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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-05 · Heft 32 (5.8.1892) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 32 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
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Anfangs glaubte er, es sei ein alter eifersüchtiger Ehemann, der seine Frau ins Theater geführt habe; aber bald erkannte er Nachtigall, und die Sache wurde ihm unverständlich, oder richtiger pikant; es schien ein junges, nettes, tokettes kleines Mädchen zu sein, das der Billethändler unberufener Weise hier eingeführt hatte. Als der Vorhang gefallen war, begann er ein Gespräch mit Emilie, und unter all den netten Leuten, die wie eine große Gesellschaft von Freunden und Bekannten aussahen, nahm sie au, nicht verrathen zu dürfen, daß sie eigentlich nicht zu derselben gehörte, und antwortete daher freundlich und dankbar, fast herzlich, was wieder non dem jungen Herrn iu hohem Grade mißverstanden wurde. Avrohmche vermochte ihr nicht zn verbieten, demselben zu antworten, tonnte ihr auch nicht irgend einen Rath oder Wink geben, und er nihlte außerdem alle Qualen der Eifersucht, gleichviel ob der junge Mann mit ihr sprach oder sie nur anschaute. Er wünschte sich nur nie Kraft und den Muth von zehn Männern, um ihn erwürgen oder wenigstens hinauswerfen zu können. Der Vorhang ging wieder auf, und während die Handlung des -tücks weiter fortschritt, berührte sie Avrohmches Innere auf eine Weise, von der er bisher keine Ahnung gehabt hatte. Ein tief verborgener, schmerzlicher, plötzlich erwachender Poetischer Sinn verrieth ihm, daß auf der Bühne dort unten sich ein sympathischer, anregender Geist oder eine Stimmung — wir nennen sie romantisch — entwickelte, der er längst entwachsen war oder woran theilzunehmen man mit Recht oder Unrecht seiner Seele versagte, während Emilie und selbst dieser abscheuliche junge Mann nach der Meinung der Welt dazu berechtigt war. Er fühlte dies mit unaussprechlichem schmerz, es war ihm, als sei er bei der Verkündigung seines eigenen Todesurtheils oder bei seiner eigenen Beerdigung zugegen. Niemals zuvor hatte die Bühne einen solchen Eindruck auf ihn gemacht wie jetzt. „Alle die kleinen Bilder kehrten sich um," — Ritter und Damen und die jungen Verliebten erinnerten ihn plötzlich an die Worte icines Vaters und sagten zu ihm: „Weshalb wirst Du ausgepfiffen »'erden? Deiner krummen Nase und Deines schiefen Mundes wegen! Nein. Deiner krummen Beine wegen!" Und so, wie diese Worte ihn beschrieben, sah er sich abschreckend und fremd unter ihnen mnmerlich verstoßen. Aber die Musik, die er bis dahin mißachtet batte, weil sie nicht so war wie die in der „Stummen", wirkte jetzt ebenfalls auf ihn und ergriff seinen Organismus, gab ihm eine lnnstliche Jugend, ließ ihn sozusagen taumeln, als gehöre er noch dazu, obgleich dies schon lange nicht mehr der Fall war. Weshalb tollte er nicht glücklich werden können? Er könnte sich mit dem Mädchen verheirathen, ja er könnte der Gerberstochter die Ehe anöieten! Er würde von seiner Gemeinde verstoßen werden, aber in seiner Seele würde er doch nicht aufhöreu, Jude zu sein — und wenn dem auch so wäre! Was hatte er anders im Leben erfahren als Enttäuschungen? Schuldete er Jemandem etwas? Sollte sie, die jetzt nun einmal zum Segen oder zum Fluch der einzige Sonneujchein in seinem Dasein geworden war, ihm entrissen werden — das schien ihn zum Wahnsinn treiben zu müssen. Er brauchte ja nicht in seinem Heimathsort zu bleiben, er konnte auf's Land ziehen und mit ihr au einem stillen, verborgenen, billigen Orte leben. Er war doch wenigstens ein solider Mann. Was