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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-05 · Heft 32 (5.8.1892) · p. Seite 379

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 32 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 379 (sequence 7)
Language
German
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Ohne daß er sich selbst Rechenschaft darüber ablegen konnte, war Avrohmche an diesem Abend und an den folgeiiden Tagen zu Ruthe, als ob er etwas, etwas Ungewöhnliches erlebt hätte. Es ist wahr, daß er von einer großen Augst und Gefahr befreit worden uHir, aber das war es nicht allein. Wie unbedeutend das Gespräch mit dem Mädchen auch gewesen sein mochte, es war doch etwas ganz Neues in seinem Leben. Wann sprach er mit Jemand außer über Nillets oder andere unbedeutende Dinge, die Gegenstand der Unterhaltung bei Madame Saß waren? Wann fragte er mit Interesse nach etwas? Wann brachte die Antwort auf seine Frage seinem Geiste eine solche saiifte Lebendigkeit wie die Antivort dieses Mädchens, aas vergnügt und genügsam in der Kraft seiner Jugend war? Es kommt eine Zeit in dem Leben eines jeden Mannes, wo die fugend auf ihn mit einer Macht wirkt, von der er in seiner eigenen fugend keinen Begriff hatte; aber auf Avrohmche wirkte diese Macht mit so stärker, als es ihm gänzlich ungewohnt war, daß Jemand ihn mit solchem Wohlwollen ansah und mit ihm sprach und zugleich so >chön war. Es leuchtete in dem Gemüih des alternden Menschen auf, als ob er auf eine sonderbare Art eine Schwester getroffen hatte, die er als solche nicht anerkennen durfte — und auch nicht merkennen wollte; denn es lag seinem Gedanken sehr fern, daß wischen ihm und einer Christin irgend eine nähere Beziehung, geschweige denn ein herzliches Berhültniß vorhanden sein könnte. Und doch war es ihm jedcsinal aufs Neue eine Erquickung, wenn ihm von dem Mädchen die Treppe hinab geleuchtet wurde und er ein Gespräch anknüpfte, das fast aus denselben Worten wie am ersten Abend bestand. Für ihn, der nur ihre Stimme hören und mitunter in ihr frisches Gesicht schauen wollte, war es fast ganz ateichgiltig, wonach er fragte und ivas sic antwortete, und er beuierkte nicht, daß er sich lächerlich machte, indem er stets dasselbe wiederholte. „Sie sind aus der Provinz?" — „Ja." — „Und Ihr Vater ut Gerber?" — „Ja." — „Und Sie haben eine Stiefmutter, die ik nicht zu Hause haben will?" — „Ja." — „Sie sind ein gutes Mädchen. Gute Nacht!" Und wenn sie dann mit ihrer lächelnden, klaren Stimme „Gute Nacht!" sagte, war er glücklich, diesen Klang mit sich nehmen ui können. Er hatte an etwas außerhalb seines gewöhnlichen, trockenen Lebens zu denken bekommen und sehnte sich danach und wurde jünger dadurch. Er ging weniger gebeugt, sah die Leute mit größerer Jreimüthigkcit an und legte das miirrische Wesen ab, das nach und nach mit dem Alter ihn beschlichen hatte und ihm oft schon Kunden verjagt hatte. Er kaufte sich einen neuen Rock, und obgleich ein guter natürlicher Grund dafür vorhanden war — der alte war viel schlecht —, erregte dies doch Aufmerksamkeit sowohl in der Nähe des Theaters als auch in der Straße, wo Madame Saß wohnte. „Was geht mit Nachtigall vor?" fragte man sich. Von jedem anderen, selbst neunzigjährigen Mann, der sich auf solche Weise verändert hätte, würde man wenigstens zum Scherz gesagt haben: „Er ist verliebt, er geht auf Freiersfüßen," aber Avrohmche gegenüber verfiel Niemand auf einen solchen Scherz, obwohl es Ernst damit war, wenn auch Avrohmche selbst nicht die