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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-29 · Heft 31 (29.7.1892) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 31 (29.7.1892)
Date
1892-07-29
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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362 Eine That. Berlin, 26. Juli. Endlich einmal eine Thal, oder wenigstens der Versuch einer solchen! Wir gestehen es gern, dost von allen Versuchen der letzten Jahre, gegenüber den Anfeindungen von außen das religiöse Leben > im Innern auf festere Stützpunkte zu stellen, kaum einer praktischer ' und anssichtsvoller erscheint, als der in dein nachfolgenden Schreiben j ungebahnte, das der Vorstand der israelitischen Kultus-! gemeinde in Wien an die Vertreter der Groß - Gemeinden j gerichtet hat. Der Wortlaut ist folgender: „Hochgeehrte Herren!! Sie tverden gclviß inil uns den großen llcbclstand wahrgenom- I men habe», daß der religiöse Jndiffercntismns im Allgemeinen und auch bei unseren Glaubensgenossen in erschreckender Weise fort-; während im Zunchnien begriffen ist. Ganz besonders beklagenswerth i und dringend der Abhilfe bedürftig erscheint uns an dieser Kala-! niität noch der Umstand, daß dieses Schwinden des religiösen Sinnes! in anffälligster Weise und mehr noch als bei den Männern bei den Frauen herbortritt. Muster und Citeflc» religiöse» Gefühles und frommen Sinnes, wie es die jüdischen Franc» in nicht z» ferner . Vergangenheit waren, müssen sie heute in diesen hervorragendsten ■ weiblichen Fugenden von Frauen anderer Bekenntnisse sich oft den Vorrang ablanfen lassen. Es ist wohl dies znmeist darin begründet das; wir für die Frauen keinen eigentlichen Kultus haben; für die i Tauer ist cnx solcher Zustand unstatthaft, denn eine Familie kann ' eben so wenig wie ein Staat für die Dauer ohne Religion gedeihen.; Es ist zweifellos, daß der gegenwärtige Religionsunterricht eben so! wenig wie die gottesdienstlichen Einrichtungen int Tempel genügen, : den religiösen Sinn zu fesseln; es ist dies auch nicht anders möglich, denn bei den großen Anforderungen, welche die realen Wissenschaften heute an die Jugend stellen, erübrigt für den Religionsunterricht viel zu wenig Zeit, um ihn gründlich ertheilen zu können; Predigten finde» nur an Samstagen und Feiertagen statt, an denen bei der Heuligen entwickelten umfangreichen Geschäftsthätigkeit der Besuch des Tempels unmöglich ist. Ganz besonders bedauerlich ist es, daß gerade die Jugend an Samstagen den Tempel nicht besuchen kann, weil Studenteir durch die Schule, Kommis und Beamte durch ihre Bernfspflichten davon abgehalten werde». Es ist demnach nach unserer Uebcrzengung die allerwichtigste Aufgabe eines Gcmeindevorstandcs, sich mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen und Mittel aufzusuchen, um das religiöse Bewußtsein unserer Glaubensgenossen zu heben und zu befestigen; bei der Wichtigkeit der Angelegenheit halten wir es für zweckmäßig, daß die ersten Gemeinden, nämlich von Berlin, London, Paris, Budapest und Wien, dariibcr Berathnngen pflege» und dasjenige, was zu geschehen hat, gleichmäßig geschehe. Tie Hauptstädte haben mittelbar einen Einfluß auf die Provinzial-Stüdte und durch die Allgemeinheit der Einrichtungen würden dieselben auch an Autorität gewinnen, die zu einem erfolgreichen Resultate unentbehrlich ist. Wir erlauben rms ausdrücklich zu bemerken, daß wir uns keineswegs einlassen wollen, über Traditionen oder über Formen zu entscheiden, wie überhaupt Erörterungen von Fragen anfznstellen, deren Erledigung in das Gebiet der Theologen gehört, deren Benrtheilnng ausschließlich den dazu berufenen Rabbinern überlassen werden muß; unsere Aufgabe kann nur ausschließlich sein, Mittel zu schaffen, um die Mission des Jndenthums sowie dessen glorreiche Vergangenheit nnscren Glaubensgenosse» zum Bewußtsein zu bringen. In diesen beiden wichtigsten Faktoren des jüdischen Volkes giebt es keine Verschiedenheit der Anschauung zwischen denen, die der orthodoxe» und die der Reform-Partei angehören, denn hier handelt es sich nicht um Hypothesen, sondern um bestimmte geschichtliche Thatsachen, tvorin alle Parteien einig