Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Auf die Frage: Wo sollen wir uns eine geistunb gemüthbildende Kost des jüdischen Lebens holen, kann der junge, aber strebsame „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" mit den Worten der Haggadah antworten: Jeder Hungrige komme und ich will ihn laben, jeder Wissensdurstige eile her und ich will ihn mitdemBrode ich öngeistiger Unterhaltung letzen. Der „V e r e i n f ü r j ü d i s ch e G e sch i ch t e and Litteratur", der in der kurzen Zeit seines Bestehens sich als ein wringendes Bedürfniß erwies und schon manchen fruchttragenden Samen in die Furchen des jüdischen Geistes gestreut, besitzt seit einiger Zeit ein schmuckes Heim in der Chausseestraße, das nicht verfehlen wird, ein Anziehungspunkt für alle die zu werden, die mit Interesse die Entwickelung wes jüdischen Lebens verfolgen. Wir haben endlich eine Einrichtung, die von Vielen schmerzlich vermißt worden ist: ein jüdisches Lesezimmer. — Der zweite Vorsitzende des Vereins, Herr Julius Jsaae, ein edler Mäcen in des Wortes bestem Sinne, hat diesem Zwecke ein behagliche stutze athmendes Zimmer gewidmet und es mit einem das Auge und den ästhetischen Sinn angenehm berührenden Komfort ausgestattet. Ueber was Ganze ist ein Friede und eine Behaglichkeit ausgebreitet, die unwillkürlich zu ungestörtem, geistigem Genüsse laden. Ueber der kleinen Schöpfung scheint der Wahlspruch „klein, aber niedlich" zu stehen. Die Wände finb mit reizenden goldumrahmten Gemälden wie bedeckt, der Fußboden mit Ämtern Teppich belegt, und das Mobiliar bildet mit diesem luxuriösen Zubehör eine stilvolle Einheit. Von ebenso seinschmeckender Art sind die Leckerbissen, die da auf der Tafel des Leseschmauses aufgestellt sind. Jüdische Journale und Zeitungen aus aller Herren Länder präsentiren sich, und Utmit wird man ein Juden beherbergendes Land entdecken, das dort der journalistischen Vertretung ganz entbehrte. Damit aber der Blick durch wie rein jüdische Lektüre für andere Dinge nicht getrübt werde, finb neben wen tonangebendsten Tagesblättern derReichshauptstadt noch einige der vornehmsten Wochen- und Monatsblätter zu ihrem Rechte gekommen. Vervollständigtwird dasZeitungskabinetnoch durch eineAnzahlder hervorragendsten Werke der jüdischen Geschichte, wie von Grätz, Geiger, Karpeles u s. w. Was nun zu wünschen wäre, ist ein recht zahlreicher Besuch, der den ausgestellten Schaugerichten wacker zuzusprechen geneigt ist. 11 Tr. Berlin, 1. August. Fast alle jüdischen Blätter nahmen die in der „Köln. Ztg." veröffentlichte Meldung von der Abschiedsaudienz wes beim Sultan beglaubigten amerikanischen Gesandten Hirsch, der jüdischer Konfession ist, auf. Die zionsfreundlichen Blätter druckten den kurzen Bericht beinahe vollständig ab, machten sich aber durch Weglassung des sehr wichtigen Schlußwortes, von dem die Herren im zionistischen "ager eben nicht erbaut sind, einer Unterschlagung schuldig, an der wir der schlimmen Folgen wegen, die dieselbe haben kann, nicht stillschweigend vorübergehen dürfen. Herr Hirsch dankte besonders für das freundliche Entgegenkommen, das der Sultan gegen die in andern Ländern verfolgten und bedrückten Juden bewiesen habe, worauf der Herrscher die unterschiedslos gleiche Behandlung seiner Unterthanen ohne Rücksicht auf deren Religion betonte und den verfolgten Juden die Niederlassungsfreiheit in seinem Lande ungeschmälert weiter zu gewähren versprach, wenn sie sich zerstreuten. Wohin die Schlußbemerkung zielt, ist allen mit den Verhältnissen Vertrauten klar. Der Sultan will die Juden überall, mu nicht in Palästina — wenigstens nicht in größerer Zahl — zulassen. Das müssen jene Herren ebenso gut wissen wie wir, und wenn sie trotzdem den letzten Passus unterdrücken, so wollen sie auch jene Auslassung des Sultans in den Dienst ihrer propagandistischen Zwecke stellen, denen aber mit der Schlußwendung wenig gedient ist. Die Palästinabegeisterung in Ehren, wenn man aber mit so zweideutigen Mitteln, ohne die schrecklichen Konsequenzen abzuwägen, für