Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1892)
- Date
- 1892-07-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 l rchenbehörde erfreuen. — Dem zum großbritannischen Konsul ernannten «Geheimen Hofrath Albert v. Kaulla hier wurde vom König Wilhelm rns Exequatur ertheilt. | Oesterreich - Ungarn. * Wien, 25. Juli. Aus Anlaß des Busch Hofs-Prozesses haben die Antisemiten, welche nur mit Lügen arbeiten zu können scheinen, in ihrer Presse verbreitet, daß der Vertheidiger im Prozesse Rohling-Bloch, Dr. 7osef Kopp, für seine Vertheidigung 100,000 Fl. verlangt und 00,000 Fl. sieich 105,000 Mark thatsächlich erhalten habe. Hierüber zur Verant-!! Ortung gezogen, habe sich Dr. Kopp damit entschuldigt, daß er 20,000 Fl. gleich 35,000 Mk. für ein Gutachten an zwei deutsche Professoren habe wüsten müssen. Wie es sich mit diesen natürlich unter dem Schein ger chtlicher Feststellungen gemachten Behauptungen verhält, geht aus einem schreiben hervor, daß Reichsrathsabgeordneter Dr. Josef Kopp, den das . vreie Blatt", Organ zur Abwehr des Antisemitismus, um Aufklärung Ns Sachverhaltes ersuchte, an diese Zeitschrift gerichtet hat. Das Schreiben 7! r. Kopps lautet: „Wien, am 10. Juli 1802. Geehrte Redaktion! Ich erkläre, daß ich für eine Vertheidigung weder 100,000 Fl. verlangt,! noch 60,000 Fl. erhalten habe, daß ich überhaupt nie zur Verantwortung r, sogen wurde, daß ich nie behauptete, 20,000 Fl. an zwei deutsche Pro- '-'soren für ein Gutachten gezahlt zu haben. Ich kam nie in die Lage, Nit Herren Professoren etwas zu geben, dieselben wurden von dem k. k. Landgerichte Wien als Experten bestellt, und da sie keine österreichischen 7 laatsbeamten sind, somit nicht verhalten werden konnten, die Bestellung anzunehmen, so bedangen sie sich ein Honorar, daß mit Rücksicht auf? e ebenso umfängliche als schwierige Arbeit lUeberselzung intb vielfache! Läuterung von 820 hebräischen Texten und Beantwortung vieler Fragen) ißerst bescheiden war und nur einen kleinen Bru chtheil der behaupteten; imune betrug. Den geforderten Betrag mußte meine Klient zu Gericht legen, und das Honorar wurde vom Gericht den Herren nach geleisteter Arbeit eingesendet. Hochachtungsvoll Dr. Josef Kopp." X Lemberg, 25. Juli. Schwer lastet die Hand der barbarischen issischen Regierung auf unseren Brüdern in Rußland. Während der Insweisung der Juden aus den Dörfern mußten dieselbetr ihre mit großen - -.osten eingerichteten Etablissements, wie Mühlen, Theersiedereien u. A., cw Gutsbesitzern zu wahren Spottpreisen überlassen, und auch Hofiirdenträger, wie Flügeladjutant Graf Berg, scheuten sich nicht, diese Situation weidlich auszunützen und den Juden das Fell über die Ohren v.i ziehen. In den Städten fordern jetzt Bauern Baugriinde zurück, die '? vor 20—30 Jahren für baares Geld den Juden verkauft haben, v eiliger um des einen kleinen Werth repräsentirenden Baugrundes halber, No um die darauf gebauten werthvollen Häuser zu annektiren. So gelüstete es einen Bauerim Städtchen Radziwillow GouvernementVolhynien, -.ui Haus zu besitzen, welches auf einem von ihm vor 20 Jahren verl.lüften Baugrunde aufgebaut wurde, und Gouverneur Jankowski in chtornir, ein polnischer Renegat, entschied, daß das Grundstück binnen N Stunden mit oder ohne der von Juden darauf erbauten Gebäude om Bauer zurückzugeben sei. Um die Habsucht des Bauern zu bestrafen, Ne auch um des Beispiels halber, wurde an die Abtragung des massiven Gebäudes geschritten, und es legte die ganze Gemeinde, Jung und Alt, wand an, um weinend und klagend das Gebäude niederzureißen. — Das j u der Rechtszustand der Juden im sogenannten Ansiedlungsgebiete, wo luten der Aufenthalt gestattet ist. Eines Kommentares bedarf es nicht. Frankreich. * Paris, 22. Juli. Ueber die Vorgeschichte des Drumont-Görinlchen Judenhasses berichtet man von hier: „Drumont, der glückliche Erfinder des französischen Antisemitismus, dem seine Geistesthat binnen lcchs Jahren gegen 500,000 Francs eingebracht hat, liebt es, sich als unen uneigennützigen Vorkämpfer des Ideals aufzuspielen. „Mafin“ zeigt ° eit Ehrenmann in seiner richtigen Beleuchtung, indem er die Geschichte 'eines Blattes „La libre parole“ enthüllt. Es handelt sich da mit ein meines Geschäft, um eine Gründung, wie nur irgend der geriebenste Börsensemite sie ersinnen und durchführen könnte. Ein gewisser Görin, der hier als Herausgeber eines Fittanzwochenblattes „La Semaine nuanciere“ wohlbekannt ist, war der Macher, an den Drumont sich wendete, als er daran dachte, sein Unternehtnen auf die Beine zu bringen. Wie von ben zahlreichen Strafsachen gegen betrügerische Bankiers, richtiger Gimpelfänger, her