Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1892)
- Date
- 1892-07-29
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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56. Jahrgang. Nr. 31. Berlin, 29. Juli 1892. Der Gemerndebote. Wertage zur „Ungemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. s- Berlin, 26. Juli. In der „Lehranstalt für die Wissen-! fd)etft des Judenthums" hat am 20 Juli die Prüfung zweier > Hörer, des Dr. El. Kalischer und des Dr A. Kaminka, stattgefunden.! Der Erstere reichte Arbeiten über die ihm aufgegebenen Themata: a) Ter! Identitätsbeweis für Personell und Sachen durch Zeichen und allgemeines Erkennen nach dem Talmud; b) Interpretation des Histia-Gebetes Jes. 38, 10—20), der Letztere a) seine in dem Sammelwerk: „Tie lüdisehe Litteratur seit Abschluß des .Kanon" (heransgegeben von Winter und Wünsche) erschienene Arbeit „Die Geonim und ihre Schriften" erweiterter Albdruck); b) Ethische Ideen in Leibnitz, ein. Die vier Arbeiten wurden befriedigend befunden. In der mündlichen Prüfung ließ Dr. Müller zwei Stellen aus Jebamot, Tr. Eassel einen Theil des Ps. 18 im Vergleich mit 2. Sam 22 interpretiren. Prof. Steinthal orüfte aus dem Gebiete der Ethik und Dr. Eassel aus denn der jüdischen Geschichte und Litteratur. Beiden Kandidaten wurde die Befähigung;unt Nabbineramte zuerkannt. Dieselben hatten vorher durch Predigten, ivelche sie unter Anleitung und Aufsicht des Rabbiner Tr. May bäum in hiesigen Gemeinde-Synagogen gehalten, ihre Befähigung als Kanzelredner dokumentirt. — Die durch die Frau Stadt rät hin A. Meyer der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" mx Stellung von Preisangaben zugewendeten 600 Mark waren in '.mi Preise ü 350 und ü 250 Mark getheilt, die Preisaufgaben: 1. Wie ist der Zweite Feiertag entstanden und welche Anfechtungen hat diese Einrichtung im Laufe der Jahrhunderte erfahren? 2. Geschichte der Orgelsrage, gestellt und der Beurtheilung des Lehrerkollegiums der Lehranstalt! übergeben worden. Dasselbe erkannte in seiner Konferenz vom 18. d. M., j nachdem die ein gegangenen Arbeiten den einzelnen Dozenten zugestellt j und von diesen gelesen und ceusirt waren, den ersten Preis dem j Dr. A. Kaminka (Vers, der Aufgabe ad 1), den zweiten Preis dem! >iud. Jose p h (Vers, der Aufgabe ml 2) zu. — Was den in Nr. 20 dieser Zeitung besprochenen Verein „Jung-Jsrael" betrifft, so hat dem Vernehmen nach die Verwaltung der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" diejenigen Hörer der Anstalt, welche dem genannten Verein angehören, vor die Alternative gestellt, entweder ans der Lehranstalt oder aus dem Verein „Jung-Jsrael" zu scheiden. * Berlin, 24. Juli. Das Urtheil im Prozeß Buschhoff ist! rechtskräftig geworden, da von keiner Seite gegen dasselbe Revision be- : autragt worden ist. Die Antisemiten hatten natürlich eine Kassation! des Urtheils erhofft. Von „juristischer Seite" ließ sich das „Volk" schreiben: i „Bekanntlich hatte der Obergeschworene Graf Lo5, weil er nicht von! Vuschhofss Unschuld überzeugt war, an den Vorsitzenden Kluth die Frage gerichtet, ob neben der Hauptfrage nicht noch eine mildernde Unterfrage! i Mitwissenschaft) gestellt werden dürfe? Hierauf erwiederte Letzterer einfach: „'Rein", anstatt, wie die Strafprozeßordnung es vorschreibt, darüber! einen Gerichtsbeschluß zu provozireu. Und zwei Staasanwälte hörten! das mit an, ohne sofort den strafprozeßlichen Einwand zu erheben. Hier! liegt offenbar ein unanfechtbarer Kassationsgrund vor. Falls die Staats-; auwaltschaft das Versehen rechtzeitig nachholt, würde das Reichsgericht * unzweifelhaft das Urtheil umstoßen. Hier bietet sich für Abgeordnete . und andere hochgestellte Personen eine treffliche Gelegenheit, durch direkten : Appell an den Herrn Justizminister dahin zu wirken, daß die Staatsanwalt-; schaft selbst die Kassation des Urtheils beantragt." — Hierzu schreibt! man uns gleichfalls von juristischer Seite: Die Notiz aus dem „Volk" j ist lächerlich. Ein Antrag auf Abänderung der Fragestellung 1. S. , > 201 St -P.