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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-05 · Heft 32 (5.8.1892) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 32 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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382 Nabbi Asser Abarbanel. Eine Jnquisrtionsgeschichte. Die Schatten des hereindämmernden Abends begannen sich über Saragosse zu breiten, als der ehrwürdige Pedro Arbuez d'Espila, sechster Prior der Dominikaner von Segovia, dritter Großinquisitor von Spanien, in Begleitung zweier ihm voranschreitenden und mit ihren Laternen vorleuchtenden Diener des heiligen Gerichts und einem ihnen folgenden Fra reckomptor (Foltermeister) in die Kellergewölbe des Jnquisitionsgebüudes niederstieg, um eine in dem finstersten Winkel dieses unheimlichen Raumes verborgene Kerkerzelle aufzusuchen. Das Schloß einer wuchtigen Thür knarrte, man tastete sich in ein r„-I>ai't‘ (Mönchsgefängniß), dem betäubender Pestgeruch entströmte, und wo man i» dem matten Schimmer des durch eine schmale Oeffuung an der Decke eindringenden Lichtes zwischen eingemauerten eisernen Ringen eine blutgeschwärzte Folterbank, eine Kohleupfanne und einen Krug erblickte. Auf einer Streu von Dünger, und von schweren Ketten festgehalten, das Genick von einem Halseisen umspannt, saß in Lumpen gehüllt ein hagerer, hohläugiger Mensch, dessen Alter nicht mehr zu unterscheiden war. Dieser Gefangene war kein anderer als Rabbi Asser Abarbanel, ein aragonischer Jude, der des Wuchers und erbarmungsloser Ausbeutrmg der Armen angeklagt, seit einem Jahre täglich die Folter zu erdulde» gehabt hatte. Dennoch war „seine Verblendung ebenso ausdauernd, wie sein Körper widerstandsfähig", er weigerte sich hartnäckig, seinen Glauben abzuschwören, stolz auf eine Abkunft, die auf Jahrtausende zurückführte, auf seine Vorfahren aus der grauen Vorzeit; stammte er ja nach den Berichten der Ueberlieferun g von Athaniel, und folglich von Jphiboset, der Frau des letzte» Richters in Israel, ab, ein Umstand, der seinen Muth auch unter den grausamsten Folterqualen aufrecht erhielt. Der Gedanke, daß diese so starke Seele durch ihren Starrsinn vom ewigen Heil ausgeschlossen bleiben sollte, beschäftigte den ehrwürdigen Pedro Arbuez d'Espila unablässig, und mit Thräuen in den Augen näherte er sich dem zitternden Rabbi. „Mein Sohn," sagte er, „freue Dich, daß Deine Prüfungen hicnieden zu Ende gehen. Wenn ich auch angesichts deines so unerhörten Eigensinnes seufzend gestatten mußte, strenge Maßregeln gegen Dich anzuwenden, so hat doch meine Aufgabe brüderlicher Züchtigung ihre Grenzen. Du bist der widerspünstige Feigenbaum, der, so oft ohne Früchte befunden, Gefahr läuft, auszudorren, aber Gott allein kommt es zu, über Deine Seele zu bestimmen. Vielleicht wird das unendliche Erbarmen des Allmächtigen Dich in Deiner Todesstunde erleuchten! Wir müssen es hoffen! Es giebt Beispiele ... So sei es denn! Ruhe heute Abend in Frieden. Du wirst morgen an dem Autodafö betheiligt sein, das heißt, man wird Dich dem Quemadero, der an die ewigen Flammen gemahnenden Fcuersglnth aussetzen. Du weißt, mein Sohn, daß sie in einiger Entfernung lodert, und es wenigstens zwei, oft sogar drei Stunden dauert, ehe der Tod naht, weil wir Sorge tragen, Stirn und Brust der Opfer mit nassen, eiskalten Umschlägen zu schütze». Ihr werdet nur dreiundvierzig sein. In die letzte Reihe gestellt, wirst Du Zeit genug haben, Gott anzurufen, um ihm diese Feuertaufe des heiligen Geistes anzubieten; hoffe also auf die erleuchtende Erkenntniß und schlafe." Während er diese Worte sprach, hatte Peedro Arbuez ein Zeichen gegeben, dem Gefangenen die Fesseln abzunehmen, und ihn zärtlich umarmt. Rach ihm umarmte der Fm ralemptor den Unglücklichen, ihn leise bittend, zu verzeihen, was er ihm an Qualen zugefügt, um ihn vom Bösen loszukaufen; die beiden Jnquisitionsdiener küßten und; umarmten den Rabbi