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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-29 · Heft 31 (29.7.1892) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 31 (29.7.1892)
Date
1892-07-29
Page
Seite 372 (sequence 12)
Language
German
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372 Beamten gegen unverschuldete, vergewaltigende willkürliche Brodlosmachung zur Seite?! Und wenn solche Unglückliche in ihrer schreienden Noth endlich zu dem ihnen verheißenen Schutz der Staatsgesehe ihre Zuflucht nehmen, dann ist es nichts als der bloße „Brodpunkt", der sie treibt, auf dieser „abschüssigen Bahn" gegen die „besseren" Ausländer vorzugehen? Mein verehrter Herr Redakteur! Ich könnte Ihnen wohl eine Geschichte — eine Geschichte allerneuesten Datums und „pro domo!" — erzählen, wie es zugeht, wenn ein einheimischer Beamter von unseren jüdischen Kteingemeinder: abgesetzt wird, aus dem Sie und alle Ihre lieben Leser es anschaulich lernen könnten, daß es sich hier nicht um eine bloße Brodneid-, sondern um eine wirkliche Lebensuub Nothfrage handelt, die ja bekanntlich — Eisen brechen soll. Doch ich schließe lieber und schweige; dem,: npTftf JTD ln önig s b er g 0t m., 10. Juli 1802. Hochachtungsvoll ergebenst 'S. Nathan. Misceüen. ' Ter berühmte Physiologe, Senator Prof. Jakob Moleschott, bekanntlich seit langen Jahren in Rom lebend, gab dem von uns bereits erwähnten „'Antisemiten-Hammer" von Josef Schrattenholz folgenden Geleitsbrief mit auf den Weg: „Hochgeehrter Herr!-Daß der Kampf nicht beendigt ist, so oft man sich's auch hätte träumen lassen, dürfte wohl Niemandem klarer sein als einem freidenkenden Manne, dem es in die Wiege gelegt war, seine wirksamsten Jahre in der Hauptstadt des Glaubensunfugs zu verleben. Ist es doch nur als eine Nachwirkung der Inquisition zu verstehen, leas wir an der Scheide des neunzehnten Jahrhunderts seit vielen Jahren erleben und immer wieder iteu erleben. Alba ließ in Belgien die Ketzer zu Hunderten au ihren eigenen Thüren allfhängen xntb bedrückte das edelste Volk der Erde, indem er ihm sein echtes Blut und sein Geld, das zweite Blut, höhnisch und niarternd abzapfte. Die Antisemiten des neunzehnten Jahrhunderts kümmern sich nicht um die Gewissen, nicht um fremde, nicht mu das eigene, sie fallen über die Häuser her, sie brennen ulld sengen, verjagen die Menschen, als wärens Heerden lästiger Thiere, sie bcnetbon und verfolgen ihren Mitmenschen, weim er sie an Geist oder Glück überstrahlt. Tie Schmach ist um so größer, weil Staatsmänner und Machthaber lnitmachen, Priester, welche die Botschaft der Liebe bringen sollten, vergessen, daß Jesus ein Jude war, Lehrer des Rechts und der Bildung verleugnen, daß wir den Juden wie den Griechen die reichsten Ouellen unserer Menschlichkeit, den eigentlichen Menschenadel verdanken. Sie ist geradezu erschrecklich, lveil sie mit ihrer neidischen Wuth sogar einen Theil der sonst so edelmüthigen Jugend vergiftet hat. Sie ist doppelt empfindlich, weil die sogenannte christlich-germanische Partei, Lessings und Nathans vergessend, mit den Slaven streitet um das traurige Borrecht, die Niedertracht einer ungeschichtlichen Gesinnung zu bethätigen. Ist es der Inden Schuld, daß sie durchschnittlich begabter, edler gemüthswärmer sind als Ihr? Mußte es nicht so kommen, daß jene begabtere, unermüdlich strebenden, aufopfernd liebenden Menschen — Menschen wie Ihr —, nachdem man sie Jahrhunderte lang aus der Menschengemeinschaft, aus dem Schuh der Liebe und der freien Bewerbung verdrängt, verhöhnt, verpönt, verfolgt und mißhandelt hat, alle ihre Kraft, ihre List und ihre Liebe zusammennahmen, um sich dennoch den Boden zu erwerben, bei: der Mensch unter den Füßen haben muß, um ein menschenwürdiges Dasein zu leben und zu geben:? Man wirst ihnen: Prunksucht vor; sind etwa die christlichen Heerführer besser, welche die Kosten des Unterrichts beschneiden, aber für eine einzige Heerschau zur Feier eines fürstlichen Besuchs so viel verschleudern, wie die Erhaltung einer Hochschule nicht kostet? Man wirst ihnen Eitelkeit vor, und uian vergißt, daß der christliche Staat Genossenschaften ernährt, deren thenerstes Streben aus gegenseitige Beweihrauchung hinausläuft. Man spricht von ihrer Härte, als hätte man nie das Beispiel eines christlichen Bankiers erlebt, der rücksichtslos die kleinen Farnilien dem Elend preisgiebt, um seinen Zinspfennig zu erpressen, oder das ihm anvertraute Gut unterschlägt, wenn