war der Windbeutel neben ihr? Er konnte glücklich werden und er wollte es! Sein Entschluß ermangelte nur der Worte, um unwiderruflich zu sein — da fiel der Vorhang. Wo war die Wirklichkeit? In der Loge mit dem Mädchen und der Zärtlichkeit und Eifersucht, die sie erweckte, wo er, obgleich so dicht neben ihr, nicht ein richtiges Wort finden könnte, um ihr seine Gefühle auszudrücken, aber mit Mißbehagen seine eigene Stimme hörte: „Ist es gut? Amüsiren Sie sich? Gefällt es Ihnen?", während er lieber sagen mochte: „Sprechen Sie zu Niemandem! Sehen Sie Niemand an! Werden Sie meine Frau!" — Oder auf der Bühne, wo der Vorhang wieder hoch ging, wo er wieder auf Grund seines Alters litt und wieder jung wurde und aufs Neue seinen Entschluß faßte? In Wahrheit, der Sturm war über Avrohmche Pollak gekommen! O all Ihr mitfühlenden Herzen, Ihr würdet geweint haben, wenn Ihr in seine Seele hättet sehen können, und gelacht habe», wenn Ihr ihn angesehen hättet. Verwirrt von solchen ungewohnten Gcmüthsbewegungen führte er nach dem Schluß des Stückes Emilie die Treppen hinab wie von einem aufgewühlten Meer in den Hafen. Das junge Mädchen ging dicht neben ihm, aber als auf der untersten Treppe im Vestibül ein starkes Gedränge entstand, schlich sich derselbe Herr, der neben Emilie gesessen hatte, zwischen Avrohmche und Emilie und bot ihr den Arm. Avrohmche stieß einen Schrei aus, dessen Inhalt sich nur daraus erklären ließ, was er in seinem Innern soeben erlebt hatte, oder vielleicht auch daraus, daß er sich damit Sympathie zu gewinnen und sich Recht zu schaffen wünschte. Er ries: „Halt! Hilfe! Er entreißt mir meine Frau!" Der junge Mann glitt wie ein Aal davon; aber in dem Vestibül waren in demselben Augenbltck mehrere hundert Augen mit einem Blick auf den wohlbekauuten Pollak oder Avrohmche Nachtigall gerichtet. In einer schnellen, flüchtigen, lautlosen Sekunde wurde er zum Helden einer kleinen Geschichte, die man aus dem Theater oder anderen Orten zum Nachtmahl mit nach Hause nahm. Wenige Minuten darauf befanden sich Avrohmche und Emilie auf der Straße. Avrohmche ging schweigend über den Platz, der Augenblick war gekommen, es mußte gesprochen werden. Aber es waren noch zu viele Menschen in seiner nächsten Nähe, er wollte in der ersten Seitengasse, durch die sie schreiten mußten, ihre Unterschrift auf dem Dokument erlangen, auf das er selbst sein Siegel gesetzt hatte. In demselben Augenblick, als er sprechen wollte und sich an sie wandte, gewahrte er, daß sie weinte. „Was ist geschehen?" rief er bestürzt. „Weshalb weinen Sie?" „Weil Sie mir die Schande angethan haben, mich Ihre Frau zu neunen." Er begriff nicht, daß jedes junge Mädchen, das öffentlich und gegen seinen Willen als verheirathct hingestellt wird, sich beschämt fühlt und daß die Proviuzialiu sehr wohl fühlte, daß sie der Gegenstand eines kleinen Skandals gewesen war. Er faßte ihre Worte als eine Erklärung auf, daß sie eine Verheirathung mit ihm, dein Jude», als eine Schande ansehe, und in demselben Augenblick war er, wenn auch nicht geheilt, so doch vollständig aus allen seinen Himmeln gefallen. Er sprach kein Wort mehr, sagte nicht einmal „Gute Nacht", als sie sich trennten. Er sagte nicht „Gute Nacht" zu ihr und nicht „Guten Abend" zu dem Tischlergesellen, der gewohnheitsmäßig auf die Treppe hinaus kam und ihm eine kleine Laterne reichte — denn nach altem, strengem Brauch durfte Niemand unbedecktes Licht in oder neben der Werkstatt benutzen, und ein Geselle schlief dort eben als Nachtwache. Sobald Avrohmche in seine Stube gekommen war, machte er seinen Gefühlen Luft. (Fortsetzung folgt.! *

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