Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1892)
- Date
- 1892-07-29
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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369 .'aber auf ■' Spring- : Nachlaß verzeichnet es waren cs so gar mit Fülle nosse des Erreichen Tage hat 14 Tage l Stärke kein Gott clehrsamwfiel das in kleine en verlor doba gezu. r sich aus gen blieb, ndlich zu ser Suß. ui Leiser i todt ist, sondern ist. Den en; denn icht. Er unentlich , Bcobte man, )et oder inde das i ihm zu aber eine Söhnen, n Gesetz i und sie . Einer ei Kaufwch der ü gelebt, ] Jahre, : Tochter unver- : Tochter Augen nicht zu beseitigen vermochten — oder weil sie „nicht thätig genug mr ihr eigenes Glück" war. Das waren wohl nur einige Gründe oafiir und sämmliche Gründe nannte man „Gottes Wille". Die Brüder versuchten sie mit stiller Freundlichkeit, obwohl mitunter im Scherz, häufiger mit Geschenken zu trösten. Durch ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit vermochten sie von ihrem steigenden Gehalt eine» steigenden Beitrag zu dem Unterhalt der Mutter und Tochter zu leisten. Alle vier Söhne, die sich in der Vaterstadt befanden, kamen an jedem Freitag Abend ebenso sicher und regelmäßig bei der Mutter zusammen, vie diese die Sabbathleuchter anzündete und segnete. Mit Ausnahme des allmählich steigenden, schwach steigenden Wohlstandes war seit dem Tode des Vaters keine andere Veränderung ingetreten, als daß die Familie ihren Namen ein wenig verändert satte, und die Veranlassung dazu kam von Altona, wo, wie schon >cmerkt, der älteste Sohn Michael in Stellung war. Er sollte näm- 1s Associo des „Hauses" — es war ein Hcrrenkleiderladen — ausgenommen werden, und da sagte der Chef, der auch Lazarus hieß, Ines Tages zu ihm: „Du heißest Lazarus. Na, das ist ein gnicr Aame — ich kann natürlich nicht anders sagen. Aber man kann auch zu viel des Ente» bekemmen. Lazarus und Lazarus — sage mir vas Du willst, es macht sich nicht gut auf einem Schilde." „Aber Lazarus u. Co.," sagte der zukünftige Associo bescheiden. „Lazarus u. Co., und wenn man dann fragt: „„Wer ist der Kompagnon?"" — Lazarus! — Drehe und wende es, wie Du willst: .'azarus und Lazarus." „Ja, aber —" sagte Michael, wagte jedoch nicht, seine Ansicht listig auszusprechcn, die lautete: „Kann ich denn deshalb nicht lssocio werden?" Nach einer kleinen Pause fuhr der Chef fort: „Höre, Michael, agc mir, hatie Dein Vater nicht noch einen anderen Namen als teiser?" Michael erröthete und antwortete nicht. „Na, das bleibt ja unter uns, und es wird Deinen seligen Vater ui Grabe nicht stören. Aber wurde er nicht manchmal Leiser Suß icmimit?" „Das ist wohl möglich," antwortete Michael. „Na, dann haben wir's ja! Wer sagt Dir, daß Du jeden inzeluen Buchstaben in dem Namen Deines Vaters festhalten sollst, >esonders da er niemals mit seinem guten Willen diesen Namen zetragen hat! Wir setzen ein A statt des U. Saß ist ein guter!kame, Lazarus und Saß — das läßt sich hören, das macht sich gut!" Und dabei blieb es. Und als Michael, der jetzt das Haupt der ■vamilie war, sich Saß nannte, nahm ein Bruder nach dem anderen and endlich die Mutter, erst etwas ängstlich, aber schließlich, da Niemand Einspruch dagegen erhob, mit Freude de» Namen Saß an. Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß man in der Gemeinde aber die Namensveränderuug ein wenig spöttelte, aber Einspruch eruob man, wie gesagt, nicht. Der einzige, der die Veränderung nicht leiden konnte, war Avrohmche Nachtigall. Er war von seiner frühsten Jugend an gewohnt, in die Familie zu kommen; er war am Freitag Abend ebenso acher anwesend wie die Söhne; er hatte sie alle emporwachsen ge- 'eheii — er war acht Jahre älter als der älteste Sohn — er hatte mit ihnen gespielt, Kummer und Freude mit ihnen Allen gethcilt. war einmal die Rede davon gewesen, daß er Gitte haben sollte; aber dieser Gedanke war vvrübergegangcn, ohne eine Störung hervormrufeu. Als nun der neue Name zugleich mit verschiedenen neuen Möbeln und einem