Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1892)
- Date
- 1892-08-12
- Page
- Seite 396 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Hemdsärmeln, umringt voll der frohen Jugend. Und als der alte Schulmeister sich in mir regte und ich naher trat, da sprach ich aus vollen! Herzen: „Boracli ineschanne haittim!“ Gelobt sei, der die Zeiten ändert! Jüdische Kinder waren es, sog. Halb-Kolonisten, die täglich, mit Ausnahme von Sonnabend und Sonntag, von Hause mit der Pferdebahn, von der Jmmowitzbrücke mit den! Dampfschiff nach Treptow fahren, dort zuerst landen, Milch trinken, spielen, Abeudbrod essen und dann wieder nach Hause zurückkehren. Das zu sehen, mich mit ihnen zu freuen, war mir ein größerer Hochgenuß als alle Ihren Geheim- und Konunerzienrathen in Karlsbad, und das Vergnügen war auch — billiger. Wer das Leben unserer Jugend in einer Weltstadt wie Berlin kennt, wie sie das ganze Jahr gehetzt werden, eine halbe Stunde zur Schule und nach dem Unterricht die häuslichen Arbeiten; wie da die zarten Knospen ihre Köpfchen hängen lassen, sobald der Sommer kommt mit seinen heißen Strahlen, der lnuß es den wackeren Männern, die die Ferienkolonien ins Leben gerufen und halten, Dank wissen, daß sie so Großes gewirkt. Es waren aber Kinder frommer Eltern, Lehrer und Studenten der orthodoxen Richtung, die ich in den neun Trauertagen in fröhlichen Spielen beobachtet und die hier ein größeres Berdienst sich erwerben, wie durch die traditionelle Beobachtung der „neun Täg." Beneiden Sie mich um so interessante Beobachtungen? — Nun wohl, — ich bin kein schlechter Mensch: Im nächsten Jahre lassen Sie mich nach Karlsbad fahren und Sie reisen nach Stralau- Rum melsburg. Mrs rollen. I ssah Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Wie Herr Zimmermann in Nr. 30 Ihres geschätzten Blattes richtig bemerkt, ist die Legende von Rabbi Akiba nur als mythologische Dekoration zu betrachten. Im Allgemeinen aber wird diese Legende als Hauptquelle betrachtet, wonach man glaubt, daß das Kaddisch Jossom die Sünden des Verstorbenen sühnt, selbst wenn es von solchen Kindern gesagt wird, welche die mosaischen Gebote nicht beachten, oder denen gar, weil sie die hebräische Schrift nicht lesen können, das Kaddischgebet mit deutschen Buchstaben vorgeschrieben werden muß. Prof. Grätz weist in seinem „Gnostizlsmus und Judenthum" nach, daß Rabbi Akiba nicht nur als Schriftgelehrter, sondern auch als Philosoph seinen jüdischen Zeitgenossen galt und, wie im Talmud (Kiduschim 40!») erzählt wird, sich durch Weisheit auszeichnete. Der Name Akiba wird daher entweiht, wenn man ihm einen solchen Aberglauben in den Mund legt, da es auch wissenschaftlich nachgewiesen ist, daß alle ihn! zugeschriebeuen Werke, namentlich kabbalistischen Inhalts, späteren Ursprungs sind. — Daß die Massechet Kallah zum Talmud gehört, ist wohl selbstverständlich und bedarf keines Nachweises. Da aber im sechsten Jahrhundert der Talmud geschlossen wurde, so fährt die viel später geschriebene, ebenfalls sich nennende Massecheth Kallah unter falscher Flagge und wird darin der Name Akibas gefälscht. Nach allen diesen Erörterungen ist wohl gegen den Ausspruch des Professors Steinthal, daß das Kaddisch Jossom blos Sache des späteren Aberglaubens sei, kein Einwand mehr zu erheben. Zur Orientirung über die messianische Zeit — ohne kabbalistische Zuthat, — empfehle ich Herrn Zimmermann „Jad Chasaka Malachim" (Abschnitt 11 und 12) Hier wäre auch ein alter Witz anr Platze: Kaddisch Jossom ist ein Jossom ohne Vater und Mutter, weil es weder im Talmud noch in späteren Schriften einen Grund hat Die erste Spur finden wir etwa im 13. Jahrhundert. Hochachtend Lissa, 31. Juli 1892. F. Goldschmidt. * Karl Emil Franzo s gegen den obligatorischen Reiß g i o n s unt er r!ch t. In einer Skizze, „Der Netter", erzählt K. E. Franz« im „Magazin" die Geschichte eines jungen polnischen Anarchisten, d» seinen Pflegeeltern zu Liebe sich beutliht, wieder fromm zu werden, uni ihm aber schon deshalb schlecht gelingt, weil ihm der Katechet des Gm>« nastums, dem er seine Gewissenszweifel vorträgt, mit einer „Dritte il Sitten" droht, wenn er sich nicht sofort für überzeugt erkläre. Frankl fügt hinzu: „Auch dies halte ich nicht für erfunden; inein eigen! Religionslehrer hat einem meiner