Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueberall haben die Zeitungen und auch angesehene Bürger Sammlungen zu seinen Gunsten unternomnten, und es bedarf wohl keines Wortes, daß wir dies Vorgehen mit herzlicher Freude begrüßen, zumal da die Samullungen guten Fortgang nehmen. Es ist aber vielleicht nicht überflüssig, darauf aufmerksam zu machen, daß durch den Xantener Prozeß nicht Buschhoff allein geschädigt ist, sondern mit ihm ein Theil der jüdischen Gemeinde von Xanten, und daß deshalb die Entschädigung sich nicht auf Buschhoff beschränken kann. Wir glauben deshalb annehmen zu dürfen, daß die Sammlungen den allgemeineren Zweck haben, und Buschhoff nur den Sammelnamen abgiebt. An anderer Stelle veröffentliche!: wir der: Aufruf des Berliner Komitees, den wir der werkthätigen Theilnahme unserer Leser auf das Wärmste empfehlen. — Buschhoff wohnt jetzt mit seiner Familie in Köln Am vergangenen Sabbath war er in der Synagoge. Dieselbe war, wie man uns von dort schreibt, überfüllt wie am Versöhnungstag. Buschhoff wurde zur Thora gerufen und hat mit thränenerstickter Stimme feierlich „Gomel gebenscht". Die Besucher der Synagoge waren sämmtlich tief ergriffen 3L Berlin, 20. Juli. Der hebräische Litteratur-Verein „Mekize Nirdamim" versendet an seine Mitglieder den Abschluß der Jahresrechnung für das siebente Vereinsjahr. Es geht aus demselben hervor, daß das abgelaufene Vereinsjahr nicht unbedeutende Schwierigkeiten, welche die der Vorjahre übertreffen, bot. Die russischen Censur-Verhältnisse, welche selbst als „eingeschrieben" gesandte Packete zur Beförderung an die Vereinsmitglieder in jenem Lande nicht mehr zulassen, ergab einen Ausfall in der Einnahme, der allerdings durch einen größeren Erlös aus dem Verkauf früherer Jahrgänge ziemlich gedeckt ist. Dagegen ist ein neues Konto über gezahltes Honorar für die Bearbeitung des Sefer Ehasidim und des Machsor Vitry hinzugekommen. Für das neue Vereinsjahr ist zuvörderst die möglichste Fertigstellung der Schlußlieferung der bisherigen Schriften in Angriff genommen. Dieselbeist bereits so vorgeschritten, daß die Versendung der Schriften in diesem Jahre reit zeitig wird erfolgen können. Berlin, 20. Juli. Das öffentliche Leben steht jetzt int Zeichen der Ferien, auch das jüdische. Vorstand und Repräsentanten, Rabbiner und Beamte, Alles ist in den Ferien, Alle Vereine schlafen, alle Kommissionen schlummern. Nur eine nicht — die Armen-Kontmission. Denn der Hunger hat keine Ferien, die Noth keinen Aufschub. So erfüllt sich auch hier in eigener Weise das schöne Schriftworl: „Ich schlafe, mein Herz ist aber wach" in der Auslegung des Midrasch: „Ich schlafe in der Erfüllung der Gebote, aber mein Herz ist wach in der Erfüllung von Liebespflichten." Wie gesagt, die jüdische Wohlthätigkeit rastet auch im Sommer nicht, und wir könnten manches hübsche Beispiel davon erzählen. Haben wir doch jüngst erst von der Stiftung eines hochherzigen Mitbürgers für arme Waisenkinder berichten können. Andere werden sicher stets diesem schönen Beispiel folgen. Gerade auf diesem Gebiete hat ja das jüdische Berlin Großes geleistet. Soeben hat der Verwaltungsdirektor des großen Friedrichs-Waisenhauses Herr A. Fischer über „die Waisenpflege der Stadt Berlin" ein Buch herausgegeben, welches ans Grund eines fleißig aus amtlichen und anderen Quellen gesaunnelten Materials alle Anstalten und Stiftungen, die in Berlin der Waisenpflege dienen, ausführlich behandelt. Schon ein Blick über die Inhaltsangabe zeigt, in wie reichem Maße sich jüdische Wohlthätigkeit auch für allgemeine städtische Zwecke bewährt hat. Die größeren jüdischen Institute, das Reichenheimffche Gemeinde-Waisenhaus, das Baruch Auerbach'sche Waisenhaus, die Mendelssohn-Stiftung u. s. w., ebenso auch die Waisenkommission der jüdischen Gemeinde sind in besonderen Kapiteln behandelt. Hier stützt sich nun die Darstellung wesentlich auf die