Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 '' oeldeke, dessen Gutachten imLantener Prozeß ihnen ihren Haupt- »ätationsstoff, den Ritualmord, zunichte gemacht hat. Der Vorsitzende rv$ Krefelder „Deutschen Reform-Vereins", ein Herr Dr. Jürgens, tele- >- aphirte sofort an „seinen" Sachverständigen, den bekannten Fälscher ."Rohling in Prag, die Worte: „Geheimrath Rohling, Prag Im Prozeß Vuschhoff behauptet Sachverständiger Noeldeke Straßburg: Irgend eine -Vorschrift des Tallnud über Erlaubtheit oder Gottgefälligkeit des Ritualn-ordes und des Betruges sei bis jetzt nicht erwiesen. Nur boshafte '-mslegung erkläre das. Professor Delitzsch-Leipzig habe alle derartigen stellen widerlegt. Talmud enthalte über Ritnalmord soviel wie über Eisenbahnen. Solche Behauptungen seien frivol. Wir bitten um waldigste telegraphische Rückäußerung. Deutscher Reform-Verein Dr. Jürgens." Hierauf lief natürlich folgende Depesche von Herrn Provisor Rohling ein: „Dr. Jürgens, Krefeld. Delitzsch wurde durch Viktor widerlegt bei Fritz-Leipzig. Tallnud-Ausgaben sind kastrirt, deuten aber een speziellen Ostermord sogar an, welchen die Geschichte bestätigt. Rohling." Was kommt's dem guten Mann auch auf eine Lüge mehr oder weniger > . u. Daß die kleineren Preßkläffer den Straßburger Gelehrten anbellen, und daß zahllose kleine Ahlwardts ihm ihre anonymen Schmähbriefe ischicken, das liegt im Charakter dieser Leute und hat wohl auch Proü-ssor Noeldeke kalt gelassen. Wenn aber die zeitige Hauptführerin im Wtzlager, die katholische „Gerumnia", die Dreistigkeit besitzt, zu fragen, - ie viel dem Gelehrten sein Gutachten in diesem Prozeß eingebracht habe, nid wer es zahle, da Buschhoff doch arm sei, so geschieht es ihr schon 'techt, wenn sie nun folgender Erklärung in ihren eigenen Spalten Platz eben muß: „Straßburg i. Elf., 14. Juli 1892. In einen: Artikel vom 13. Juli (3. Blatt) behaupten Sie, ich hätte uir das Gutachten, das ich seiner Zeit (in Gemeinschaft mit Professor Wünsche in Dresden) in der Rohling-Blochffchen Sache abgefaßt habe, "»•VX)0 Mark erhalten; die Wahrheit gehe daraus hervor, daß ich auf eie Enthüllungen des Wiener Prozesses geschwiegen hätte. Hierauf erkläre ich 1. daß ich von dem Wiener Prozeß absolut nichts gehört habe, daß das Honorar, welches ich für die überaus mühsame und umfängliche Arbeit erhalten habe, nur einen kleinen Bruchtheil der oben genannten Sulnme ausmacht. Ich darf vielleicht noch hinzufügen, daß das nach bestem Wissen und Gewissen abgefaßte Gutachten sich zwar gegen Rohling aussprach, in Einigem aber ihm gegen Bloch Recht gab. Für die Reise nach Cleve und den Aufenthalt dort ward nur auf Anordmmg des Vertheidigers eine Summe übersandt, die als Entschädigung nir Anstrengung und Versäumniß schwerlich zu hoch anzusehen wäre, la ich aber von vornherein fürchtete, es könne heißen, ich sei „von den Fuden" fürstlich bezahlt, habe ich noch vor der Reise dem Herrn Verlheidiger (Rechtsanwalt Gammersbach) mitgetheilt, ich würde genau das nehmen, was mir nach der Gebührenordnung zustehe, den Rest, falls darüber nichts Anderes verfügt werde, zur Hälfte den Barmherzigen Schwestern und den (evangelischen) Diakonissen hier überweisen. Das ist denn auch unmittelbar nach meiner Rückkehr geschehen; diese beider: Anstalten, welche Tag für Tag die christliche Liebe gegen die Genossen jeden Glaubens durch die That bewähren, haben von jener Sunune nicht unbedeutend mehr als ich. Dr. Th. Noeldeke, ord. Prof, an der Kaiser Wilhelm-Universität Straßburg." * Frankfurt a. M, 18. Juli. Die Kaiserin Friedrich, das griechische Kronprinzenpaar, sowie Prinzessin Margarethe von Preußen und Prinz Friedrich Karl von Hessen hatten sich am vorigen Dienstag mit der Landgräfin von Hessen bei der Familie Willy von Rothschild ein Rendezvous gegeben. Die Herrschaften waren in drei Equipagen und einem Gig, welches die Prinzessin Margarethe selbst lenkte, von Homburg herübergefahren und hatten ihren Weg über Preungesheim, Eckenheim, durch die Miquel- und Ginnheiinerstraße nach dem Grüneburgweg genommen. Nachdem sie über eine Stunde auf der Grüneburg verweilt und daselbst den Thee eingenommen hatten, fuhren ste, nachdem ihnen noch beim Abschied von der Baronin v. Rothschild prachtvolle Blumenbouquets überreicht worden waren, nach Homburg zurück. Oesterreich - Ungarn. I)r. W—s. Wien, 20. Juli. Es n:ag wohl das erste Mal der Fall sein, daß der Jahresbericht einer österreichischen Staats- Mittelschule mit einem wissenschaftlichen Beitrag des israel. Religionslehrers