es sich darum handelt, auch nur für kurze Zeit den Schein seiner Zahlungsfähigkeit, die Lüge seiner Ehrenhaftigkeit zu retten. Soll es ihnen zum Rachtheil angerechnet werden, daß sie in der Regel genügsamer, sparsamer, vorsichtiger, klüger und ausdauernder sind als die Meisten, die, wie man sagt, minder weichen Rassen angehören? daß sie, auf ein enges Gebiet der menschlichen Thätigkeit verwiesen, im Erwerben, im Helfen, im Nachdenken erfolgreicher und größer wurden als viele Christen, die ihre Begabung über ein weiteres Gebiet zerstreuten und zersplitterten? Sind nicht etwa Rothschild, der seine bescheidene Vergangenheit nicht vergißt, Heinrich Heine, der den Menschen davor bewahrt, im Gefühl zu versinken, Spinoza, der die Gottheit in ihn verlegt, sind sie nicht der Menschheit Sinnbild, ihre Kunst und ihre Weisheit? und wäre es nöthig, auf die Psalmen zurückzugehen, um zu erkennen, daß Israels erhabene und demüthige Dichtung nach der Palme strebt, wie Homer und Hesiod. Der Antisemitisrnus ist Undank, ist Neid, iß der rohe Ausbruch einer irregeleiteten kommunistischen Gesinnung, die sich mit Stammeshaß, mit Glaubenseifer, mit Vaterlandsliebe bemäntelt. Seine Wuthausbrüche haben ihn geächtet und gerichtet. Aber man muß ausharren im Kampfe, denn die Dummheit ist wie die Hydra, der neue Köpfe nachwachsen, wenn man die alten zerschlägt. Und wenn n:an ausdauert, so wird der Gedanke siegen, wie er gesiegt hat über die weltliche Macht der Kirche und über diejenigen, die dem Volke Unmündigkeit bereiten, um es in Fesseln zu schlagen. Als Zeichen dieser Ausdauer begrüßt der Unterzeichnete das vorliegende Buch, auch ohne es gesehen zu haben, mit Heilwunsch und Segen. Der Jude lebe unter uns nicht blos mit der Freiheit, die ihm das Gesetz verleiht, sondern in der Liebe der Gesellschaft, als stachelndes Vorbild. Wenn wir seine Vorzüge anerkennen und zu venverthen trachten, wird er die unsrigen sich aneignen und dankbar schätzen. Wir werden einander lieben und segnen. Wir werden werkthätig erfüllen, was die zwei größten Juden, welche vielleicht auch die zwei größten Menschen waren, die je gelebt, was Jesus und Spinoza gepredigt haben. - — Rom, 25. Juni 1892. Mit verbindlicher Hochachtung Ihr ergebenster Jacob Moleschott. * Angesichts der Blntbeschuldigungen gegen die Juden und des Prozesses Buschhoff dürste folgende Nachricht, die wir dem „Ostasiatischen Lloyd" von Shanghai (10. Juni) entnehmen, sehr zeitgemäß sein. Das Blatt schreibt: In Wusieh, einer Stadt, die etwa zwanzig deutsche Meilen von Shanghai liegt und der Mittelpunkt der Seidenkultur Kiangsus ist, sind unter dem Volke während der letzten Wochen wieder zahlreiche Gerüchte über vorzunehmende Ausschreitungen gegen die christlichen Missionen laut geworden. Bekanntlich wurden in Wusieh im Sommer v. I. die katholischen Missionsgebüude sowie Kirchen niedergebrannt. Zu der unruhigen Stinnnung haben die Gerüchte An" laß gegeben, daß die Missionare einen großen Balken in der im Bau begriffenen Kirche anbringen werden, der zuerst mit den: Blute von 300 Kindern bemalt sein muß. Hört man irgendwo von einem Kinderdiebstahl, so heißt es sofort, daß dieselben an die Aiissionare zu besagtem Zwecke verkauft worden sind. An den Straßenecken Wusiehs fand man Plakate angeschlagen, welche besagten, daß so und so viele Kinder für Missionszwecke gestohlen worden seien. Eins dieser Plakate war folgenden Inhalts: — „Es ist wahr, daß die Katholiken dieses Platzes ihre Häscher aussenden, um anderer Leute Kinder zu stehlen und aus ihnen die Essenz ihrer Lebenskraft zu ziehen. Falls Eltern nicht achtsam sind, wird es ihnen schlecht gehen. Gutes Volk, vervielfältigt diese Plakate und schlagt sie überall au. Eine Unzahl von Kindern ist bereits auf diese Art umgekommen. D Himmel, nimm diese Höllenhunde, rotte diese Bestien aus. Die verfluchten Beamten dürfen es nicht wagen, die Fremden zu bestrafen." Die Beamten haben von ihren Vorgesetzten strengen Befehl bekommen, die Christen zu beschützen; Proklamationen gegen die Verbreitung dieser Plakate sind erlassen und verschiedene Schuldige bereits eingefangen worden, die zur Strafe in Ketten die Straßen parndiren müssen, um den Hals den Holzkragen tragend, auf den: geschrieben steht: „Für das Erfinden von grundlosen Gerüchten, um das Volk aufzuhetzen." Truct mw Verlag von Rudolf Moffe tu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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