-O ist von dem Obmann nicht gestellt worden — daher war Anlaß zu einem Gerichtsbeschluß nicht gegeben. Zu einer „Hilfsfrage" wegen Mitwiffenschaft Buschhoffs hatte offenbar die Verhandlung keine geeigneten Umstände geboten, deshalb ist solche gemäß 8 204 der St.-P.-O. nicht gestellt worden. Aul) deshalb wäre eine Revision gegen das Urtheil ohne Erfolg! Berlin, 27. Juli. Wie man uns telegrarhisch berichtet, enthält das gestrige „Clever Kreisblatt" die Meldung, daß der Justiz - minister gegen sämm.liehe antisemitische Zeitungen, die Verleumdungen des Gerichtshofs, der Staatsanwälte und Geschworenen gebracht haben, klagbar vorzngehen beabsichtigt. * Berlin, 25. Juli. Gegen die Fabel des jüdischen Ritnalmords nimmt der bekannte Berliner Professor der Theologie Hermann Strack in einer Zuschrift an die „Staatsb.-Ztg." Stellung. Der in Mailand erscheinende „Osservatore Cattolico" hatte 10,ooo Li res demjenigen geboten, „der die in 75 Artikeln des Blattes gebrachten wissenschaftlichen Beweise für das Vorhandensein des jüdischen Ritnalmordes widerlegt." Daraufhin erklärt sich Herr Strack bereit, die Unwissenschaftlichkeit und Unrichtigkeit jener Aufsätze zu beweisen, sobald, drei Schiedsrichter ernannt sind, deren Namen in der Welt irgendwelchen Klang haben. Er stellt dem „Osservatore Cattolico" frei, selbst diese drei Schiedsrichter, von denen zwei Katholiken sein können, ans der Zahl derer zu erwählen, welche an irgend einer Universität des deutschen Reiches (oder an der gleichstehenden Akademie zu Münster) Theologie oder Orientalia lehren. Inzwischen geht der berüchtigte Professor 'Rohling mit seinem Eid von Gericht zu Gericht hansiren, ohne daß auch nur eines derselben sich des unglücklichen Mannes erbarmt und seinen Eid — abnimmt. Ter Alaun ist, wie wir glauben, gar nicht mehr ernsthaft zu nehmen. * Berlin, 24. Juli. Neue Enthüllungen, „über welche die Well staunen wird", hatte Ah l wardt in der Versammlung des „Bundes zur Hebung des Mittelstandes" an gekündigt, hütete sich aber, von denselben etwas zu verratheu, weil „sein Mund jetzt noch gebunden sei". Im klebrigen brachte er nichts Neues zu Tage, als die Behauptung, daß sein (des Ahlwardt) „Hauptzenge" von der Löweschen Fabrik nach — Bukarest versetzt worden sei, daß dieser Zeuge ihm aber versprochen habe, pünklich zum Termin an Ort und Stelle zu sein. In Bezug ans den .L'antener Knabenmord wurde eineResolntion angenommen, welche sofort telegraphisch denn Jnstizminister übermittelt werden sollte, dahin gehend, daß durch den Vorsitzenden des Clever Genchtshofes die Bestimmungen der Strafprozeßordnung verletzt seien und daß in Folge dessen eine 'Revision des Prozesses statlsinden müsse. Eine zweite Resolution verlangt von der Staatsanwaltschaft die sofortige Verhaftung des Oberstlieutenants Kühne. Derselbe werde von den Antisemiten sehr genau beobachtet, er wolle verreisen und mithin liege Fluchtverdacht vor, der die sofortige Verhaftung rechtfertige. Mit der Annahme dieser Resolutionen endigte das saubere „Volksgericht". Berlin, 24. Mai. Ein merkwürdiger Mann ist vorgestern im 84. Lebensjahre in Marienfelde bei Berlin am Lnngenschlag gestorben: Tr. Benedikt A v 6 -Lallem a n t. Er war der hervorragendste Spezialist auf dem Gebiet der dentscheu Polizeiwissenschaft; sein vor 30 Jahren erschienenes vierbändiges Werk über das „deutsche Gaunerthnnl", namentlich die in demselben enthaltenen Forschungen über die Gaunersprache haben seinem Naimm einen Weltruf verschafft. Sein Zusammenhang mit dem Jndenthum datirt seltsamer Weise gerade von diesem Werke. Bei seinen Forschungen über den Ursprung des sogenannten Rothwälsch kam er auch ans das „Jndendeutseh", dem jener Dialekt bekanntlich viel entlehnt hat. Ein gründlicher Gelehrter, vertiefte er sich in diese Materie immer mehr, und diesem Umstand ist es zu danken, daß inan dort, wo man es am wenigsten suchen mochte, nämlich im dritten Bande seiner „Geschichte des Gaunerthums", eine ausführliche Geschichte und Grammatik des „jüdisch-deutschen" Jargons findet, die aber, wie wir zum Leidwesen der Antisemiten hervorheben wollen, durchaus objektiv und wohlwollend gehalten ist. Avd-Lallemant besaß übrigens eine ansehnliche jüdisch-deutsche Bibliothek. Es wäre Sache des „Deutsch-