die Kolonisation des heiligen Landes arbeitet, so darf man sich nicht wundern, wenn man solches schweres Unglück heraufbeschwörendes Gebühren öffentlich festnagelt. Wo, fragt man, bleibt die Liebe zu den Glaubensgenossen, wenn man in so rücksichtsloser Weise den Gimpelfang betreibt? In Wahrheit enthält jene Eröffnung nichts weniger als eine Einladung zur Ansiedelung int gelobten Lande, sondern eher eine nachdrückliche Warnung davor, und alle diejenigen, die die Unwissenheit der Aermsten so schmählich rnißbrauchen, nlachen sich eines unverantwortlichen Frevels schuldig. * Berlin, 2. August. Eine interessante Aeußerung hat der berühmte .Kunsthistoriker Geheimrath Professor Hermann Grimm für den „Antisemitenhammer" gegeben: „Ich habe von meiner Jugend an das Glück gehabt, mit Juden und Männern jüdischer "Abkunft zu verkehren, und es sind daraus Freundschaften erwachsen, die ich zu meinen kostbarsten Besitzthümern zähle. Ideale Gesinnung, Höhe der geschichtlichen Anschauung, Fleiß und geistige Produktions-Kraft traten bei ihnen in gleichmäßiger Reinheit hervor." * Berlin, 2. August. Wie man uns aus Prag mittheilt, hat dort auf Einschreiten der Kultus-Gemeinde-Repräsentanz die Staatsanwaltschaft die Broschüre „Inden-Bordelle" konfiszirt und die Konfiskation wurde vom Gerichte bestätigt. * Berlin, 8. August. Graf Otto Moltke, Major a. D., zuletzt im Großen Generalstabe, erklärt in einem Schreiben, 4. 4. Norderney, 80. Juli, daß er „weder den zweifelhaften Vorzug besitze, den Herrn Rektor Ahlwardt, noch „Ahlwardt's Ende" zu kennen, noch jemals mit dem Erstgenannten Beziehung ge' sucht oder unterhalten zu haben", sowie daß er seit mehr als Jahresfrist Berlin und seine dortige Wohnung in der Lüneburgerstraße 4 verlassen habe. Die scharfe Abweisung aller und jeglicher Beziehungen zu Ahlwardt freut uns um des reinen und großen Namens Moltke willen; jetzt bleibt nur die Frage, welcher Graf Moltke dem Rektor a. D. die Schriften des verstorbenen Geueralfeldmarschalls gewidmet hat. Oder sollte Ahlwardt auch in diesen: Falle geflunkert habend 22 Berlin, 1. August. In seiner D treitsache mit Herrn Pr o fe ss o r Strack hat der „Osservatore Cattolico" eigenthümliche Geschäftskniffe angewandt, um seine lieben 10,000 Lire zu behalten. Wie uiifcre Leser wissen, hatte Strack sich zur Widerlegung des von jenem Blatte gebrachten Ritualmordartikels erboten. Er hatte es hierbei zur Bedingung gestellt, daß der Osservatore Cattolico die Schiedsrichter aus der Gesammtzahl Derer wühle, welche an irgend einer Universität des deutschen Reiches oder an der gleichgestellten Akademie zu Münster Theologie oder Orientalin lehren. Zwei der Richter könnten Katholiken sein. Wie verhielt sich aber das römische Blatt gegenüber dieser gewiß berechtigten Forderung? Es schlägt fünf Preisrichter vor, unter denen nur einer, der als antisemitischer Parteimann bekannte Ecker in Münster, der äußeren Bedingung genügt, an einer deutschen Hochschule augestellt zu sein. Die andern Vorgeschlagenen sind natürlich der berüchtigte Meineidler Rohling in Prag, ferner ein als Talmudforscher gänzlich unbekannter Herr, der Bibliothekar W ei ß b a ch in Leipzig, der Wiener Professor W a h r m u n d, ein Görlitzer Privatgelehrter Dr. Bischofs und der Corfuer Jurist Theotakis. Daß unter diesen Umständen ein Gelehrter vom Ruse Stracks sich entrüstet von der Sache abwendet, ist für jeden anständigen Menschen erklärlich. * Berlin, 1. August. Wir haben bereits mitgetheilt, daß, während der Verhandlungen des Buschhoff-Prozesses in Cleve auch ein Schreiben Rohlings an den Gerichtshof einlief, in welchem dieser überwiesene Fälscher sich gegen den von Professor Noeldeke wider ihn erhobenen Vorwurf der Frivolität verwahrte und darauf hinwies, daß Delitzsch, der sich gegen Rohling erklärt hatte, „durch die in zwei Auflagen bei Fritsch in Leipzig 1887 erschienene Victor'sche Schrift bei dem Prozeß Rohling-Bloch widerlegt wurde". Der Rohling'sche Brief an den Gerichtshof schloß: „Im Angesicht des Todes und meines ewigen Richters