Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
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380 und begraben uitb nichts anderes als ein Gespenst ist, keine Milch in der Brust hat? Weiß ich das, so weiß Deine Mutter das auch und wird nicht ohnmächtig werden/' Ein anderer der Sohne sagte mit ruhigem Ernst: „Mutter wird an den seligen Bater denken — ole wescholaum! An der Stelle, wo die Todte hinausgeht und Herr Dyring die Hände nach ihr ansstreckt und sie zu bleiben bittet, da wird die Mutter an den seligen Vater deirken, wie er in seinen Leichenileidern im Sarge lag." „Gott bewahre!" ries Avrohniche. „Das darf nicht geschehen! Nicht bei meiner Ncschome! Ist Deine Mutter nicht eine verständige Frau? Wird sie nicht verständig sein und sich selbst sagen: Die eine der Frauen muß fort, sonst bekommt der Mann zwei Frauen. Und welche soll fort? Welche andere als die, ivelche tobt und begraben ist?" Avrohinches ganze Beredtsamkeit hätte vielleicht doch nicht geholfen, wenn die Söhne nicht eine Beweisführung gewählt hätten, die gerade zu dem Gegentheil von dem führte, was sie erwartet hatten; denn die Frauen haben ja gerade Gemüthsbeweguugen gern, obwohl sie es nicht zugestehen wollen. Madaine Saß sagte mit Würde: „Ich werde nicht an Euren Vater — ole wescholaum — denken. Weshalb sollte ich das auch? Es ist die Frau eines Mannes, die todt ist und auf die Bühne kommt. Was geht das mich an? Ich werde gehen!" Während dieses Gesprächs war Emilie mehrfach ein und aus gegangen, und sie, die nie in einem Theater gewesen war, bekam eine noch viel buntere Vorstellung vom Schauspiel im Allgemeinen und „Svend Dyrings Haus" im Besonderen, als irgend ein Sterblicher in der Provinz. Das geheimnißvoll Abschreckende und unermeßlich Anziehende wurde womöglich noch erhöht, als Madame Saß, begleitet von Gitte und Avrohmche, nach Hause kam, während die Söhne versammelt waren, um sie wie nach einer Reise zu empfangen. Sie rief stolz, indem sie eintrat: „Wurde ich ohmnächtig? Fühlte ich mich unwohl? Sage Du es, Gitte! Nicht einmal geweint habe ich — was ist da auch zu weinen? Aber der Scham wegen trocknete ich die Augen und schnäuzte mir die Nase, als die Andern weinten. Aber schön war es, — obwohl so verliebt, wie sie ist — na, das war wohl danials! — Aber die Geschichte mit den gebratenen Aepfeln, das verstehe ich nicht." „Gebratene Aepfel?" rief Avrohmche. „Na, mahnschtciL) gebraten, mahnschten geröstet!-) Wird denn ein Apfel nicht geröstet? Wo bleibt er? Das kommt gar nicht weiter vor . . ." Sie merkte an den verlegenen Mienen der Söhne und an den Zuckungen hi Avrohinches Gesicht, daß sie eine Dummheit gesagt hatte. Aber sie ahnte iricht, worin dieselbe bestand, und ihre Würde als Mutter gestattete nicht, daß man länger dabei verweilte, daß sie in Gegenwart der Kinder ihren Verstand ans Kosten des Selbstgefühls bereicherte, und es wurde nun über andere Dinge gesprochen, über das Spiel, über die Kostüme, die Ritter, die armen Kinder und den bösen Guldborg u. s. w. Es kam nun dem Mädchen vor, als ob man Jahre seines Lebens hingeben müsse, in» so etwas Wunderbares zu sehe». Aber wie sollte sie dahin kommen? Weil Avrohmche Nachtigall ihr einen Kuchen geschenkt hatte, schuldete er ihr doch noch fein Bittet zur Komödie. Freilich war sie im Besitz eines gefährlichen Geheimnisses, aber sie ') Gleichviel, gleichgiltig ob. -) Ei» unübersetzbares Wortspiel. Das dänische .rii-w" hat die doppelte Bedeutung: „Runen einritzen" und „rösten". wußte dies selbst nicht, sic