eröffnet wird. Vor mir liegt das soeben zur Ausgabe gelangte „Einunddreißigste Programn: der J. deutschen Staats-Realschule in Prag", an dessen Spitze sich ein in mancher Beziehung interessanter Aufsatz von Rabbiner M. Stark, israel. Religionslehrer der Anstalt, unter dem Titel „Die Schriftgelehrten" befindet. Diese Thatsache, an und für sich erfreulich, ist hauptsächlich deswegen vo:: nicht zu unterschätzender Bedeutung, weil sie uns zu beweisen scheint, wie sich in nmßgebenden .Kreisen das Bewußtsein immer mehr geltend zu machen beginnt, daß der israel. Religionslehrer infolge seiner Intelligenz und pädagogischen Befähigung in jeder Beziehung in den Gesammtlehrkörper rezipirt zu werden verdient, ein Umstand, der für die Würde des Gegenstandes, für den gedeihlichen Fortgang des Unterrichts und hauptsächlich für die Disziplin nur von den segensreichsten Folgen begleitet sein kann. Das führt darauf, daß die Anforderungen, denen der israel. Religionslehrer, insbesondere der an Gymnasien und Realschulen, zu genügen hat, durchaus nicht gering find, und müssen auch demgemäß für das Lehramt der israel. Religion an Mittelschulen in Wien, Prag und Brünn außer theologischen Kenntnissen entweder eine Staatsprüfung oder der Doktorgrad nachgewiesen werden, woraus hervorgeht, wie rigoros man in dieser Beziehung in neuester Zeit bei uns verfährt, indeu: nur Kandidaten zugelassen werden, die würdig sind, mit den anderen Lehrpersonen nicht nur die gleichen Pflichten, sondern auch die gleichen Rechte zu theilen. Aus der zu Beginn dieser Zeilen angeführten Thatsache ist aber zu ersehen, daß die diesbezüglichen Bestrebungen der Gerneinden, unter denen: besonders die Wiener mit ihren tüchtigen Funktionären in der Schulsektion lobend hervorgehoben zu werden verdient, bereits schöne Früchte zu tragen beginnen. Es wäre nur zu wünschen, daß die hiesige Gemeinde auch bald die beabsichtigten Schritte behufs Sicherung der materiellen Lage erwähnter Lehrer, sowie behufs Einreihung derselben in den Status wirklicher Lehrer au Staatsaustalten zur Ausführung bringe, und brauchte da blos an einen vor einigen Monaten im Abgeordnetenhaus^ wenn ich nicht irre, vom Grafen Stürck im gleichen Sinne eingebrachten 'Antrag angeknüpft zu werden. Vielleicht ließen sich mit ein wenig Beharrlichkeit in der Behandlung dieser Frage in nicht zu ferner Zeit doch einige greifbare Erfolge erzielen. * Wien, i9. Juli. In der gestern unter Vorsitz des Ministers Zaleski stattgehabteu Konferenz zur Erörterung der Galizien und die Bukowina bedrohenden Choleragefahr hob Sektionschef Erb die Mangelhaftigkeit des russischen Sanitätsdienstes hervor und wies auf die Truppenkonzentrirung an der Grenze und das Zusammenströmen jüdischer Elemente daselbst, sowie auf die daraus erwachsenden großen Gefahren hin; obgleich bisher in Galizien wie in der Bukowina kein Cholerafall vorgekommen sei, scheine es doch nothweudig, daß die Bevölkerung auf die inuninente Gefahr aufmerksam gemacht werde. Nach Entgegennahme der Mittheilung über die bereits getroffenen Maßregeln wurde beschlossen, auf die öffentliche Meinung in Galizien in diesem Sinne einzuwirken. Der Minister des Innern hat aus sanitären Gründen die Aufnahme von aus Rußland einwandernden Juden untersagt. Großbritannien. §8 London, 14. Juli. Die Entscheidung des englischen Oberrabbiners Dr. Adler über verschiedene Punkte des jüdischer: Ritus, welche bei den Orthodoxen nicht wenig Anstoß erregen, hat der Londoner jüdischen Reforvlgemeinde den Anstoß gegeben, ihren: Seelsorger, Professor David Marks, einen sehr weitgehenden Vorschlag zu machen. Derselbe besteht darin, daß in Zukunft alle Stellen des Pentateuchs, welche sich auf die Opfer, die levitischen Gesetze und das Cereruoniell vor der Bundeslade beziehen, weder während des Gottesdienstes, noch in der Schule zur Verlesung gebracht werden sollen. Auch andere Stellen, „welche sich nicht zun: Lesen in englischer Sprache" eignen, sollen ausgeschlossen sein. In Zukunft soll nur eine solche Ausgabe des Pentateuchs, in welcher alle diese besagten Stellen ausgemerzt sind, gebraucht werden. Prof. Marks hat seine Entscheidung noch nicht abgegeben. Einige der Spitzen der Londoner jüdischen Gemeinde, wie Sir Julian Goldsnnd, F. D. Mocatta, Sir John Simon, Sir Phillip Magnus, gehören der Reformrichtung an. L London, 16. Juli. Bei den Wahlen zum Unterhause ist auch sieben Israeliten die Ehre zu Theil geworden, ein Mandat; von ihren Mitbürgern zu erhalten. Es sind dies Mr. Benjamin