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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-29 · Heft 31 (29.7.1892) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 31 (29.7.1892)
Date
1892-07-29
Page
Seite 370 (sequence 10)
Language
German
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370 (Ujnncen, Äoninnftnren auch in diesem Geschäft, und Avrohmche war oft auf das Grausamste zwischen den Pflichten gegen das Geschäft seines Vaters und seiner eigenen Loge getheilt, und die Folge war, das; er beide Geschäfte schlecht versah. Ohne die wahre Ursache des immer größer werdenden Mißvergnügens seines Vaters zu kennen, wurde sie ihm doch eines schönen Tages klar, denn endlich kam die ganze Geschichte an den Tag: Avrohmche hatte zu einem weit größeren Betrage Schulden gemacht, als ein einziger Platz im Theater während der ganzen Spielzeit ihm gekostet haben würde, und man wandte sich daher an den Vater wegen Bezahlung. Reb Schaie bezahlte die Schulden, gab Avrohmche eine Snmme Geldes und sagte zu ihm mit gedämpfter Stimme, in jüdisch-deutschem Jargon, der mit seinem geheiiiiiiißvollcn, slnchschwangercn Klange eine Macht besaß, wie die Worte ans Dänisch nicht anSzudrücken vermocht hüllen: „Geh' ans meinem Hans! des Theaters wegen wirst D» noch dazu kommen, einen Nagel zu suchen, um Dich daran auszuhängen! Tu bist ein unnützer rmd unbrauchbarer Mensch auf dieser Welt! Geh'!" In dieser Zeit war es, daß Leiser Suß und dessen Frau sich als Avrohmches beste, vielleicht einzige Freude erwiesen. Bei dieser Gelegenheit that Leiser Suß sogar etwas ganz Ungewöhnliches: er ging direkt zu Reb Schaie, um ihm seine Härte gegen den Sohn vorznhalten und die Sache wieder gut zu machen; aber er kehrte sehr niedergeschlagen zurück und sprach nie mehr davon, was zwischen ihm und dem Vater vorgefallen war. Aber z» Avrohmche sagte er: „Tn sollst dennoch keine Noth leiden, so lange ich ein Stück Fleisch habe." Sowohl er als seine Frau halfen nach besten Kräften Avrohmche einen Lebensplan zu entwerfen. Da keine Hoffnuiig vorhanden war, daß er seine Leidenschaft aufgeben würde, fand man cs ganz in der Ordnung, daß er sich gänzlich dem Theater widmete, zwar nicht der Bühne, sondern indem er eine oder mehrere Logen micthete und sich in der Nähe des Theaters nicderließ. Mit der gewonnenen Erfahrung und etwas Ausdauer ivar ein Lebensunterhalt dadurch zu gewinnen, mid — kurz und gut — er wnrd- Billcthändler. Nun ist es heraus, und nach der Einleitung sicht es nicht so schlimm ans »nd wird auch die Theilnahme der Leser für Avrohmche Nachtigall nicht vermindern. Es ist wahr: woher kam dieser Zunamc Nachtigall? — Er erhielt ihn wegen seines mißlnngencn Gesanges. Die Inden haben in merkwürdigem Grade das Talent, ironische Beinamen dieser Art zu geben. Aber Madame Saß erweiterte mitunter diesen Namen Nachtigall mit einer gewissei'. Malice, welche nicht eigentlich Böses bedeutete, sondern nur bewies, daß die Freundschaft sie nicht blind gegen die kleinen Uiivollkommeiihciten des Freundes machte. Sie sagt: „Nachts galH, am Tage nicht tliig." Leiser Suß starb, rmd nach einiger Zeit starb auch Reb Schaie und hinterließ dem Sohn ein kleines Vermögen, geringer als man erwartet hatte, aber doch groß genug für Avrohmche, um mit seinen bescheidenen Bedürfnisse» sich vom öffentlichen Leben zurückziehen und von seinen Zinsen leben zu können. Aber theils hat die Kunst, selbst in ihrem äußersten Vvrhvf, eine Anziehungskraft, der die Wenigsten, welche dieselbe einmal gekannt haben, sich zu entziehe!: vermögen, theils ist es für einen Mann überhaupt schwierig, feinen Gewohnheiten und seiner Thätigkeit zu entsagen. Auch in dem Spiel mit deii Logen liegt ein Reiz; cs giebt auch dort Triumphe, die, wen» auch klein, doch dem Herzen wohlthim; es giebt Abende, wo