genugsam bekannt ist, stehen alle derartigen „Finanzwochenblätter" mit einer Bank in Verbindung, deren "Aufgabe es ist, die Vögel zu rupfen, welche der Lerchenspiegel der Zeitung attgezogen hat. Görin nun wendete sich in seiner Eigenschaft als Leiter eines Bankgeschäftes mittelst vertraulichen Rundschreibens an auserlesene Bezieher seiner Zeitung und setzte ihnen auseinander, daß er ein Autisemitenblatt gründe, dessen Erfolg dadurch begründet sei, daß der berühmte Drumont an die Spitze dieses Unternehmens trete Drumont bringe einige hundert „Angelegenheiten" (d. h. Verleumdnngsmtd Erpressungssachen» mit, die er der Reihe nach in dem Blatte attftischen werde, und die nicht verfehlen würden, das nützlichste ^Aufsehen zu erregen Ten Grundstock des Blattes beschaffe man durch Ausgabe von 800 Antheilscheinen zu 2000 Francs (zu einem Gesammtbetrage von l,00o,ooo Francs>, und Görin forderte die Personen, an die er sich wendete, dringend auf, einett oder mehrere derartige Ant heilscheine zu übernehmett, da eine starke Preissteigerung und großer Gewitttt sicher seien. Diese Ausschrotung des "Antisemitismus ist schon sehr schött. Roch schöner aber wird sie durch ben Nachtrag, den „Paris“ heute zur Geschichte des „Malin“ liefert. Derselbe G<nnn, der als Leiter der „Sen,aine linanciere“ uud der hinter diesem Blatte lauernden Bank die „Libre parole“ gegründet und seinen Abnehmern großen Gewinn versprochen hat, war vor zwei Jahren Besitzer des „National“. Damals sandte er ttttter Beifügung eines Empfehlungsschreibens des Oberrabbiners Zadoc Kahtt ein Rundschreiben an Juden aus, deren Namett er int Adreßbuch fattd, und forderte sie auf, den „National“ zu beziehen mtd auch mit Anzeigen zu unterstützen, da dieses Blatt sich die Aufgabe gestellt habe, „die Juden gegen die böswilligen Angriffe, Verleumdungen und Lügen zu vertheidigen, welche die Antisemiten gegen sie richten". Vor einigen Tagen erklärte nun Drumont, daß er den Chefredakteur des „Mal.in“, Herrn Milne-Edwards, nie gesehen und gesprochen habe. Milne-Edwards erzählt sodann in seinem Blatte, daß er längere Zeit Trumonts Kollege in der Redaktion des unter der Leitung des Juden Arthur Mayer stehenden „Gaiiloi>“ gewesen ist und Herr Mayer den Feuilletonredakteur Drumont wegen seiner langweiligen Artikel entlassen habe Ilinc illae lacrimao. Damals hatte eben Drumont noch tticht den Antisemitismus erfunden — Das Interessanteste an der ganzen Sache ist, daß da wieder einmal gezeigt wird, wie verlogen man sein tttttß, mit von einem .Kollegen, neben dem man jahrelang gesessen hat, öffentlich zit behaupten, das; matt ihn nie gesehen habe!" Spätere Meldungen erzählen, das; der „Matin“ sich ein Eremplatentes Flugblattes verschafft hat, in welchem Drumont Isaak Pereire in der überschwänglichsten und lächerlichsten Weise feierte. Ta heißt es, die Leistungen der Brüder Pereire stellten selbst die Napoleons I. in ben Schatten, sie seien nicht nur bewunderungswürdig und genial, sondern geradezu göttlich. Die großen Finauzleute seien überhattpt schöpferisch. Zum Schluffe eitirt Herr Truinont den heiligen Ephraim, der nach seiner Meinung die Pereires und die ganze moderne Finanzknust bereits vorhergesehen habe. Holland. * Amsterdam, 24. Juli. Bis jetzt hatte man sich allgemein dem Glauben hingegebett, daß der A n t i f e m ttismus auf n ied e r l ä tt d i s ch e nt Grund und Boden niemals Wurzeln schlagen, wenigstens tticht. wie in Deutschland oder Oesterreich, sich zu dem Ansehen einer Partei erheben 1 würde. Seit einigen Wochen wird tttcttt diese Ansicht nicht mehr unbedingt festhalten können, denn die hochgehenden Wogen der Aufregung, welche der Buschhoff'sche Prozeß hervorgerttfen hat, ftnb auch über die Niederlande hingebraust mtd haben hier wesentlich dazu beigetragen, das; Vieles, was bisher nicht beachtet oder als höchst unbedeutend der Widerlegung nicht gewürdigt wurde, mit einem Wate greifbare Gestalt angenommen hat. Zwischen Deutschland unb Holland besteht indessen insofern ein sehr charakteristischer Unterschied Ni, als hier die Palme des Hetzerthums nicht ben Orthodoxen, sondern den Ultramontanen zuerkannt werden muß. In ultramontanen Blättern, wie „Tyd" und „Maasbode", spielte der jüdische Ritualmord dieselbe Rolle wie in deutschen Mucker- oder Kaplansblüttern. Was bis vor Kurzem ebenfalls hier noch für unmöglich gehalten wurde, ist die Thalsache, daß ein in Limburg erscheinendes ttnd von eittem Ultramontanen herausgegebenes atttisemitistches Hetzblatt, „Der Talmudjude", jetzt in Tausenden vott Exemplaren in den anderen Provinzen, namentlich in den größeren Städten, verbreitet nm'i>