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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-05 · Heft 32 (5.8.1892) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 32 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
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384 praktischer Verwert hung wird überall entgegengetreten. — Die lichtvolle Art des Vortrags und die gewinnende Darstellungsweise lassen jeden Kenner von Meyers Kleinem Konversations-Lexikon dessen Besitz sehr bald auf seinen richtigen Werth schätzen und sichern dadurch dem Werke den besten Platz in jeder Bibliothek nnd auf jedem Schreibtisch. Sein täglicher Gebrauch schärft Geist und Verstand, bildet und schafft fruchtbringende Erfahrungen. Sprechsaal. Auf die Aeußerung des Herrn Professor Dr. Steinthal in Nr. 23 dieser Blätter, daß das „Kaddisch Jossom" blos Sache „des späteren Aberglaubens sei", erlaube ich mir Folgendes zu bemerken. Ich schicke voraus, daß ich für die Person des Verfassers besagten Artikels die größte Verehrung hege, und die Wärme, mit welcher er in seinen trefflichen 'Aufsätzen für die Wahrheiten des Judenthums eintritt, im höchsten Grade hochachte und schätze: dies kann mich jedoch nicht abhalten, meiner Ueberzeugnng gemäß gegen jene Aeußerung Widerspruch zu erheben. Der Kaddisch Jossom ist kein späterer Aberglaube, sondern eine weit zurückreichende Tradition, die auf dem Grundsatz beruht: Der Sohn fördert durch seine Verdienste das Heil des Vaters, der Vater vermag dagegen durch die seinigen das Heil des Sohnes nicht zu fördern, ''Als Belag wird das Beispiel des Königs Chiskia angeführt. Der edle Chiskia, der Sohn des Frevlers Achas, rettete seinen Vater von Höllenstrafen, während er seinen frevelhaften Sohn Mallasse nicht retten konnte. Der Grund ist offenbar folgender: Es wird den Eltern im Jenseits als Verdienst angerechnet, wenn sie einen Sohn erzogen haben, der die Wahrheiten der Religion öffentlich bekundet; sie entbehren dieses Verdienstes, wenn der Sohlt diese Wahrheiten nicht bekunden kann oder will, so daß sie, mögen sie für ihre Person noch so fromm llnd gerecht sein, das Heil ihres unfrommen Sohnes nicht fördern können. Null bestehen aber die religiösen Wahrheiten des Jndenthmns in drei Hauptgrundsätzen: 1. das Dasein Gottes; 2. die zeitliche Erschaffung der Welt, im Gegensätze zur vorzeitlichell, eine Ansicht, welche bekalmtlich von Aristoteles und seiner Schule vertreten wird. 3. das Walten Gottes, wodurch Strafe und Lohn sim Jenseits bedingt sind. Diese Grundsätze kommen im Kaddisch-Gebet in bewundernswerther Kürze zum Ausdruck. Die Worte nDP EHpJTl PTlfP enthalten die Anerkennung des Daseins Gottes, bekunden den Glauben an die Weltschöpfullg, und zwar nach Gottes ullbedingteni Willen, llicht nach den bloßeil Gesetzen einer naturgemäßen Entwickelung. Lpm HD! Kfcbttf K!T u. s. w. bekunden die Zuversicht und das Vertrauen auf das göttliche Walten, und die von demselben zu erwartende Belohnung des frolnmen und tugendhaften Lebeilswandels. Wenn nun der Sohn täglich diese im Kaddischgebete enthaltenen Wahrheiten öffentlich bekundet, so fördert er dadurch das Heil seiner Eltern, deren Verdienst darin besteht, der Welt einen gottergebenen und pietätvollen Sohn hinterlassen zu haben. Welches Kind, das an seinen Eltern mit allen Fasern seines Lebens hängt, wird nicht bestrebt sein, diesen jenen Dienst zu erweisen, selbst wenn bei ihn: in Betreff des objektiven Erfolges dieser pietätvollen Kundgebung sich ein leiser Zweifel regen solltet Wendet man doch bei Personen, die man liebt, wenn sie erkranken, auch in den verzweifeltsten Fällen ärztliche Hilfe an! Und es kann in der That als einer der schlagendsten Beweise für die Innigkeit, mit welcher die Familienbande bei uns Juden geknüpft sind, gelten, daß selbst solche, die sonst dem Judenthum fremd gegenüber stehen, ihren verstorbenen Eltern diesen Liebesdienst nicht versagen. Der Gedanke, daß der Sohn durch ein Gebet das Heil seiner Eltern f örbern kann, findet sich in einer überlieferten Legende (Elia Suta, K. 17 ), welche an die Namen N. Jochanan b. Sakkai und R. Akiba anknüpft, die bekanntlich vor beinahe 2000 