Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Beispiel sehen, dein wir entweder folgen oder das wir verabscheuen werden." — Die Söhne erhoben sich und zogen mit dem Vater von dannen. Zur selbigen Zeit, als sie sich der Stadt näherten, war jener angesehene Mann nach feinem Weinberg gegangen, der in der Nähe der Stadt gelegen war und an dem mehrere Wege znsannncnliefen. Hier geschah es nun, daß der Vater, der mit seinen Söhnen kam und den Weg nicht genau kannte, den angesehenen Mann im Abstande erblickte und ihm zurief: „Heida, Du! Welcher von diesen Wegen fuhrt nach Eurer Stadt?" Der angesehene Mann war cs nicht gewöhnt, ans solche familiäre Weise und noch dazu so laut und befehlend und zwar von Gesichtern angeredet zu werden, welche nicht von Bewunderung und Wohlwollen leuchtete». Es stieg daher in seiner Seele plötzlich ein heftiger Zorn gegen diese fremden Tölpel auf — denn so kamen sie ihm vor — daß er ihnen den Rücken znkehrte und nicht antwortete. Der eine der Söhne ging naher zu ihm hin und fragte: „Bist Du taub?" Er drehte den Kopf ein wenig, gab ein kurzes und mürrisches „Rein" zur Antwort und ging weiter. Der Sohn rief ihm nach: „O, Dn Tölpel der meinem Vater nicht antivorten will! Ist das die Bescheidenheit und die Gastfreiheit, die in Eurer Stadt geübt wird? Wenn Du, der dem Aussehen nach zu nrtheilen, einer der niedrigsten Bürger der Stadt bist, Dich auf solche Weise gegen die Fremden betrügst, was haben wir dann von den Vornehmen zu erwarten, von welchen man behauptet, daß sie bis zum Wahnsinn stolz und eitel sind!" Der angesehene Mann antwortete gar nichts, eilte aber nach Hanse. Seine Erbitterung rmd sein Zorn waren außerordentlich groß genwrden. Daß er wie einer der niedrigsten Bürger aussehe, das brannte in seinem Innern wie glühender Sand. Wohl wußte er sehr gut, daß er die Fremden nur in die Stadt kommen und von dem Wasser der Stadt trinken zu lassen brauchte, um sofort Liebe zu ihm zu fasse»; aber sein Zorn war so groß, daß er weder ihre Liebe haben wollte, noch ihnen das behagliche Gefühl gönnte, ihn -zu lieben und ihn zu bewundern. „Ihr eigener Haß soll sie verzehren!" sagte er; „sie sollen ihn fühlen wie Gift, das brennt!" Als er zur Stadt kam, ließ er deren Thore schließen, und als dann sich die drei Fremden näherten, wurden sie abgewiesen, weil sie den hervorragendsten Mann der Stadt verhöhnt und gekränkt hatten. Sie marschirten also nach ihrer Stadt zurück und verbreiteten weit und breit, in Scherz und Ernst, wie es ihnen dort ergangen war, und welche eingebildete und unhöfliche Leute jene Stadt bewohnten. Ja, sie gingen so weit, zu sagen, daß die Betvohner der Stadt wie es schien, sich einen anderen Gott erwählt hättet und nun einen Assen anbeteten. Dies rief nach und nach begreiflicher Weise eine große Feindschaft zwischen beiden Städten hervor; wo immer auch deren Bürger sich trafen, kam es zu Streitigkeiten und Kümpfen, so daß schließlich Blut floß. Als dies dem Fürsten des Landes zu Ohren kam, befahl er den Führern der beiden Parteien, sich vor ihm einzufinden und ihm Rechenschaft über ihr Auftreten abzulegen. In der glücklichen und liebevollen Stadt war man wohl darüber niedergeschlagen, daß der angesehene und bewunderte Mann eine Reise nntcrnehmen sollte und vielleicht während längerer Zeit abwesend sein müsse; aber anderseits freute man sich schon zu dem Triumph, den er über die andere Stadt davon tragen wiirde; denn es fiel Niemand ein, daran zu zweifeln, daß der Fürst sich ja sofort durch seine Rede überzeugen lasten und ihn mit großen Ehren