in: Jahre 1887 (S. Gerstmanns Verlag in Berlin) erschienene sehr instruktive Schrift von Dr. M. Jutrosinski: „Die Waisenpflege der Berliner jüdischen Gemeinde". Auf diese vorzügliche Schrift möchten wir bei dieser Gelegenheit Hinweisen. Sie enthält neben dem historischen und statistischen Material über die jüdische Waisenpflege in Berlin auch allgemeine Betrachtungen des Verfassers, der ja eine anerkannte Autorität auf diesem Gebiete ist, über Geschichte und Bedeutung der Waisenerziehung im Judenthum überhaupt, und sie dürfte daher stets auch in weiteren Kreisen Interesse erregen. # Berlin, 18. Juli. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß Ausländer die Naturalisation durch ihre Anstellung in einem direkten oder indirekten Staatsamte auch ohne besondere Verfügung erlangen. So liegt uns heute ein Schreiben vor, welches die Königliche Regierung zu Schleswig vor zwei Jahren an den israelitischen, im Auslande geborenen Lehrer einer dortigen Gemeinde richtete. Dasselbe lautet: „Schleswig, den 1. März 1S90. Auf das Gesuch vom 18. Dezember v. I. um Ertheilung einer Naturalisationsurkunde eröffne ich Ihnen unter Rückgabe der Gesuchsaulagen, daß Naturalisationsurkunden gemäß den Bestiunnungeu des Staatsangehörigkeitsgesetzes vom 1. Juni 1870 nur Ausländern, welche damit die preußische Staatsangehörigkeit erlangen, ausgefertigt werden. Da Sie die preußische Staatsangehörigkeit bereits durch die Ihnen von der Königlichen Negierung, Abtheilung für Kirchen- und Schulwesen in P. am 4 Februar 1878 ertheilte Bestallung als interimistischer Lehrer gemäß tz 0 des genannten Gesetzes erworben haben, ist die Ausfertigung einer Naturalisationsurkunde für Sie überflüssig. Der Regierungs-Präsident." * Berlin, 18. Juli. In der Münchener „Allg. Ztg." veröffentlicht Graf Westarp die Eindrücke, die er bei einem Besuche in Friedrichsruh empfangen hat. Unter Anderem schreibt dieser neueste Bismarck-Interviewer, der in den von Bismarck-Begeisterung freien Augenblicken antisemitischen Neigungen huldigt — seine Liebe theilt sich zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Antisemitismus —, daß zwischen ihm und seinem fürstlichen Wirthe auch „ein Wort über die Juden" gefallen sei. Bescheiden verschweigt Graf Westarp, was er gesagt; aus der Antwort kann man seine Rede rekonstruiren: „Ja, die Juden!" rief er aus, „aber was wollen Sie mit ihnen machen? Eine Bartholomäusnacht oder eine Sizilianische Vesper?"-Man kann es den: Grafen Westarp nicht verübeln, daß er die Abweisung, die er erfahren, etwas verhüllt hat. [:] Berlin, 19. Juli. Aus scharfen Angriffen gegen Ahlwardt besteht eine Broschüre, welche unter dem Titel: „Ahlwardts Ende" bei I. van Groningen u. Co. in Berlin erschienen ist und nach angeblich „authentischen Enthüllutrgen Eingeweihter" von Ed. Mund verfaßt ist. Zunächst wird mitgetheilt, was der Antisemit August Weiß ausplaudert. Er bemühte sich, einen „Deutschen Bund zur Hebung des deutschen Mittelstandes" in die Höhe zu bringen; die Erfahrungen, welche er dabei mit seinen antisemitischen Freunden, nantentlich in Geldsachen, machte, veranlaßten ihn, aus dem Bunde wieder auszutreten. Herr Weiß schildert dann den „großen Volkstribun" Ahlwardt in einer außerordentlich interessanten Weise. Wenn seine Angaben richtig sind, so hätten wir den großen Feldzug gegen das Judenthum nicht dem Rektor, sondern der Frau Ahlwardt zu verdanken. Merkwürdig sind auch die Bekundungen des Hauptzeugen Ahlwardts gegen die Gewehrfabrik Löwe u. Co., des Herrn EduardKrähahn. Aus denselben geht hervor, daß Ahlwardt die ihm gemachten Mittheilungen in ganz willkürlicher Weise abgeändert hat, und zwar hat Ahlwardt selbst diese Aussagen auf einen von Krähahn vorher Unterzeichneten Bogen geschrieben. Pikant sind die Mittheilungen über nicht gehaltene Versprechungen, über die Herren v. Wackerbarth, v. Langen, Regierungsassessor v. Hülsen, Paasch,