Jahren gelebt haben. Somit scheint doch ans jener Ueberlieferung, die sich noch an anderen Stellen findet, unzweideutig hervorzugehen, daß die Meinung, die Grundidee des Kaddischgebetes sei nicht spätern Ursprungs, sondern sehr alten Datums, innerhalb der jüdischen Glaubensgemeinschaft schon in frühesten Zeiten allgemein verbreitet gewesen ist. Bruchtheile der Form des Kaddischgebetes finden sich an vielen Stellen im Talmud von den Tanaim und Amoroim angeführt, und sie basiren! sogar auf Stellen der Bibel (Jecheskel 38, 23, Daniel 2, 20). Diese; alle anzuführen, würde an dieser Selle zu weit gehen.? Neben dem pietätvollen Glauben, daß durch das Gebet des Sohnes! das Seelenheil der Eltern gefördert werde, liegt dem Kaddisch Jossom! noch der sittliche religiöse Gedanke zu Grunde, daß der Mensch verpflichte! sei, die waltende Vorsehung für das ihm beschiedene Leid nicht minder ' wie für Glück ititb Freude zu preisen und nicht zu murren, j T Horn, 20. Juli 1802. Louis Kalischer>! d i Infolge meines Artikels „Gründet jüdische Gemeindebibliotheken" sind; mir einige anerkennende Zuschriften zugegangen, von denen mich eine; ganz besonders erfreute, weil sie bekundet, daß meine Anregung in jener Gemeinde, aus der sie kam, eine mehr als platonische Werthschätzung gefunden hat. Ein Kultusvorsteher aus Süddeutschland schreibt nur nämlich, der Aufsatz habe ihn zur Gründung zunächst einer Schuld j bibliothek veranlaßt, die auf ständigen Gemeindeetat übernommen wird.! Es ist das um so höher anzuschlagen, als die Gemeinde durchaus nicht so bedeutend ist, als daß eine neue Belastung sich nicht fühlbar machte. Wenn so kleine Gemeinden den Muth und die Opferfreudigkeil für Ausgaben haben, die keine mit Zahl und Maß zu würdigenden handgreiflichen Früchte tragen, so ist das Vertrauen gerechtfertigt, daß unsere wohlhabenderen Gemeinden in der Fürsorge für die religiöse und gemüthliche Bildung ihrer Glieder nicht werden Zurückbleiben wollen. Es ist eine rührende Erscheinung, daß eine Duodezgemeinde einen solch weiten Blick und ein offenes Auge für die Forderungen der modernen Zeit besitzt und durchaus gewillt ist, sie mit ihrer schwachen Kraft ein zulösen. Vielleicht werden andere Gemeinden aus diesem muthigen Vorgehen ihrer Kollegin neue Anregung schöpfen, und so rufe ich ihnen noch einmal zu: Thuet desgleichen. Berlin, den 27. Juli 1802. Bernhard Traubenberg d Geehrter Herr Redakteur! Als der Gedanke einer Weltausstellung in Berlin noch ganz jung war, erhob sich in der „Allg. Zeitung des Judenthums" eine warnende Stimme, welche den Juden Zurückhaltung empfahl, weil Gelingen wie Mißlingen der Allsstellung in antisemitischem Sinne ausgebeutet werden würde. Ich kann hier, in der Sommerfrische, weder die Nummer, noch den näherell Inhalt allgeben; allein die Warnung fiel mir sofort ein,; als ich in der „Tägl. Rundschau" (Nr. 170) den Aufsatz „Meltaus z stellmlgen" von Otto Röse las. Der Verfasser spricht mit guten j Gründen gegen eine Berliner Ausstellung ulld zeigt, daß hier ein > patriotischer oder nationaler Zweck nicht vorliege. Wir stimmen ihm! gern bei und hätten gewünscht, daß er sich auf die überzeugende Kraft! seiner guten Gründe verlassen hätte. Aber nach bekannten Mustern j glaubt er seine gute Gesinnung noch in ein besseres Licht zu stellen, j wenn er Andere verunglimpft, und er sagt daher am Schluß: > „Die Elemente, welche von einer ungesunden Aufschwemmung! unserer Reichshauptstadt den Hauptvortheil ziehen würden, sind bekannt j Wir beobachten sie jetzt in ihrem Eifer, die Anderen für das Unter i nehmen zu beschwatzen. Es sind zumeist nicht die deutschen j Elemente Deutschlands, die sich für die Weltausstellung als für eine z deutsche Ehrensache erhitzen. Ihnen geht mit den nationalen Floskeln! zugleich der Schwindel der Völkerverbrüderungsredell, der den Franzosen | so geläufig ist, flüssiger von der Zunge als uns, die wir wissen, wai unsere Stärke in der Welt macht, und welchen Werth ein deutschem! Manneswort hat und behalten soll!" Lapmnli sat!; Eppstein i. T., 24. Juli 1802. K. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.

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