Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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grüner" Geisteskraft, welche die Wissenschaft verleihe, und die „immergrüne" Rede beschloß ein donnernoes Prosit, von dem die Gläser erzitterten: „Prosit, immergrünes altes Haus!" Aelteren Leuten wäre es bei dieser Rede vermuthlich ganz immergrün vor den Augen geworden. Der junge Lehramtskandidat gewahrte das Verhängnis; noch nicht, das über ihm schwebte. Er explizirtc seinen Schülern mit Feuereifer die Kommentare des Cäsar, die Anabasis des .W'iwphon, und bald waren drei Jahre vergangen, fast ohne daß er es gewahrt hatte. Nur das; er noch immer Lehramtskandidat war, erinnerte ihn an den unheimlichen Flug der Zeit. Ta hörte er eines Tages, wie ein boshafter Schüler ihm nachkicherte: „Der immergrüne Kandidat!" Und von da an deckte sich über seine Seele eine tiefe Wehnruth. Er hätte zuin Menschenfeinde werden können, wenn er sich nicht im Innersten gescheut hätte, dadurch das Andenken seines braven Vaters zu verunglimpfen, von dem er den Nameir hatte. Aber wie langsanres Gift wirkte die Bosheit jenes Schülers in ihm fort. Er horchte krankhaft umher, ob nicht irgendwo eine Anspielung auf seinen Namen erfolge, er ging mehr als je unter Menschen, nur sich zu versichern, daß man an seinein Namen nicht Anstoß nehme, und schon dünkte es ihm, daß er von thörichter Selbstqnälerei befangen sei, da begegnete ihm auf einem Hansballe abermals das Verhängniß. Er war ein guter Tänzer, aber er tanzte nur Sechsschritt. Mit seiner Tänzerin, einem schönen, redseligen Mädchen, plaudernd, wartete er, das; die Reihe an ihn komme. Die Partnerin erzählte ihm dies und das, zuletzt auch, um ihm etwas Angenehmes zu sagen, das; er als Sechsschritt-Tänzer viel bewundert sei, und daß man sogar, wenn man einen Tänzer rühmen wolle, von ihm bemerke, er tanze einen „immergrünen" Sechsschritt. Er wurde abwechselnd kreideweiß und zinnoberroth, er tanzte die Tour wie ein Automat, dann schlich er stöhnend nach Hause, um sich selbstmörderisch m die tiefsten Abgründe antiken Meltleids, in die Trauerbriefe des Ovid zu stürzen. O, hatte es nur auch für ihn ein Exil, ein Tomi fern am Pontnsgestade, gegeben! Aber die Tage kommen und gehen, singt der Psalmist, und die Erde bleibt bestehen. Doktor Immergrün interpretirte weiter den Cäsar und den Xenophon, er wurde allgemach sogar auch befördert. Der Kandidat ging, der Lehrer kam, aber der Immergrün blieb bestehen. Freilich, mit dem Tanzen war's vorbei, und auch die Erinnerungen an die fröhliche Studentenzeit hatten sich allmälig verflüchtigt. Dahin, hinab! Wenn man aber das dreißigste Lebensjahr hinter sich hat, über eine wohlgebaute Gestalt und eine anerkannte Gelehrsamkeit verfügt, wenn man an lautlos horchenden Schülern länger als ein Lustrum seine Beredtsamkeit geübt hat und sich erinnert, daß nach Aristoteles der Mensch ein politisches Thier ist, so braucht man sich öffentlicher Ambitionen nicht zu schämen. Im Bezirksverein könnte man als Demosthenes Triumphe feiern und das Auditorium durch klassische Citate in der Ursprache clektrisiren. Im Gemeinderathe ist an gewiegten Pädagogen Noth; im Parlament stößt der llnterrichtsminister auf eine viel zu wenig fachlich geschulte Opposition. Doktor Immergrün, Du schläfst! Du kannst das Jubiläum des sechstansendsten deutschen Aufsatzes, den Du korrigirt hast, begehen, und die Welt weiß nichts von Dir. O, über die Bestrickungen des Ehrgeizes! Freilich ist Doktor Immergrün zuni Politiker wie gemacht; er hat ein Organ, das jeder Präsidentenglocke spotten würde; die soziale Frage liegt gelöst vor seinen Augen, welche in jedem Winkel Spartas und Athens zu Hause sind; als er in der Klasse neulich den Sturz des Targuinius Superbus erzählte, da sprang ein Schüler auf der dritten Bank begeistert auf und rief: „Nieder mit der Tyrannei!" Aber inmitten all' dieser Träume steht, breit aufgepflanzt, das Verhängniß seines Namens. Ihm schaudert bei der Vorstellung, daß der Präsident im Parlament ihn aufrufeu könnte: „Der Abgeordnete Immergrün hat das Wort", und daß de: Redner nach ihm seine Erwiederung mit dem Satze einleiten möchte: „Nach dieser immergrünen Rede ist mir die Vertretung meines Standpunktes wesentlich erleichtert." Nein, nein, wer Doktor Immergrün heißt, bleibe bei seinem Bakel und . . . Und ... ach, dieses fürchterliche Und. Er wollte sich ja längst verheirathen, denn die Einsamkeit hat ihn gequält, und in schlaflosen Nächten sind Cäsar und Xenophon, Tacitus und Thukydides, Ovid und Livius oft in feierlicher Prozession um sein Bett gewandelt, sie zeigte» mit ihren knöchernen Fingern nach ihm, und er wäre so gern vor ihnen in die weichen Arme eines geliebten Weibes geflüchtet. Dock, woher es nehmen, das vorurtheilslose, unbefangene Weib, welches siü> nicht davor scheute, Frau Doktor Immergrün zu heißen? Dreimal, auf Ferienreisen, war er nahe daran, cs zu finden; er merkte es an den Augen, an denr Lächeln der Lippen; er sprach von Liebe, unu dem schönen Gegenüber im Koupee leuchteten die Blicke. Ruth Sappho, Agnes Bernauer, Philippine Welser, sie alle führte er in einem meisterhaften historischen Vortrage, der das Rollen der Rüde übertönte, mit unvergleichlicher Beredtsamkeit vor; aber dann . . . dann aber, wenn er seine Visitkarte überreichte, warf ihn der Eindruck den dieselbe machte, aus allen Himmeln. Und nach jeder diese Ferienreisen kam er mit dem festen Vorsatz heim, die böse Welt zn verachten und die Frauen am allermeisten. Wenn nur dabei nich; die Voraussetzung des frommen Kirchenvaters wäre, daß man, uti; die Welt verachten zu können, vorher sich selbst verachten muß! Und so ist dieser Immergrün nach wie vor ein tüchtiger Gymnasial lehrer, aber ein Politiker, ein Tänzer, einj Ehemann ist er »ich und er wird vermuthlich als Hagestolz sterben. Auf dem „guten Ort" wird sein Name ihm nicht mehr schaden. * Fitterarrsche Mittheilungen. * Das Juli-Heft von „Nord und Süd" bringt an seiner Spitze bei ersten Theil einer neuen Novelle von Wilhelm Jensen: „Hunnenblut/ die uns in das alte Chiemgau und in die Mitte des 11. Jahrhundertversetzt. Jensen zeigt hier wieder seine Meisterschaft, vergangene Zeiten zu beleben und in einer eigenthümlichen poetischen Beleuchtung zu zeigen. Alfred Kalischer entwickelt Moritz Moszkowskis Bedeutung als Musiker, speziell als Opernkornponist, indem er dessen Oper „Boabdil", die bei ihrer Aufführung in Berlin einen so glänzenden Erfolg errang, ein gehend aualysirt. Der Komponist, dessen durchgeistigte Züge uns ein vorzügliche Nadirung von I. Lindner vor Augen führt, hat selbst ein allerliebste Plauderei: „Musikstunden" beigesteuert. Sehr interessant lehrreich und zum Theil auch ergötzlich sind die Mittheilungen, die Pan Lindau in seinen „Bildern aus dem Nordwesten der Vereinigten Staaten' zunächst über den Staat Washington macht. Was hier über das Eni stehen amerikanischer Städte, über amerikanische Reklame, über amerikanische- Deutsch, über die „verrückte Stadt" Jakima u. A. erzählt wird, kling' für europäische Ohren gar wundersam, theils staunende Anerkennung theils befremdetes Kopfschütteln oder gar spottlustige Heiterkeit heraus fordernd. — Wolfgang Eras beleuchtet das vor Kurzem publizirte Gesetz, betreffend die „Gesellschaft mit beschränkter Haftung." Eine packend Novelle aus dem Französischen: „Gift" von Jean Reibrach behandelt i> ergreifender Weise das Verhängniß einer schuldbeladenen Vergangenheil die nicht auszulöschen ist. Endlich erörtert F. Dannemann in kurzer, aber überaus klarer, leichtfaßlicher Darstellung „die Problerne de modernen Naturwissenschaft." Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.