sind. Wir erlaube» uns demnach Sie zu bitten, zu einer Berat hung in dieser wichtige» Angelegenheit für Dienstag, den E.Septcmber d. I., Ihre Delegirten nach Wien entsenden zu wollen. Bor 9 Jahren hatten wir bereits eine Konferenz in Koblenz, wozu Sie die Güte hatten, Delegirte z» entsenden, welcher wir bedeutende Resultate verdanken. Es sei hier insbesondere der Beschluß hervorgehobcn, in Galizien kulturell zu wirken, in dessen Gefolge bei der Fortsetzung der Berathnngen in der „Alliance israölite" in Paris und Wien Herr Baron Hirsch veranlaßt wurde, in so großartiger mnnifizenler Weise sich diese Aufgabe zu stellen. So zweifeln wir denn nicht, daß auch die bevorstehende Konferenz, zu welcher wir Sie einzuladen die Ehre haben, mit Gottes Hilfe ebenfalls von gedeihlichen; Erfolge begleitet sein wird. Wir sehen Ihrer gütigen Nachricht diesbezüglich gern entgegen und cnipfehlen uns Ihnen. Wien, 12. Juli 1892." Wir begnügen uns für heute, dieses wichtige Aktenstück mitzutheilcn und unsere aufrichtige Genugthuung darüber ausznsprcchen. Auf den Inhalt desselben tverden wir noch oft zurückzukonnnen Gelegenheit haben. Ner Knabenmord in Fanten. (Schluß.) Sechster V e r h a n d l u n g s t a g, 9. Juli. Gegen 9 Uhr Vormittags eröffnet der Präsident, Landgerichts- Direktor Kluth, die Sitzung. Auf Eintrag des Ersten Staatsanwalts wird Polizei-Sergeant Schlöer, der an der Haussuchung bei Buschhoff theilgenounnen, über einen bei Letzterem, wie behauptet worden, versteckt Vorgefundenen Sack von zum Theil rauchbrauner Farbe vernommen, in dem sich Spreuspuren befinden. Zeuge behauptet, den Sack in einem unverschlossenen Schranke gefunden zu haben. Der Präsident befragt Buschhoff über die Farbe des Sackes. — Buschhoff: Herr Präsident, den Sack haben wir beim Fleischräuchern benutzt. — Präs.: War etwas in dem Sacke drin? — Buschhoff: Ich glaube, es ist Stroh drin gewesen. Wir benutzen den Sack im Winter zum Zustopfen des Kellerloches und thaten zu dem Zwecke Stroh und Kaff hinein. — Der Präsident zeigt den Geschworenen den Sack, die in demselben Vorgefundene Spreu und auch die Spreu, die in den Händen des ermordeten Knaben vorgefunden wurde. Es wird konstatirt, daß die Spreu, die in dein Sack gefunden wurde, mit der Spreu in den Händen der Leiche nicht übereinstimmt. — Bürgermeister Schleß gewann durch die Aufregung der Frau Buschhoff bei ihrer Vernehmung durch die Beschlagnahme des Sackes die Ansicht, daß die braune Farbe von Blutflecken herrühre. — Oberstaatsanwalt Hamm: Zu welcher Tageszeit haben Sie den Sack besichtigt? Zeuge: Es war bereits Abend, ich hatte aber die Lampe angezünbet. — Präs.: Herr Polizei-Sergeant Schlöer! Weshalb haben Sie gerade diesen Sack konfiszirt? — Zeuge: Weil ich die dunkle Farbe für Blutspuren hielt! Präs.: Wohnten Sie der Vernehmung der Frau Buschhoff bei dem Herrn Bürgermeister bei? — Zeuge: Jawohl. — Präs.: Frau Buschhoff hat gesagt: „Ach, Herr Bürgermeister, nun haben Sie uns noch diesen Sack konfiszirt, den brauchen wir, wenn wir Fleisch räuchern, um ihn über das Rauchfaß zu legen?" — Zeuge: Jawohl. — Der Oberstaatsanwalt bemerkt, daß die letzte Bekundung der beiden Zeugen neu sei. - Es erscheint alsdann als Zeugin Fräulein Devers, Tochter des Stadtsekretärs in kanten: Am Peter-Paulstage, den 29. Juni d. I., war in Fanten Schlitzenfest. Ich war mit meinen Geschwistern auf dem Schützenplatz. Da hörte ich, daß Junkermann jr. heftig auf die Juden schimpfte und nach Bekanntwerden des Mordes sagte: „Das haben die Juden gethau." Tagelöhner Langer bekundet, daß eines Tages Mölders zu ihm gekommen sei und gesagt habe, erkenne ben Mörder, wolle es aber nur nicht sagen. Präs.: War der Mann betrunken? — Zeuge: Das weiß ich nicht. — Gärtner Overhagen: Er sei Nachbar von Mölders und könne nichts Nachtheiliges von ihm sagen. — Präs.: Sind Sie der Meinung, daß, wenn Mölders vor Gericht einen Eid leistet, er die Wahrheit sagt? — Zeuge: Jawohl. — Frau Beckmann bekundet unter Anderem: Der Klempner Ullenboom habe ihr einmal gesagt: Es sei sehr falsch, daß Mölders behauptet, der kleine Hegmann sei am Vormittage des Peter- und Paulstages in das

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