Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Major v. Moltke, über die Pläne der Antisemiten in Betreff eines neuen Ministeriums, über die Versuche, Arbeiter zum Stehlen von Gewehren zu bewegen und dergleichen schöne antisemitische Thaten. Geld wird von beu Antisemiten dabei in Hülle und Fülle — versprochen, aber nicht gezahlt. Doch hiervon giebt es Ausnahmen. Der Zeuge Gans, der über "Ahlwardt dem Verfasser der Broschüre noch weitere Mittheilungen machen wollte, erhielt —so wird wenigstens behauptet — von der Frau Rektor 500 Mark und erschien nicht wieder. Sehr komisch ist eine Sitzung des Deutschen Antisemitenbundes, tu der ein Schwindler über beit Blutaberglauben Bericht erstattete, tmb zwar in solcher Weise, das; schließlich selbst den betrogenen Betrügern ein Licht aufging, und daß der „Vortragende" hinausgewiesen wurde. Wir übernehmen für die Angaben der Broschüre natürlich keine Gewähr. Thatsache ist aber, daß Ahlwardt und die tu derselben aufgeführten Gewährsmänner bereits einetn sehr langen Verhör durch den Untersuchungsrichter Pochhammer unterworfen gewesen sind. Außerdem können wir mittheilen, daß die Reihe der Veröffentlichungen hiermit noch nicht geschlossen ist, daß vielmehr schon die nächsten Tage wieder „neue Enthültuttgen" bringen werden. * Berlin, 18. Juli. Ahlwardt hat, wie man weiß, die Dreistigkeit gehabt, in einer seiner Reden, die er in Sachsen gehalten, den König Albert als den Hort des Antisemitismus zu preisen. Nach der fceisinnigett Oschatzer Zeitttug hat sich nun König Albert von Sachsen mißbilligend über Ahlwardts Treiben ausgesprochen. Daß Ahlwardts "Aussage eine Erfindung war, stand von vornherein fest; daß aber der Antisemitisnttls Sachsen bereits in einer grauenvollen Weise durchseucht hat, ist gleichfalls leider feststehend. ^2 Berlin, 18. Juli. Dem Unfug der antisemitischen Plakate an den Berliner Anschlagsäulen ist, wie ein Berichterstatter mittheilt, jetzt endlich geftetiert worden. Die Herren Nauck und Hartntann sind vout Magistrat angewiesen worden, darauf zu achten, daß sich auf den Plakaten an den Litfaßsäulen keine Beleidigungen gegen die Judett beuterkbar tttachen. Dem antisentitischen Verein „Westen" wurde deswegen der Druck von Plakaten, auf welchem zu eittem „Volksgericht" eingeladen wurde, abgelehnt. Ebenso wurde es abgelehnt, auf den Plakaten die Notiz zu vermerken, daß Talmudauszüge im Versammlungssaale vertheilt würden. Auch die Bezeichttung „Volksthing" wttrde zurückgewiesen, so daß die Atttisemiten wieder zu dem nicht mehr recht zugkräftigen „Große öffentliche Volksversammlung" werden greifen müssen. — Nach einer anderweitigen, die vorstehende Mittheilung bestätigenden Nachricht sollte das „Volksgericht" — über das Schwurgericht itt Cleve ab gehalten werden! * Berlin, 20. Juli. Wie ein Telegramm meldet, wttrden in den letzten Tagen auf dem jüdischen Fried Hofe zu Grevenbroich mehrere tteue Grabstente zertrümutert und die einzelnen Stücke umhergeschleudert. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag wurde ebendort in dem Hause eines jüdischen Kaufmanns vermittelst eines großen Pflastersteins eine Spiegelscheibe eingeworfen; ebenso wurden in der Synagoge zwei Fenster zertrümtuert. In dem eine halbe Stunde entferttten Orte Gindorf wurde in der Nacht zum Montag an dem einer jüdischen Wittwe, Namens Behr, gehörigen Hause eine eiserne mit Sprengstoff gefüllte Röhre eutzüttdet und dadurch das Eingangsthor zertrümmert. Die Thäter sollen erkannt sein. Tie jüdische Bevölkerung sieht sorgenvoll den kommenden Tagen entgegen, umsomehr als aut Sonntag eine antisemitische Versammltntg stattsinden soll. So weit die tnts zugehettde Meldung. Wir sind der Zuversicht, daß die Behörden bei Zeiten vorsorgende Maßregeln treffen und nicht abwarten werden, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. £ Schneidemiihl, 21. Juli. In der letzten Nuntmer dieses Blattes sind Bemerkungen über die verschiedenartigen Bezeichnungen, welche sich die Vorstände der jüdischen Gemeinden für ihr Amt geben, enthalten. Es wäre auch Zeit, daß hierin Wandel geschafft und, wie in der betreffenden Korrespondenz richtig bemerkt, überall nur die Zeichnung „Vorstand der jüdischen Gemeinde" angewendet wird. Auch in der hiesigen Gemeinde hieß es früher „Jüdische Korporation". Da diese Bezeichnung ausdrücklich im Gemeinde-Statut vorgesehen war und Aendermtgen irrt Statut nur mit Genehmigung des Oberpräsidenten vorgenouunen werden durften, wandten wir uns im Jahre 1887 an die Königliche Regierung und baten um Genehmigung der Umänderung in „Vorstand der jüdischen Gemeinde". Darauf erhielten wir folgende Antwort: „Bromberg, den 27. März 1687. Auf die Eingabe vom 23. v. M. erwiedern wir dem Vorstande, daß wir keine attsreichende Veranlassung zttr Herbeiführung einer Abänderung des Statttls der dortigen Synagogen-Gemeinde ersehen können. Witt der Vorstand in Zukunft sich als „Vorstand der jüdischen Gemeinde" statt „Jüdische Korporation" bezeichnen, so ist unserseits hiergegen nichts zu erinnern. Königl. Regierung, Abtheilung des Innern gez. v. Gruben."