Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 kann ich nicht anders reden und muß bekennen, daß die Blutbeschuldigung Wahrheit ist." Rohling beruft sich also auf Victor. Victor aber ist — Rohling selbst! Dies hat jüngst Dr. Bloch in Wien eruirt. So ist Rohling, wenn anders das oben erwähnte Schreiben an den Gerichtshof zu Cleve keine Fälschung ist, was wir nicht annehmen können, da sich sonst Herr Rohling gegen die Verfasserschaft wohl verwahrt hätte, im Rückfalle meineidig geworden. * Jena, 27. Juli. Die Universität Jena hat den Rabbiner Dr. Wiener in Oppeln unter dem 25. Juli d. I., in Erinnerung an den Tag, an dem er vor 50 Jahren in Jena promovirt wurde, das Diplom als Ehrendoktor verliehen, mit der Begründung: Apud Oppolienses Per Plus Ouani Octo Lustra Rabbino Ob Doctrinam Suam El Humanitatem Rivibus Suis C.arissimo. Mit ähnlicher Motivirung hatte die Stadt Oppeln Herrn Dr. Wiener am Anfänge dieses Jahres zur Feier seines 81. Geburtstages zum Ehrenbürger ernannt. 1. Lobsens, 28. Juli. Seit alten Zeiten leben die hiesigen Juden mit ihren christlichen Mitbürgern in Frieden und Eintracht. Freud' und ^eib wurde stets von allen Bürgern gemeinsam getragen, und von jeher ist es hier Sitte, daß freudige oder traurige Familienereignisse, Hochzeiten und Leichenbegängnisse von Freunden und Nachbarn ohne Unterschied des Glaubens gemeinsam begangen werden. Nicht wenig trug zu diesem schönen Verhältnisse in unserem Städtchen die Haltung der christlichen Geistlichen beider Konfessionen bei. Jedoch die grassirende Krankheit des 'Antisemitismus sollte auch hier nicht spurlos vorübergehen. Der evangelische Pastor, welcher über dreißig Jahre lang an hiesigem Orte im Sinne wahrer Religiosität und Duldsamkeit gewirkt, trat vor einem halben Jahre in den wohlverdienten Ruhestand, und ihm folgte ein junger Heißsporn, welcher sich „nach berühmten Mustern" richten zu wollen scheint. Als in dieser Woche in hiesiger evangelischer Kirche eine Trauung stattfand und sich, wie gewöhnlich bei solcher Veranlassung, eine Schaar junger Mädchen dort eingefundcn hatte, trat der Küster an zwei jüdische junge Damen, Töchter aus einer der besten hiesigen Familien, herall und bedeutete dieselben im Aufträge des Pastors Krüger, daß sie das Gotteshaus zu verlassell hätten. Der Pastor wolle keine Juden in der Kirche dulden. Trotzdem die jungen Damen sich sofort anschickten, dieser Aufforderung Folge zu leisten, packte sie der Küster am Arme und führte sie zum Gotteshause hinaus. Es läßt sich ja llicht leugnen, daß Pastor Krüger formell in seinem Rechte war, aber mit dem konfessionellen Frieden dürfte es wohl hier zu Ende sein — falls der junge Herr Pastor in seiner Gemeinde viel Anhang finden sollte, was nach der Gesinnung an hiesigem Orte wohl nicht zu erwarten ist. Gerade von hervorragenden Mitgliedern der evangelischen Gemeinde hörten wir das Gebahren dieses übereifrigen Seelenhirten am schärfsten verurtheilen. ,L> Düren, 26. Juli. Bei der am Mittwoch den 20. Juli auf Groß-Tivoli in Düren durch den Kreisschulinspektor Kallen abgehaltenen Kreislehrerkonferenz der katholischen Lehrer wurde unter Anderm eine Verfügung der Königl. Regierung vom 7. November 1891 verlesen, welche den Lehrern Vorsicht in der Auswahl der Bücher für Schüler - bibliotheken anempsiehlt. Daran anschließend führte der Herr Kreisschulinspektor Folgendes aus: „Kurz nach Schluß des bekannten Prozesses, der die ganze civilisirte Welt zehn Tage lang in Aufregung gehalten, wurde ich auf ein Büchlein aufmerksam gemacht, welches den Titel „Kath. Kinderfreund" führt, im Herder'schen Verlage zu Freiburg i. Br. erschienen und von Hattler herausgegeben worden ist. In diesem für Kinder bestimmten Buche sind drei Erzählungen dargestellt, welche in der „unverschämtesten und widerwärtigsten Weise" das Herz der Kinder mit Religionshaß und Fanatismus erfüllen. Wenn Ihnen, meine Herren, solche Lektüre in die Hände fällt, dann weg damit!" B. Stuttgart, 9. Juli. Nächsten Mittwoch findet hier die jährliche Versammlung israelitischer Lehrer Württembergs statt. — Die Stadt Ulm, innerhalb deren die „Ulmer Schnellpost" in ihren antisemitischen Hetzereien fortfährt, hat schon vor 100 Jahren ein Reuonnnee durch ihre judenfeindliche Gesinnung gehabt. Heinrich Sanders, früher Professor am Gymnasium illustre in Karlsruhe, ergießt in der 178-1 in Leipzig erschienenenReisebeschreibung über die alte Reichsstadt Ulm, die er 1779 besuchte, die Schale seines Unwillens wegen der „barbarischen