heimsenden werde. Der angesehene Mann selbst war sehr ruhig und vertrauensvoll. Er füllte eine Flasche mit dem Master aus den, Brunnen der Stadt und nahm sie mit sich. Als er nun nach der Hauptstadt kam, wo der Hof residirte, sah er bald ein, daß die Flasche, worin sich das Wasser befand und die sehr hübsch war, doch zu unansehnlich sei, um dem Fürsten als Geschenk überreicht zu werden, und das Wasser, welches nun bereits mehrere Tage alt geworden war, nicht ohne weiteres dem Fürsten zum Trinken angeboten werden könne, Er wurde iinmer verlegener mit Rücksicht auf die richtige Anwendung des Wassers; denn darauf, vermeinte er natürlich, würde Alles ankommen. Da er feinen besseren Rath wußte, waudte er sich schließlich an den Mundschenk des Fürsten und bot ihm ein großes Geschenk an, wenn er einige Tropfen des unschuldigen Wassers, das er in der Flasche habe, in den Wein des Fürsten mischen tvürde. Der Mundschenk nahm das Geschenk an und versprach sofort, das Gewünschte in Ausführung zu bringen; aber da er ein treuer Diener seines Herrn war, offenbarte er Alles dem Fürsten. Der Fürst berief seinen Rath, und sofort, nachdein man den Bericht des Mundschenken gehört hatte, gelangte man zu der Annahme, daß die Flasche Gift enthalte. Keiner der Diener des Fürsten wollte sich der Gefahr anssetzen und von dem Wasser trinken; man gab daher einem Hunde, einer Katze und einem Huhn je einige Tropfen von dem Inhalt der Flasche. Darauf schloß man sie ein und beobachtet) sie. Sie wurden bald sehr unruhig und lvollten hinaus ins Freie, was man für ein sehr bedenkliches Zeichen ansah. Jndeß war die Stunde gekommen, wo die streitenden Parteien vor dem Fürsten und seinen Räthen sammt dem ganzen Hofe zu erscheinen befohlen worden waren. Der angesehene Mann verließ sich sicher darauf, daß der Mundschenk dem Fürsten etwas von dem Wasser zu trinken gegeben habe und trat vertrauensvoll auf, um seine Rede zu halten. Aber selbst, wenn er sich nicht auf den Mundschenk verlassen hätte, würde seine Rede wahrscheinlich dennoch dieselbe gewesen sein; denn er war nun einmal so vollständig daran gewöhnt worden, seine eigene Vortrefflichkeit und die seiner Stadt zu sehen und darüber zu sprechen, und er begriff daher gar nicht, daß es nothwendig sein könnte, dies vor Jemandem zu beweisen. Aber als er hervortrat, um zu sprechen i machte er keinen guten Eindruck; denn er hatte die Augen mit einer Miene niedergeschlagen, als ob er dieselben nur aufzuschlagen brauche, um zu blenden, und nach dem Brauch sehr eitler Leute machte er mit den Lippen eine Bewegung, als ob er mit Wohlbehagen sich selbst schmecke. Und als er nun in seiner Rede keine anderen Gründe vorbrachte als solche, die nur Leute befriedigen konnte, welche schon aus dem Brrnmen getrunken hatten und überzeugt waren, verlor seine Stadt ihre Sache bei allen Zuhörer». Zu seinem eigenen Unglück geschah es nun, daß der Hund, die Katze und das Huhn, die von dem Wasser getrunken hatten, und deren Hingebung für ihn durch den Zwang nur noch gesteigert worden war, aus ihrem Verschluß entronnen waren und nun in den Andienzsaal gelangten. Der Hund sprang zu ihm hin, bellte vor Freude und leckte seine Hände; die Katze machte einen Buckel, erhob den Schwanz in die Höhe und strich sich freundlich an ihm lvährend das Huhn die Flügel schlug und gackelte. Der Fürst und seine Rüthe sahen darin ein Zeichen, daß die Flasche einen Zaubertrank enthalte; der Fürst erhob sich nun tml) sagte mit finsterm Blick: „Was ist das für ein Trank, den uns zu geben Du den Mundschenk verleiten wolltest?"