geringste Ahnung davon hatte. Er fühlte nur zum ersten Mal in feinem Leben Freude am Leben, und zum ersten Mal seit seiner frühesten Jugend war in seiner Seele eine Sehnsucht mit Behagen eingezogen. Die Feder, die sein Vater nicht zerknickt, hatte, wenn auch aus eigenthümliche, sonderbare Weise, neue Spannkraft erlangt. Und es war so milde und sanft gekommen, war so wenig von Unruhe begleitet, war so naiv, daß er es selbst nicht bemerkte, abgesehen davon, daß er sich freudig gestimmt fühlte. Sv ergeht es vielleicht dem Walde an einem Rovembertag, wenn die Sonne wie im Frühjahr scheint. Zu dieser Zeit wurde Henrik Hertz' berühmtes Drama „Svend Dyrings Haus" zum ersten Mal aufgeführt und erzielte nicht nur einen großen Erfolg, sondern erweckte auch eine außerordentliche Gemüthsbewegung, besonders bei dein weiblichen Theil des Publikums; mehrere Damen, sagte man, seien vor Rührung ohnmächtig geworden. Am folgenden Freitag Abend, als die Söhne sich bei Viadame Saß versammelten, hatten sie alle das Stück gesehen und waren davon entzückt oder von dem öffentlichen Entzücken mit ergriffen; aber sie waren darüber einig, daß die Mutter das Stück nicht sehen sollte: sie würde die Gemüthsbewegnug nicht vertragen können. Avrohmche stand sehr unparteiisch dem Stück gegenüber, es füllte das Theater, überfüllte sogar die Logen, und das war insoweit gut; aber von der anderen Seite betrachtet, in Betreff seines ästhetischen Standpiuiktes war es schlecht, weil es keine Oper ivar und weil die Musik, welche es enthielt, ihm unverständlich war; sein Herz ivar in künstlerischem Sinne ganz von der Oper „Die Stumme", die zu gleicher Zeit aufgeführt wurde, und vor Allem von der Schlummer-Arie erfüllt, und er betrachtete die Begeisterung des Publikuins für „Svend Dyrings Haus" als einen Raptus. Aber er wünschte, daß Madame Saß in seine Loge gehen, das Stück sehen und von der Thvrheit der anderen mit ergriffen werden sollte, theils weil es ihm jetzt lieber als je zuvor war, Freude in dieses Haus zu bringen, theils auch weil er, indem er Madame Saß und der Tochter Billets anbot und sie nach dem Theater bringen und wieder abholen konnte, im Hause wenigstens für einen Angenblick als ein Mann von Bedeutung erschien. Er erhob deshalb mit ungewöhnlichem Eifer Einspruch gegen die Meinung der Söhne, daß die Mutter es nicht vertragen könne. „Vertragen?" sagte er. „Was ist da zu vertragen? Weshalb braucht man dabei ohnmächtig zu werden? Das verstehe ich nicht! Es fiel eine Frau in Ohnmacht, das ist richtig! Aber weshalb wurde sie ohnmächtig? Weil sie eine dicke Bauersfrau war und weil der Besitzer der Loge diese zu voll gepackt hatte, lind dieser Mensch ist ein Rezeiach. Aber werde ich die Loge zu voll packen, wenn ein guter Freund dieselbe besucht, und wird Madame Saß in meiner Loge nicht einen guten Platz auf der ersten Bank bekommen, ohne gedrückt zu werden, weder von vorn noch von hinten noch von einer Seite? — Vertragen? — Dummheit!" Aber einer der Söhne wiederholte seine Behauptung und stützte sie auf den Hinweis auf den Inhalt des Stückes. Er führte ziemlich wörtlich folgenden Satz daraus an: „Es kann ivohl jede Mutter sich selbst sagen Welche Milch meine Brüste Dir geben können." „Kann Mutter so etwas zu hören utib zu sehen vertragen?" fügte er hinzu. „Weshalb nicht?" rief Avrohmche. „Braucht Jemand in der Loge justeweil ein Frauenzimmer zu sein, um das zu wissen? Bin ich ein Frauenzimmer und weiß ich nicht, daß eine Frau, die todt

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