohe Autorität Ihre jüdischen Unterthanen von der Unthätigkeit zu befreien, zu welcher sie unter den heutigen Umständen verurtheilt sind. Wir glauben, daß dies ein Tribut ist, den man der höchsten Barmherzigkeit schuldet, und sind sicher, daß dieser Weg ebenso zur gedeihlichen Entwicklung des Landes, wie zum unsterblichen Ruhme Ew. Majestät beitragen würde. Diese erhabene Handlungsweise würde nicht nur Ew. Majestät jüdische Unterthanen, sondern alle Juden der ganzen Welt zu unauslöschlichem Danke gegen Ew. Majestät und das königliche Haus verpflichten. Wir bitten den Allmächtigen, er möge Eure Majestät segnen mit Gesundheit und langem Leben, um eine loyale, dankbare und emporblühende Nation einer großen Zukunst entgegenzuführen." Unterschrieben sind: Arthur Cohen, Präsident der jüdischen Deputirtenkammer Julian Goldsmid, Präsident der Anglo-Jewish-Association. Rothschild, Vizepräsident der Anglo-Jewish-Assoeiation. Rußland. 88 Petersburg, 8. August. Mit der Einführung der neuen Städteorduung in Rußland sind die geringen Rechte der russischen