man eine gewisse Bedentnng erlangt, wo man mitten in dem Gal im Dänische» bedenket „verrückt". Leben, das so stark auf der Bühne pulsirt, lebt »nd auf dem Antlitz einen Widerschein des drinnen herrschenden Lichts bekommt. Dazu kommt noch, daß dies ein Ausweg ist, wenn alle anderen verschloffe» sind oder man weder das Verlangen noch die Kraft hat, sich eine» neuen Weg zu bahnen. Deshalb blieb Avrohmche Nachtigall Billethündler. Einen Augenblick vielleicht hätte er diese Stellung aufgeben mögen, nämlich kurz nach dem Tode seines Vaters, als er glaubte, ziim Entgelt für alles ihm erwiesene Gute Gitte heirathen zu müssen, indeiii er ihr seine Hand und seine Erbschaft anbot. Aber Gitte wollte nicht, und die Mutter zwang sie nicht, vielleicht weil sie sich noch mit der Hoffnung trug, daß ihre Tochter eine andere Partie machen könnte. Antrag und Abweisung wurden in aller Friedlichkeit ansgewechselt, und Avrohmches Verhältniß zum Hause Saß blieb unverändert. Er wohnte in einer engen Straße in der dritten Etage eines Seiteiigebändes bei einem Tischler oder richtiger: dicht neben einer Tischlerwerkstatt, und daher hatten seine Kleider stets einen gewissen Geruch nach Hobelspäneu, weshalb seine Konkurrenten die Loge, auf die er abonnirt hatte, Sarg nannten. Er rächte sich bei passenden Gelegenheiten nicht ohne Malice lind Witz, zog es aber vor, seine treffenden Bemerkungen mit einem Lächeln still vor sich hin zu »inrmeln, statt sie laut anszusprechen. Er war durch das Betonßtsein befriedigt, daß er das ihm angethane Leid vergolten habe, iind er fühlte sich außerdem als frommer Jude und als ein Mann, der nicht aus freier Wahl, sondern aus innerer Würde, tvelche ihn über alle Neckereien nnd über seine Stellung selbst erhob, Billethändler geworden war. Wer ihm zu der Zeit, bei welcher tvir jetzt angelangt sind, — in seinem fünfzigsten Jahr — begegnet Hütte: in langem Rock oder im Winter in ebenso langem Mantel, etivas vornüber gebeugt, blaß, mit einem milden, schwachen, stillen Lächeln, mit übereinander gelegten Händen in deii Aermeln, mit einer eigenthümlichen kleinen Bewegung des Kopfes nach der Seite, als ob er mit demselben fortwährend und halb immerklich Takt schlug, »nd mit einem Blinzeln der Augenlider in demselben Takte, würde nuwilltürlich die Vorstellung von einem Menschen empfangen haben, dessen Schicksal vollendet ist und der still und friedlich einen längeren oder kürzeren Weg zu seinem Grabe einhertrippelt. Durchaus nicht! Der Sturm in Avrohmches Leben sollte erst noch komme», und derselbe wurde durch ein einziges unvorsichtiges Wort oder durch den unvorsichtigen Gebrauch des einzigen Wortes „Suß" erregt. Als er eines Abends zur Familie Saß kam, hatten sie das Dienstmädchen gewechselt, und als Avrohmche das neue Gesicht in der Thür sah, begriff er schnell, was vorgegangen war, und ebenso schnell bekam er infolge seiner alten Abneigung gegen den für ihn stets neuen Namen Saß, den malitiöseu Einfall, zu fragen: „Ist Madame Suß zu Hause?" Das schliipfte ihm so iiber die Zunge. Er wollte dem Mädchen eigentlich nicht erzählen, daß ihre Herrschaft von Rechts wegen Suß heiße; er meinte vielleicht, daß sie cs überhört habe, und doch bedurfte er in diesem dämonischen Augenblick einer Vertrauten, wie König Midas' Barbier, der, wenn auch mir einem kleinen Erdhaufen auf dem Felde verrathen mußte, daß sein Herr Eselsohren hatte. Es war Avrohmche ein Vergnügen, das Wort anszusprechen, denn er bekam dadurch Luft; aber bereits in: nächste» Augenblick, als das Mädchen ganz richtig antwortete: „Ja Madame Saß ist zi> Hanse." verdroß es ihn, theils weil er die Antwort als eine verdiente Zurechtweisung fühlte, theils weil er fürchtete, daß das Mädchen es ihrer Herrin wiedererzählen könnte.

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