schweigend. Kaum war die Eeremonie zu! Ende, so verließen ihn die vier Männer wieder und er blieb allein, schreckdurchschauert in der Finsterniß zurück. Mit trockenem Munde, leiddurchwühltem Gesicht und ausdruckslosen Augen starrte Rabbi Abarbanel auf die geschlossene Thür. — „Geschlossen!" Dieses Wort erweckte in der Tiefe seiner Seele verworrene Gedanken. Er hatte in dem Spalt zwischen Wand und Thür den flüchtigen Schimmer der Laternen bemerkt. Ein schwacher Hoffnungsstrahl leuchtete in seinem Gemüth auf, und erschöpft von dem Jammer, zitterte er in tiefster Erregung. Mühsam schleppte er sich vorwärts, tastete sich zur Thür, berührte sie vorsichtig, und in der That, sie bewegte sich . .. Oh, Wunder! Durch einen außerordentlichen Zufall hatte der Diener, der sie hinter sich schließen sollte, den Schlüssel abgezogen, ehe der etwas eingerostete Riegel zurückgesprungen war. Der Rabbiner wagte einen Blick hinaus. In der bleifarbenen Dunkelheit unterschied er anfangs nur eine» Halbkreis von Erdhaufen, in welchen Stufen eingehauen waren, und sich gerade gegenüber einen Aufgang, der in einen weiten Flur führte. Er duckte sich zu Boden und kroch bis zur Schwelle. — Ja, das war ein Flur, aber von endloser Länge. Trübes, zitterirdes Licht erhellte ihn. An der Deckenwölbung hingen in beträchtlicher Entfernung von einander spärlich brennende Nachtlämpchen, der Hintergrund war ganz in Schatten getaucht. Nirgends war eine Thür zu entdecken. Todesschweigcn umgab ihn. Vielleicht gelangte er durch jene Nebel zu einem Ausgang, der in die Freiheit führte. Die Hoffnung des Rabbi klammerte sich fest au diese Möglichkeit. Auf anderem Wege gab es keine Rettung, keine Erlösung für ihn. Ohne Zögern tastete er die Wände entlang, sich immer im Schatten haltend und jeden Schrei unterdrückend, wenn scharfe- Gestein eine seiner vielen Wunden berührte. Plötzlich drang das sich nähernde Geräusch einer Sandale, welches das Echo dieses steinernen Ganges bis zu ihm trug, an sein Ohr. Fieberschauer durchrieselten ihn, die jüngst drohte, ihn zu ersticken, seine Augen umschleierten sich. Zweifellos war Alles verloren. Halb todt schlüpfte er in eine Vertiefung und wartete. Ein Jnquisitionsdiener, Marterwerkzeuge in der Hand, schriü eilig an ihm vorüber. Die Erschütterung, die sich des alten Mannes bemächtigt, hatte fast alle Lebensthätigkeit in ihm unterbrochen. Ohne sich regen zrr können, blieb er beinahe eine Stunde in seinem Schlupf Winkel. Aus Furcht, noch entsetzlichere Folterstrafen über sich verhängt zu sehen, wenn man ihn einholte, erwog er den Gedanken, wieder in seinen Kerker zurückzukehren, aber die alte Hoffnung ftüfteii ihm jenes göttliche „Vielleicht" in die Seele, das selbst im bittersten Elend tröstet und aufrichtet. Ein Wunder war geschehen! Daran durfte er nicht zweifeln. Und von Neuem kroch er am Boden hi», dem möglichen Ausgang zu. Der schmale Fliir, der einem düsteren Grabgewölbe glich, schien sich endlos anszudehnen, und die rettende Pforte, welcher der Unselge mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte zustrebte, wollte sich immer noch nicht zeigen. Wieder wurden Schritte vernehmbar, aber dieses Rial langsamer und schwerfälliger. Di> weißen und schwarzen Gestalten zweier Inquisitoren, den breiten Hut mit dem zusammengerollten Rand auf dem Kopf, leuchten in der trüben Luft des Hintergrundes auf. Die beiden Männer unterhielten sich eifrig, aber mit leiser Stimme. Der Meiuungs unterschied über einen wichtigeii Gegenstand erregte sie offenbar, wie die heftigen Geberden ihrer Hände andeuteten. Bei diesen: Anblick schloß Rabbi Abarbanel die Augen, sein Her, schlug zum Zerspringen, Todesschweiß perlte ihm arif der Stirn und die Glieder waren ihm wie gelühint. Regungslos hingestreckt, blieb er unter den flackernden Strahlen der über ihm hängenden Laterne liegen. Seine Lippen murmelten ein Gebet an den Gott Davids.

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