hatte die tiefe Bedeutung in dem Unterschied zwischen Snß und Saß nicht gehört oder wenigstens nicht verstanden, und selbst wenn sie das Geheimniß gekannt hätte, würde sic kaum daran gedacht habe», es zu benutzen, selbst nicht um ein Billei zu erlangen. Aber bei Avrohmche war das Gefühl seiner Schuld nicht nur ungcschwücht, sondern noch gestiegen; mit dem Silber der Dankbarkeit hatte sich das Gold des Verliebtseins gemischt, obwohl er es nicht wußte, und an einem der nächsten Albende, als er wieder so glücklich war, von dein Mädcheir die Treppe hinabgeleitct zu werden, sagte er: „Missen Sie, was Runeir einritzen bedeutet?" „Ja." „Aber Sie braten sie nicht, nicht war? Dann können Sie audi ins Theater gehen und das Stück sehen. Wollen Sie hingehen! Wollen Sie ein Billet haben?" „O, Herr Nachtigall!" rief sie und hätte fast den Leuchter fallen lassen, indem sie unwillkürlich die Hände falten wollte. „Na, ich heiße eigentlich nicht Nachtigall, ich heiße Pollak, aber das macht nichts. Wollen Sie sagen Nachtigall, so sagen Sie Nach tigall, aber eigentlich ist Pollak richtig." Ohne freilich eine Verschönerung in dieser Aenderuug finden zn können, sagte das Mädchen: „Verzeihung! O, Herr Pollak, wie gm Sie doch sind!" Und sie sagte das mit solcher Innigkeit in der Stimme, daß, wenn Avrohmche ein junger Mann gewesen wäre und sich nicht unckdem Portrait, daß sein Vater einst von ihm entivorfen hatte, ent wickelt hätte, er wohl Veranlassung gehabt haben würde zn glauben, dar sich auch bei ihr das Silber der Dankbarkeit mit einein gewichtigeren Metall gemischt hätte. Avrohmche sah nicht sich selbst, sondern um sie, und mit den Worten: „Wir sprechen iveitcr darüber!" eilte r: glücklich davon. Die Sache erwies sich jedoch schwieriger, als er erwartet hatte, aber infolge der Schwierigkeit wurde sie gerade für Avrohmche freud voller, als er Anfangs gedacht hatte. Es war viel zu überlegen viele Zwiegespräche waren darüber zu führen. Einilie konnte nur jeden zweiten Sonntag ausgehcn, und sic wußte kaum, wo das Theater, geschweige denn wo die Loge zu finden war. Es kam daher ganz von selbst, daß Avrohmche sich erbot, sic abzuholen, vor dein Hause auf sie zu warteii und sie sowohl ine Theater als auch wieder nach Hause zu bringen. Ihre eigene Mutter hätte, wenn sie gelebt hätte, sich keinen unschuldigeren Begleiter wünschen können — und für Avrohmche war es ein spätes, aber ein wirklicher Rendezvous mit all seiiier Sehnsucht und Geheimnißfnlle — auch er fühlte sich endlich juiig uiid glücklich! Emilie hatte sich gekleidet, als ob sie zum Ball gehen wollte, sie trug ein ausgeschnittenes Jaconettkleid und ein kleines seidener Halstuch verschämt um den Hals geschlagen. Sie sah so reizend, fast damenhaft aus, oaß Avrohmche ganz stolz darauf war, sie in dic Loge führen zu können; damit sie aber dem Publikum nicht allzusehr in die Augen falle, brachte er sie auf der zweiten Reihe an und stelltc sich selbst hinter ihr in der dritten Reihe, sich zu ihr hinabbeugend, erklärend, was auf der Bühne vorging und sie vorbereitend, waekommen würde. Höflich oder dankbar für seine Aufmerksamkeit, wie ermüdend sie auch war, wandte sie sich so oft wie möglich zu ihm um, und bei dieser Beweguiig glitt das kleine seidene Tuch häufig zur Seite, ohne daß sie in der Hitze darauf Acht gab. Avrohmche, der fühlte, daß dadurch seinen Augen etwas offenbart wurde, was ihm, ehrlich gestanden, nicht zukam, schob stets gewissenhaft und ganz vorsichtig das Tuch auf deffen ursprünglichen Platz zurück.