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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-22 · Heft 30 (22.7.1892) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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359 reit heimthig und aus den, residirte, er befand t Fürste» nun be- :res dem e immer Wassers; . Da er it Mundwenn er che habe, ch sofort, in treuer man de» üinahme, in wollte man gab Tropfen ein und r hinaus Parteien Hofe zn r Mnnd- £>en habe er selbst, :be feine oar nun efflichkeit und er dies vor sprechen nit einer brauche, rächte er gen sich Gründe he schon , verlor and, die n, und gesteigert nun in i, bellte Buckel, an ihm irst und Zauberfinsterm Du de» Der beliebte und angesehene Mann war gar nicht so geartet, oaß er der feindseligen Bewegung, die sich jetzt im Saale zeigte, widerstehen konnte. Er würde sicherlich noch in diesem Augenblick einen großen Sieg davongetragen haben, wenn er sich erboten hätte, den ganzen Inhalt der Flasche zu trinken, und dadurch zu beweisen, daß man ihn unschuldig verdächtigt habe, allein er verlor völlig die Besinnung und stand nun wie ein Verbrecher da. Da befahl der Fürst, ihn ins Gefängniß abzuführen und ihn als Hochverräther und Majestätsverbrecher zu behandeln. Da rief der liebe Gott im Himmel Elias zu sich, zeigte ihm den Mann im Gefängniß und sagte ihm, wie Alles sich zugetragen habe. „Ich bin stets ein heftiger Mann gewesen," rief Elias, „auch hat es mir nichts genützt, daß Du nuch in glühendem Wagen und mit glühenden Pferden in den Himmel fahren ließest. Wohl habe ich den Namen eines Propheten bekommen, aber ich bin es nicht, der Alles voraussah, sondern Du warst es, Herr! Ich vermochte nicht voranszusehen, wohin der Wunsch dieses Mannes führen würde, und nun habe ich Mitleid mit ihm. Allmächtige Majestät, willst Du hier nicht helfen?" Der Herr fragte, was min hier zu thun sei. „Er muß aus dem Gefängniß heraus!" antwortete Elias. „Wenn Du es erlaubst, werde ich selbst gehen und ihn befreien." „Und wohin willst Du ihn führen?" fragte der Herr. „Nach seiner Stadt." „Kann der Fürst ihn da nicht erreichen?" „Gewiß, das bedachte ich nicht! Aber dann kann ich ihn weit fortführen, nach einem anderen Lande." „Aber dann machst Du ihn fremd und landflüchtig und unglücklich," sagte der Herr. „Deine Majestät hat immer Recht!" rief Elias. „Ich weiß »iäsis. Ich habe den armen Manu in ein Bet-Haniidrasch geführt!" Darauf entgegnete der liebe Gott: „Dann werde ich also ein Wunder thnn müssen, nur um das frühere Mirakel zu verwischen. Ich werde das Herz des Fürsten mildern. Er wird dann den Mann als unschädlich heimsenden; aber ich werde die Kraft des Wassers dem Brunnen wieder entziehen und die Wirkung desselben nach und nach dem Sinn der Einwohner nehmen, damit der Mann nicht gar so schnell z» dem herabsinke, was er wirklich ist. Alle die Mühe hast Du mir mit dem einen Wunsch geniacht, Elias." Elias warf sich auf das Angesicht und dankte dem Herrn, aber sagte dann: „Will Deine Majestät mir eine Frage erlauben?" Der Herr antwortete: „Sprich!" „Der Mann," sagte Elias, „wünschte etwas, das sich mit ihm selbst in Uebereinstimmung befand, und doch erging es ihm übel. Was muß also ein Mensch wünschen?" Der Herr erwiederte: „Derjenige, welcher etwas Anderes verlangt, als die Gabe, das Gute zu thun. ist ein Thor; aber derjenige, welcher einen solchen Wunsch nährt, ist schon erlöst." Während diese Geschichten erzählt wurden, hatte ich fast ganz vergessen, daß meine Reisegeuossen Kaufleute waren, die zu einer Auktion reisten, und ich wurde ganz überrascht, als der Postwagen plötzlich, ganz in der Nähe des Schlosses, hielt und als andere Leute sie grüßten, und als sie ohne jeglichen Uebergang über Geschäftsangelegenheiten mit einem Juden zu sprechen begannen, als ob sie nie an etwas Anderes gedacht Hütten. Es