Mitschüler 1866 in meinem Bei!eil eine ganz ähnliche Antwort gegeben. Wenn Sie nicht sogleich an Woi glauben, gehe ich zum Herrn Direktor"; daß der Mann Rabbiner iua| ist ja nur ein äußerlicher Unterschied." * Der Baum der Versuchung und der Apfel des Paradie s Interessant ist die Art, wie in den verschiedenen Ländern die Kunst Del Baum der Versuchung und die Frucht des Paradieses darstellte. Zuq Apfel des Paradieses wird zumeist jene Frucht, die int Lande selten uDei wenn auch heimisch, besonders ihres Werthes wegen geschätzt wird. )i Griechenland wird der Eva die Feige in die Hand gegeben, in Jtade die Feige oder die Orange; die alten Maler aus Burgund und Chan pagne, den Ländern der guten Weine, lassen die Verführerin ihrem ®aite| eine Traube oder eine mit Trauben behängte Weinrebe reichen. In dl Bretagne und in der Normandie, den Ländern des Eiders oder Apb weins, wo, wie wir aus Merlin und den ältesten Barden wissen, r Apfelbaum im höchsten Ansehen stand und die Anzahl der Apfelbämi! auch den Reichthum und das Ansehen des Besitzers bestimmten, ist Baum der Erkentniß der Apfelbaum und hält Eva einen gewöhnt Apfel in der Hand. In andern nördlichen Provinzen Frankreichs, Di nicht Eider trinken, in deren Klima nur der Kirschbaum fortkommt, in der That auch dieser den Baum der Erkenntniß dar und muß w Adam durch eine Kirsche verführen lassen. Es ist allerdings wahr, dal die ältesten niederländischen Maler der Eva die Feige in die Hand gabe| — hier aber ist es eben die Seltenheit der Frucht, die sie kostbar an zur Paradiesesfrucht macht — da das Land selbst sich durch keine 6efonr Fruchtart auszeichnet. Wo dies der Fall war, griff mcm immer zu den e Südfrüchten, und nördliche wie südliche Maler wählten die Feige uDi Orange. Ueberhaupt mußte der Süden liefern, was außerordentti himmlisch, paradiesisch war; darum giebt Vau Eyk seinen Engeln m Flügel aus Papageienfedern. * Jüdische Offiziere giebt es in der französischen Arm etwa 500. Unter ihnen befinden sich der „K. Z." zufolge 77 Levy, Dreyfus, 21 Mayer, 17 Weill, 15 Salomon, 5 Abraham. In den Höhen Stellen sind unter ihnen der Divisionsgeneral Hinstin, Kommandanl uo| Verdun, und fünf Obersten, die meist der Artillerie angehören. Noch vi wenig Jahren war die Zahl der jüdischen Generäle sehr viel gröb' doch sind die meisten in Folge Erreichung der Altersgrenze seit Kuue in die Reserve übergetreten. Von ihnen leben noch die Divisionsgennä Lambert, Levy und See, sowie die Brigardegeneräle Brisae und Abrak.ni Die Km!. « tuiheilv o! o n i e vug ers e: der l 'umden, iret wc 1 vniufe ose di in Kap raerhm Heu da iu r An oc viel an Har NN Sal Mi |ivu|ufd) du eni 'mig;i der 1 verleg! iv dies lästern emt jei II den! r ein,> u denk nuser Abzüge 0 doch v beiter ucr, i [soDen k i jene ’ivu I. nndwel jei re heu. mic.w Der Reserve sollen weit über 500 Offiziere angehören. In der Söul»mindeste! * von St. Eyr befinden sich augenblicklich 15 jüdische Zöglinge. * Kaiser Friedrich — Antisemit. Aus Rumburg schreibt utap''! den „Freien Blättern": Der alte Widersacher des Fürsten Bisnum Herr v. Diest-Daber, behauptete neulich, die Feldmarschälle Graf Meli! und Freiherr v. Manteuffel hätten seine Bestrebungen zur Bekämpnnl der „Korruption der Bislnarck'schen Aera" unterstützt. Ja, Diest-De.b wagte sogar zu behaupten, Kaiser Friedrich hätte sich als Kronpr für ihn interessirt und seine Jdiosinkrasie gegen die „verderbliche Gesa! des Anwachsens der Geldmacht" getheilt. Die „Rumburger Zeilm' betet sonst Bismarck an, aber eine Konsequenz ist niemals die starke St der Antisemiten gewesen; diesmal schwört sie auf den Bismarck-Aubcle und ruft triumphirend aus: „Kaiser Friedrich — Antisemit!" Wir ob, glauben Herrn v. Diest-Daber, wenn er den Charakter des Kaisers Friedr verdächtigt, ebenso wenig, als wir die Geschichten ernst nehmen, die von Bismarck zu erzählen weiß. Nein, der edle Fürst, welcher dj Antisemiterei als „Schmach des Jahrhunderts" verurtheilt, war trotz Daber und der „Rumburger Zeitung nichts weniger als ein AntiserniW'ü ein, —• --r—7 ■-^-- »io Aest Druck und Verlag von Rudolf MoNe m Berlin «ewoun men r die > verze an ein, niiirlid im La inn un io Erst oiite b( aidittg] •cntfe "auwe Z iffcnfi )us Tv! u fön Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauch Witz in Berlin.