? Jnowrazlaw, 14. Juli. Ter hier seit ca. 15 Jahren thätige Krankenbesuchs-Verein hatte vor Kurzem beschlossen, seine Tendenz dahin zu erweitern, daß derselbe attch die Leichenbestartung bewirken soll. Es entsprach dieses einem allgemein geäußerten Wunsche hiesiger Gemeindemitglieder, die an Stelle bisher besoldeter Bale misaskirn selbst als Samariter thätig sein wollten. Zu diesem Zwecke berief der Vorstattd eine Generalversammlung, der auch Nichtmitglieder, die Herren Justiz" Rath Fromm, M. Herzfeld u. A. beitvohittett, tmb beantragte in derselben die Wahl einer Kommission mit der Aufgabe: neue Statuten für beit Verein zu entwerfen. Jtt der nun ant 3. d. M. abgehaltenen zweiten Versatnntlttng, in welcher Herr Herzfeld als Referent, Herr Justiz-Rath Fromm als Korreferent fungirteu, wttrden die Statttten, nachdetn Herr Herzfeld in einer längeren Artsprache die Ziele des Vereins präzisirte mtb in beredten Worten das Samariterthum unserer Altvordern der jetzigen Generation zur Nacheiferung empfahl, angenomuten uttd Herr H erzfeld zum Vereinsvorsitzenden, Herr I. Abr ahmso hn zum Vorsteher des Leichenbestattungwesens und Herr I. Sandler zum Vorsteher der Krankenpflege gewählt. Herr Justiz-Rath Fromm, welcher Mitglied der Kommission ist, gilt als Vorsitzender derselben, ebenso Herr Dr. Warschauer als dessen Stellvertreter. Der Verein schloß seine erste Versammlung, welche der Konstitnirung galt, mit Abhaltung des Minchah- Gottesdienstes, bei welchem auf Wunsch der Mitglieder der Vorsitzende Herr Herzfeld die Benediktion vortrug. F. Brannschweig, 17. Juli. Der Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde Herr Kaufmann John Landauer, ein durch seine wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiete der Naturwissenschaft in Fachkreisen rühmlichst bekannter Mann, welcher schon vor mehreren Jahren von der Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinischen Akademie in Halle zu ihrem Mitgliede erwählt wurde, erfuhr vor Kurzem die Auszeichnung, von der Universität Toronto in Canada zum Ehrendoktor ernannt zu werden. Anlaß hierzu gab der Umstand, daß Herr L. tut Jahre 1890 an die Spitze eines deutschen Komitees zur Widerherstellung der durch eine Feuersbrunst zerstörten Universitätsbibliothek ztt Toronto trat, dessen Geschäfte er mit sehr günstigem Erfolge führte. Nahezu 10,000 Bände wurden durch seine Bemühungen gespendet, darunter Gaben von Sr. Majestät dem deutschen Kaiser und anderen fürstlichen Persönlichkeiten. Erwähnt sei dazu, daß bis heute noch an der genannten Universität nur solche Personen thätig sein dürfen, die der anglikanischen Kirche angehören. 0 Einbeck, 15. Juli. Am Sonntag den 3. d. M. wurde hier unter zahlreicher Betheiligung von Christen und Juden dem Stadtphysikus von Einbeck llr. med. Rosenstein die letzte Ehre erwiesen. Die königlichen sowie städtischen Behörden und die Kollegen, welche vollständig seinem Sarge folgten, hatten den edlen Dahingeschiedenen durch zahlreiche Kranz- und Blutnenspenden geehrt. Opferwillig und stets hilfsbereit übte er fast bis zu dem letzten Athemzuge mit idealer Hingebung die Pflichten seines mühseligen Berufs, und dttrch seine Selbstlosigkeit uttd sein leutseliges Wesen wußte er allen konfessionellen Vorurtheilen mit Erfolg die Spitze zu bieten. Noch vor zwei Jahren beging er unter allseitiger Theilnahme seiner Mitbürger sein 50 jähriges Doktorjubiläum, wobei ihm außer vielen anderen Ehrenbezeugungen von Seiten Sr. Majestät dem Kaiser eine Auszeichnung und Anerkennuttg in Gestalt des rothen Adlerordens ztt Theil wurde. Nun hat ihtt der Tod in einetn Alter von fast 77 Jahren von seiner segensreichen Thätigkeit abberufen und eine schwer auszusüllende Lücke in der Reihe seiner jüdischen wie christlichett Mitbürger gerissen. — Sein Andenken aber wird in den dankbaren Herzen derselben fortleben. * Stratzburg, 18. Juli. Mit dem grimruigsten Hasse verfolgt die Antisemitenpresse, besonders die katholische, den hiesigen Professor,