gewissen neuen „Air", gleichsain einem größeren Anspruch an das Leben, gekommen war, schien es ihm unsicher, undeutlich, als ob er zur Seite glitte, nicht »kehr so vollständig wie bisher zur Familie gehörte, und als ob seine unbedeutende Lebensstellung mehr als bisher bemerkt würde. Aber er hatte keinen sicheren Anhalt dafür; cs war nur ein unklares Gefühl, das plötzlich über ihn kam, aber ebenso schnell wieder verschwand. Deshalb konnte er den Namen Saß nicht leiden, aber er hütete sich wohl, dies auSzusprcchen. „Was war denn seine Lebensstellung?" wird man fragen. Der Leser möge mir gestatten, daß ich nicht gleich mit der Thür ins Haus falle, sondern ihn darauf vorbereite, wie er zu derselbe» kam. Er war der Sohn eines Mannes, der in der Gemeinde Reb Schaie hieß mit dem Beinamen Pollak, einer der Letzten, der im Kaftan und mit Pelzmütze und mit langem Bart cinhcrging. Aber obwohl Reb Schaie daher in seinem Acußern einem hausirenden polnischen Inden glich, war er doch ein verständiger und thätiger Mann und trieb einen nicht unbedeutenden Feile- und Pclzhandcl. Er führte Bücher — was im Handel jener Zeit nur ganz selten üblich war — und war im Ganzen genommen ein äußerst genauer, ernster und strenger Mann. Er wollte seinen Sohn natürlich in seinem Geschäft verwende», aber bei seinem Abraham (Avrohom, Diminutiv: Avrohmche) entwickelte sich eine stets wachsende Leidenschaft für Musik und Gesang Nicht nur wollte er, so oft er Gelegenheit dazu finden konnte, Musik hören, sondern es entschlüpften ihm auch hin und wieder Acnßerungcn, welche darauf hindeuten, daß er wünschte, jabegeistert hoffte, sich selbsthören lassen—zum Theater gehen zukönnen. Eine Zeit lang behandelte der Vater dies als eine Kinderei, als eine Träumerei, die im „Geschäft" vergehen würde; gegen seine Gewohnheit konnte er sogar über die Sache scherzen und sagte ironisch; „Avrvhuichc wird noch Chasan" (Vorsänger in der Synagoge). Aber als der Zufall ihn eines Abends nach der Dachkammer seines Sohne? hinauf führte, überraschte er Avrohmche, im Trikot mit einem Barett auf dem Kopfe, eine Bravour-Arie ausführend, während der alte Musiklehrer Leibche Schein, auch Levin Prise genannt, die Guitarre dazu spielte. Reb Schaie jagte Leibche Schein die Treppe hinunter und sagte zu seinem Sohn: „In gestrickten Unterhosen und Hut mit Federn! Warm» nicht mit dem Großkrcuz des Dancbrogordcns? Na! Solch ein Meschnggas müssen meine Augen sehen! Weißt Du selbst, wie verrückt Du bist? Ich will Dir nur ein einziges Wort sagen, höre mir zu: Diejenigen, welche Dich im Theater nicht Deiner langen Nase und Deines schiefen Mundes wegen auspfeifen, weißt Du, weshalb die Dich anspfeifen werden? Weißt Du das? —" „Nein, Vater —" „Deiner krummen Beine wegen." Diese grausamen, aber nicht ganz ungerechtfertigten Worte vernichteten ein Ideal, eine Hoffnung und ein Lebensziel in Avrohmche» Seele. Er war erst neunzehn Jahre alt, aber von diesem Augenblick an nicht mehr jung. Er zeigte sich aber nicht verzweifelt und beklagte sich Niemandem gegenüber. Indem eine Triebfeder in ihm gesprungen war, schien zugleich die Erinnerung daran, daß er eine solche Feder besessen habe, erloschen zu sei»; aber gleichzeitig war auch etwas von ihm selbst erloschen. Indessen blieb eine tiefe, stille Leidenschaft in ihm zurück: die Sehnsucht, Musik zu hören, und als der Vater, um ihn nicht in den Stand zu setzen, einen Mnsiklehrcr zu bezahlen ihn noch knapper als früher hielt, verfiel Avrohmche auf den Gedanken eine Loge im königlichen Theater zu miethen und Billets zu verkaufen, um selbst frei ins Theater gehen zu können. Eine Zeit lang hatte er auch Gliick; aber wie die Pflanze, um Blüthen und Früchte anzusetzen, nothwendiger Weise einer gewissen Summe von Wärme bedarf, so bedarf auch jedes Geschäft, wie bescheiden cs immer sei, auf die Dauer einer gewissen Summe von Zeit und Sorgfalt. Alle Billets einer Theaterloge gehen nicht immer wie die frischen Semmclu beim Bäcker ab; man muß sich umthun; es gicbt Konkurrenten,