Gesetze, die man ehemals gegen die Juden gab" und die hier noch „zur Schande der Christenheit ihre Kraft haben". „Man sieht in der Stadt keine Juden, sie müssen jede Stunde bezahlen, die sie in Ulm zubringen wollen, nur etliche Familien haben darin mehr Freiheit. Gerade als wenn wir Herren der Erde wären und unfern Mitmenschen verwehren könnten, irgendwo Luft zu schöpfen!" JVI.N. AusElsasj-Lothriirgen,2.August. Soeben wird der Jahresbericht der israelitischen Handwerkerschule Mülhausens für das Rechnungsjahr 1891 der Oeffentlichkeit übergeben. Gegründet wurde die Anstalt in den vierziger Jahren von der philanthropischen israelitischen Gesellschaft des Ober-Elsaß und hat bereits herrliche Früchte gezeitigt. Im verflossenen Jahre waren in der Anstalt 37 Knaben aus den verschiedensten Gemeinden des Ober-Elsaß untergebracht, größtentheils Kinder unbemittelter Eltern, die ohne diese Anstalt unzweifelhaft dem Elende preisgegeben wären. Jndeß sorgte die Handwerkerschule dafür, daß die Knaben bei tüchtigen Meistern zur Erlernung eines Gewerbes untergebracht wurden. Sie bewachte deren Fortschritte, gab ihnen Wohnung, Kleidung und Beköstigung; außerdem jeden Abend Fortbildungsunterricht in den verschiedensten gewerblichen Fächern. Die Einnahmen der Schule betrugen 20,914.85 M., die Ausgaben 18,799.60 M, so daß in der Kasse ein Ueberschuß von 2,111.25 M. verbleibt. Wie in früheren Jahren gewährte auch im verflossenen Jahre der Bezirksrath der Anstalt eine Unterstützung von 800 M. und der Gemeinderath von Mülhausen eine solche von 2000 M. Mit Freude kann der Bericht feinen Lesern mit theilen, daß am Schlüsse des Schuljahres die meisten der austretenden Zöglinge als tüchtige Gesellen bei ihren Meistern fortarbeiten konnten. Die Vorbildung der israelitischen Vorsänger Elsaß-Lothringens ist wie kaum in einem anderen Theile Deutschlands eine sehr mangelhafte und bildet zur Zeit den Gegenstand ernster Erwägung seitens der vereinigten Konsistorien. Da die Gründung einer besonderen Anstalt für angehende Vorsänger mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, so soll wenigstens dafür gesorgt werden, daß die bereits amtirenden Kandidaten wöchentlich 2—3 mal von ihrem Bezirksrabbiner in den jüdischen Fächern unterrichtet werden. Der Entwurf zu dieser Neuerung wird nächstens bei Oeffentlichkeit übergeben werden. Die orthodoxe Separat-Gemeinde in Straßburg läßt zur Zeit eine neue Synagoge in der Kagenekerstraßc gegenüber der Kronenburger Gläserne erbauen. Bis dahin hatten die Orthodoxen ihr Betlokal in einer Privatwohnung der Schuhmacherstraße. Auch die Hauptgemeinde wird in nächster Zeit einen neuen Tempel erhalten, da die alte Synagoge an den hohen Feiertagen kaum die halbe Mitgliederzahl der Gemeinde fassen kann. Frankreich. * Paris, 31. Juli. Auf den Vorschlag mehrerer Komitees der Alliance in den Vereinigten Staaten ist beschlossen worden, die Alliance israelite universelle an der Weltausstellung, welche im Jahre 189:; in Chicago eröffnet wird, theilnehmen zu lassen. Die Gesellschaft wird Hefte und Bücher aus allen Schulen der Alliance, photographische Au sichten von Bauten und Schülergruppen bringen, Erzeugnisse aus der Ackerbauschule zu Jaffa und Arbeiten, welche an der Gewerbeschule zu Jerusalem ausgeführt wurden; endlich Proben von den in den Lehr lingswerkstätten ausgeführten Gegenständen, sowie aus den von der Alliance unterhaltenen wie unterstützten Anstalten für Mädchen und Knaben. Die Gesammtheit dieser Leistungen wird es gestatten, sich ein Bild von den erlangten Resultaten des Vereins seit seiner Gründung zu machen, sowohl bezüglich der Elementar-Erziehung wie der gewerbliche;; Ausbildung der Israeliten. Auch noch andere Dokumente sollen über das Wirken der Alliance zu Gunsten der Israeliten in den verschiedenen Ländern, wo sie noch Ausnahmegesetzen unterworfen sind, Rechenschasi geben. Dänemark. * Kopenhagen» 29. Juli. Der Direktor der hiesigen National bank, Konferenz rat h Levy, ist bei der Katastrophe im Badeorte St. Gervais ebenfalls umgekonnnen Levy, einer der hervorragendsten Finanzmänner von Dänemark, war im Jahre 1824 geboren und in Hamburg erzogen. Von 1850 bis 1854 war er bei der Intendantur in Schleswig angestellt, kam dann nach Altona als Münzdirektor und er hielt 1860 den Posten als Bankdirektor in Kopenhagen. Levy war Mitglied zahlreicher Ausschüsse und Präsident des „Nationalökonomischen Vereins". Die hiesigen Finanzkreise haben durch seinen Tod einen großen Verlust erlitten.