war mir, als stand ich vor einer Berwandlmig — aber welche Gestalt war denn die wahre? Doktor Immergrün. Bon Wilhelm Goldbaum. Daß er Gymnasiallehrer war und seinen Genius jahraus jahrein an den deutschen Stylübungen von dreißig dürr veranlagten Tertianern aufreiben mußte, das Hütte er am Ende noch mit Fassung ertragen. Es giebt ja Leute genug, welche den Beruf des Pädagogen als das Ideal menschlicher Geistesbethütigung ansehen, und wenn das Schlagwort: „Wer die Schule hat, dem gehört die Zukunft" seine Richtigkeit hat, so begreift man, woher das Selbstbewußtsein des modernen Pädagogen stammt, sei es nun, daß er als Hochschulprofessor über die Alma mater wacht, oder daß er in der Sexta des Gymnasiums von Buxtehude den Bakel schwingt, zumal wenn man selbst zu dem Gipfel dieser Stellung um seines Glaubens willen nur mühsam hat hinaufklimmen können. Aber mit dem Verzicht auf einen än sich berechtigten Ehrgeiz ist es allein nicht gethan. Es existiren noch andere Schmerzen, die einem feinfühligen Menschenkinde das Leben verleiden können, und feinfühlig ist man durch Ratiirbestimmniig, wenn man Doktor Immergrün heißt. Doktor Immergrün . . . Als er geboren wurde — natürlich war er ein Erstling — stand draußen Alles in voller Blüthe und lustiges Vogelgezwitscher antwortete auf seine» ersten Sehrei. Als er zum ersteninale in die Schule geführt wurde, war es bei seinem Vater eine ausgemachte Sache, daß er mindestens Professor werden müsse. Als er das Zeugnis; der Reife heimbrachte, fiel ihm die Mutter mit thrünendem Jubel um den Hals und konnte sich minutenlang an seiner elastischen, schlank aufgeschossenen Jünglingsgestalt nicht satt sehen, die zn allem Großen und Hohen deutlich vorbestinunt schien. Und als er endlich das Doktordiplom, das steife, ehrwürdige Pergament, unter schmeichelhaften lateinischen Redensarten von dem Magnifikns ausgehändigt bekam, da waren Vater und Mutter tobt; sie hatten die beste Freude, der sie vierundzwanzig Jahre zuversichtlich entgegengeharrt, nicht erleben sollen, und Doktor Immergrün mußte ohne sie in das feindliche Dasein hinaus. An alledem ist nichts Tragisches; es begegnet Tausenden, und Doktor Immergrün hätte es verwunden, wie es Tausende verwinden müssen. Die Eriimernng an die Kinderzeit ist süße Bitternis;, und wer in jungen Jahren an den Gräbern seiner Eltern gestanden, der hat den Schmerz des irdischen Seins weg; keinen größeren droht ihm mehr das Leben. Aber ein Erbstiick halte er überkommen, das wit ein Verhängnis; mit ihm ging und dessen er sich erst bewußt wurde, als er die Schwelle der selbstzuschaffenden Existenz überschritten hatte. Dieses Erbstück war der Name, den sei» Ur-Großvatcr vor vielen Jahren einst bei der Namengebung der Juden sich um schwere Dukaten glücklich errungen. Wenn man eine Erbschaft mit all den Verpflichtungen, die daran haften, übernimmt, so neunen die Juristen es eine Erbschaft sine beneficio iiiventarii. Doktor Immergrün war der Inhaber einer solchen Erbschaft. Bevor er als Lehramtskandidat das Probejahr antrat, gab ihm die Burschenschaft, der er angehört hatte, mit einer solennen Kneiperei ihren Segen. Es war ein kleiner Kommers; in ihren rothe», schwarz-roth-gold nnisänmten Kappen saßen sie an zwei langen Tischen beisammen; blinkende Schläger lagen gekreuzt zwischen den schäumenden Bierseideln; das Gaudeamus wurde gesungen und daun der wehmüthige Hallenser Abschiedscant: „So leb' denn wohl, du altes Haus!" Dem Doktor Immergrün waren die Augen feucht, er theilte nach rechts und linkt und über den Tisch hinüber innige Händedrücke aus; da erhob sich der Sprecher zn einer Abschiedsrede. Er sprach von „immergrüner" Jugend, die auf den deutschen Hochschule gedeihe, von „immergrüner" Freundschaft, welche rechtschaffene Burschen verbinde, von „immer-

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